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Warum zwei Masken der Erlösung dieselbe Geschichte erzählen
Wer einmal bewusst nebeneinanderlegt, wie Purim gefeiert wird und wie sich in Europa der Karneval entwickelt hat, stößt auf eine irritierende Beobachtung: Zwei Feste aus völlig unterschiedlichen religiösen Traditionen wirken erstaunlich ähnlich. Beide sind laut, bunt, übermütig, voller Masken, Parodien und einer Atmosphäre, in der gesellschaftliche Regeln für kurze Zeit außer Kraft gesetzt scheinen. Autoritäten werden verspottet, Rollen werden vertauscht, und ausgerechnet der
christophmatthes86
6. März4 Min. Lesezeit
Iron Dome der Seele
Manchmal sagt ein Kulturfestival mehr über ein Land aus als ein Regierungsprogramm. Politik beschreibt, was beschlossen wurde. Kultur zeigt, wer wir sind. Oder vielleicht noch genauer: wer wir sein wollen. Gerade zwischen Purim und Pessach liegt dafür eine eigenartige Zeit. In den alten Schriften beginnt mit dem Monat Adar etwas Ungewöhnliches: Die Freude soll wachsen. Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil sie eine Entscheidung ist. Das wirkt zunächst paradox. Die Nachricht
christophmatthes86
6. März3 Min. Lesezeit
Frisst Frust Frist oder Lust?
Es gibt Tage, da merkt man: Das sind keine Nerven mehr. Das ist eine Zündschnur. Man erkennt den Unterschied daran, dass sie nicht plötzlich brennt. Sie glimmt. Langsam. Millimeter für Millimeter. Und jedes Mal denkt man: Ach, wird schon wieder ausgehen. Bis man merkt, dass jemand immer wieder mit dem Feuerzeug danebensteht. Viele nennen das dann mangelnde Frustrationstoleranz. Als müsste man nur lernen, mehr auszuhalten. Mehr Geduld. Mehr Gelassenheit. Als wäre Frust eine Ar
christophmatthes86
4. März3 Min. Lesezeit
Kein Zurück vom Schritt zurück
Es gibt Entscheidungen, die wirken wie ein Rückzug – und sind in Wahrheit ein Anlauf. Ein Schritt zurück ist nicht automatisch Kapitulation. Manchmal ist er die einzige Möglichkeit, um wieder Schwung zu holen. Wer schon einmal Hochsprung gesehen hat, weiß: Niemand springt aus dem Stand über zwei Meter. Man geht zurück. Man misst den Abstand. Man fokussiert. Und dann läuft man. Es gibt diese seltsame Angst in uns, dass Zurückgehen Schwäche bedeutet. Als würde nur derjenige gew
christophmatthes86
2. März2 Min. Lesezeit
Bescheren statt beschweren
Es ist erstaunlich, wie nah sich zwei Wörter sein können – und wie weit ihre Wirkung auseinanderliegt. Beschweren. Bescheren. Ein einziger Buchstabe entscheidet, ob wir Gewicht verteilen oder Geschenk werden. Beschweren ist einfach. Es braucht keine Leichte oder Kreativität, nur Wiederholung. Man zählt auf, was fehlt. Wer schuld ist. Was anders laufen müsste. Beschweren verschafft kurzfristig Erleichterung – und langfristig Schwere. Denn jedes Mal, wenn wir uns beschweren, le
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27. Feb.2 Min. Lesezeit
Sehnsucht
Sehnsucht klingt harmlos. Fast poetisch. Ein Wort für Sonnenuntergänge, alte Lieder und Züge, die abfahren. Dabei ist Sehnsucht nichts Zartes. Sie ist eine innere Dehnung. Das Wort trägt es schon in sich: sich sehnen – sich strecken, sich länger machen, als man gerade ist. Sehnsucht ist ein Herz, das über seine Ränder hinaus will. Vielleicht beginnt alles mit einer sehr schlichten Sucht: der Sucht, gesehen zu werden. Nicht bemerkt. Nicht bewertet. Nicht verwaltet. Sondern erk
christophmatthes86
22. Feb.3 Min. Lesezeit
Wenngleich der Riss trägt
Überall stehen Burgen, Gebäude und Kirchen, älter als unsere Diskussionen. Mauern, die Kriege, Grenzlinien und Ideologien gesehen haben. Wer genau hinsieht, entdeckt sie überall: Risse. Nicht spektakulär, aber real. Und dennoch stehen diese Mauern. Sie tragen – wenngleich sie Spannungen in sich tragen. Niemand käme auf die Idee, sie einzureißen, nur weil der Stein gesprungen ist. Wir nennen es Geschichte. Charakter. Patina. „Wenngleich“ ist kein billiges Trotzdem. Es ist ein
christophmatthes86
21. Feb.3 Min. Lesezeit
Wer sind wir, wenn wir die Masken wieder ablegen?
Mit dem Aschermittwoch endet die fünfte Jahreszeit. Für viele Karnevalisten ist er so etwas wie der Karfreitag ihres Übermutes: Die Musik verstummt, das Kostüm wandert in den Schrank, die Bühne wird wieder Alltag. Wochenlang war Karneval mehr als Ausgelassenheit. Er war Hoffnung in der dunklen Jahreszeit. Ein (halb)Marathon des Übermutes. Ein kollektives Durchatmen in Zeiten, die oft schwer genug sind. Man lacht lauter, als man müsste. Man tanzt länger, als vernünftig wäre. M
christophmatthes86
18. Feb.3 Min. Lesezeit
Wo Humor nicht verstummt – Gedanken über Demokratie, Verantwortung und Karneval
Es ist ein besonderer Moment, wenn sich Politik und Brauchtum begegnen. Nicht, weil wir heute die Rollen tauschen – keine Sorge, wir übernehmen nicht den Landtag oder die Staatskanzlei. Aber weil wir zeigen, dass Demokratie mehr ist als Debatte. Sie ist Begegnung. Sie ist Kultur. Sie ist gemeinsames Lachen. Und genau hier beginnt der Karneval. Karneval ist keine Flucht vor der Realität. Er ist ihr Seismograph. Wir nehmen wahr, was Menschen bewegt. Wir hören, wo es knirscht.
christophmatthes86
17. Feb.3 Min. Lesezeit
Geflissentlich
...ist so ein Wort, das aussieht, als hätte es sein Leben im Duden verbracht. Ordentlich, geschniegelt, ein bisschen nach Amtsstube. Und dann legt man es in einen Satz – und plötzlich steht man selbst darin. Barfuß. Mit diesem kleinen, unbequemen Lächeln im Mundwinkel, das sagt: Ich weiß genau, was ich tue. Es klingt nach Absicht. Nach Paragraph. Nach: Das war so geplant. Und genau da beginnt es zu reiben. Denn geflissentlich meint nicht kalt. Nicht berechnend. Sondern bewuss
christophmatthes86
8. Feb.3 Min. Lesezeit
Wenn die Füße schneller waren als die Seele
Laufen ist ein seltsames Phänomen. Es gilt als gesund, diszipliniert, bewundernswert. Wer viel läuft, hat sofort ein gutes Image. Niemand fragt nach Gründen. Kilometer zählen als Charaktereigenschaft. Dabei läuft kaum jemand einfach nur so. Man läuft, weil etwas drückt. Oder weil etwas still werden soll. Oder weil man Ordnung braucht – dringend, bitte sofort. Laufen ist die vielleicht gesellschaftsfähigste Art, mit sich selbst nicht ganz fertig zu sein. Am Anfang ist es fast
christophmatthes86
6. Feb.3 Min. Lesezeit
Am richtigen Ort
Manchmal fragt man sich wirklich, ob der Schöpfungsakt immer mit einem letzten Kontrollblick geendet hat. Nicht böse gemeint. Eher neugierig. Zum Beispiel beim Pinguin. Ein Vogel, der nicht fliegen kann. Das allein ist schon ein theologisches Statement. Flügel vorhanden, Himmel verpasst. Dafür Beine, die aussehen, als hätten sie sich im Baukasten verlaufen. An Land wirkt er wie eine Mischung aus formeller Abendgarderobe und leichter Überforderung. Er watschelt, als würde jede
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3. Feb.3 Min. Lesezeit
Wie viele Sinne hat der Wahn?
Man sagt, der Mensch habe fünf Sinne. In besseren Ratgebern sind es sechs, in schlechteren siebzehn. Der Wahn hingegen hält sich nicht an solche Vorgaben. Er ist kein Organ, er ist ein Lebensgefühl. Er sammelt Eindrücke wie andere Pfandflaschen und behauptet anschließend, daraus ein System gebaut zu haben. Der Wahn hört Dinge, die nie gesagt wurden, aber gemeint gewesen sein könnten. Er ist der einzige, der den Unterton im Schweigen erkennt und sich dabei sicher ist, dass gen
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2. Feb.3 Min. Lesezeit
Wenn Erinnerung stört
Man kann mit jedem reden. Das ist einer dieser Sätze, die gern dann fallen, wenn man nicht sagen will, worum es eigentlich geht. Natürlich kann man reden. Die Frage ist nur: Was wird dabei normalisiert? Es beginnt selten mit Hass. Hass wäre zu eindeutig. Zu laut. Zu bequem. Es beginnt mit einem Lachen. Nicht böse gemeint. Mit einem Augenrollen. Mit einem Satz, der hinten rausfällt, weil man ihn „ja wohl noch sagen darf“. Zum Beispiel am Tisch. Jemand erzählt von der einen Kol
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30. Jan.5 Min. Lesezeit
Zumutung
Manche Wörter kommen mit schlechtem Ruf zur Welt. „Zumutung“ gehört definitiv dazu. Klingt nach Amtsstube, nach erhobenem Zeigefinger, nach Das ist jetzt halt so. Dabei ist das Wort viel zu schade für diesen Tonfall. Zu-muten. Nicht: überfahren. Nicht: brechen. Sondern: Mut zutrauen. Das ist erst einmal ein schöner Gedanke. Fast schon tröstlich. So schön, dass man ihm misstrauen sollte. Denn seien wir ehrlich: Die meisten Zumutungen fühlen sich nicht nach Wertschätzung an, so
christophmatthes86
28. Jan.3 Min. Lesezeit
Bestenfalls
Der rote Faden wird überschätzt. Wirklich. Er ist etwas für Präsentationen, Beziehungsratgeber und Menschen, die glauben, das Leben müsse sich bitte vorher anmelden. Dabei ist das Leben eher so: Es klingelt nicht. Es fällt rein. Mit Schuhen. Vielleicht geht es gar nicht um den roten Faden. Vielleicht geht es um den Fall. Und zwar nicht den Sturz, sondern den besten Fall. Den Moment, in dem man aufhört, sich krampfhaft zu halten – und sich fallen lässt. Bestenfalls. Das klingt
christophmatthes86
27. Jan.2 Min. Lesezeit
Wunderpunkt
Es gibt diesen Moment, da reicht ein Satz. Oder ein Blick. Oder jemand sagt etwas völlig Harmloses – und zack, innerlich Vollbremsung. „Bitte nicht da.“ Helm auf, Bauch rein, Ironie raus. Man kennt das ja. Man ist schließlich erwachsen. Das ist der wunde Punkt. Der reagiert schneller als jeder gute Vorsatz. Der braucht keinen Kontext, keine Einordnung, keine Nacht drüber schlafen. Der ist sofort da und übernimmt zuverlässig das Steuer. Rückzug. Rechtfertigung. Ein blöder Spru
christophmatthes86
25. Jan.3 Min. Lesezeit
Standard. Nicht Drama.
Meine Grenze ist kein Drama. Sie kommt ohne Soundtrack, ohne Träne im Augenwinkel und ohne pädagogisches Begleitheft. Sie ist ein Standard. So wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Oder Schwerkraft. Ich erkläre sie nicht fünfmal. Ich übersetze sie nicht in „weich“. Ich lackiere sie nicht rosa und binde keine Schleife drum, damit sie besser aussieht. Ich sage auch nicht mehr: „Ist ja eigentlich nicht so schlimm.“ Doch. Wenn es mich stresst, ist es schlimm genug. Punkt. Das ist kei
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24. Jan.2 Min. Lesezeit
Glaubst du an ein Leben nach dem Davor?
Ich habe neulich eine Geschichte gehört, die blieb nicht einfach hängen. Sie setzte sich. Irgendwo zwischen Rippen und Gewissen. Eine dieser Geschichten, die man nicht weitererzählt, um klug zu wirken, sondern weil sie einen leise erwischt. Zwei Babys im Mutterleib. Das eine fragt: „Glaubst du an ein Leben nach der Geburt?“ Das andere zögert nicht: „Natürlich. Es muss etwas geben. Vielleicht sind wir hier nur in Vorbereitung.“ Das erste lacht. Ein kurzes, überlegenes Lachen.
christophmatthes86
22. Jan.2 Min. Lesezeit
Gleichwohl – über die Organisation von Zufällen und das Gewicht des Schönen
Es gibt Wörter, die wir vorschnell missverstehen. „Schwerwiegend“ zum Beispiel. Es klingt nach Schuld, nach Aktenvermerken, nach Dingen, die man lieber klein hält. Gleichwohl geht es dabei nur um Gewicht. Und vielleicht ist es an der Zeit, dem Schönen (s)ein Gewicht (zurück)zugeben. Denn was wirklich zählt, ist selten leicht. Es legt sich nicht obenauf, es sinkt ein. Bleibt. Verschiebt den Schwerpunkt. Schöne Erlebnisse dürfen schwer wiegen – nicht, weil sie mühsam sind, sond
christophmatthes86
18. Jan.2 Min. Lesezeit
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