Das Gute findet zu dir
- christophmatthes86
- 9. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Jan.
Es gibt Zeiten, in denen man sich selbst besser nicht zu genau ansieht.
Nicht aus Feigheit. Nicht aus Verdrängung.
Sondern aus Selbstschutz.
Man ahnt, was dort liegt.
Man spürt die Fragen, die man sich stellen müsste, wenn man ehrlich hinschaut.
Und man weiß: Wenn ich das jetzt alles auf einmal zulasse, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg.
Also schaut man nicht. Noch nicht.
Und das ist kein Scheitern.
Es ist eine Pause.
In solchen Phasen passiert etwas Merkwürdiges:
Man funktioniert.
Man hilft.
Man hört zu.
Man trägt andere – manchmal sogar besser als sonst.
Geben geht noch.
Nehmen gerade nicht.
Das fühlt sich widersprüchlich an.
Ist es aber nicht.
Denn Wegsehen heißt nicht, dass man nichts sieht.
Es heißt nur, dass man priorisiert, was gerade tragbar ist.
Und was warten darf.
Es gibt diesen stillen Irrglauben, dass Heilung immer mit radikaler Ehrlichkeit beginnt.
Dass man alles sofort auf den Tisch legen muss.
Alle Gefühle, alle Entscheidungen, alle Wahrheiten.
Aber manchmal beginnt Reife genau andersherum:
Mit dem Wissen, dass man nicht alles jetzt lösen muss.
Dass nicht jede Frage sofort eine Antwort braucht.
Und dass Aufrichtigkeit auch heißen kann zu sagen: Heute nicht.
Ich glaube, Gott ist da erstaunlich entspannt.
Er drängt nicht.
Er zieht nicht.
Er weiß, dass manches erst dann ans Licht darf, wenn der Mensch bereit ist, es zu tragen.
Vielleicht ist Vertrauen genau das: Nicht ständig nach Antworten zu suchen, sondern darauf zu vertrauen,
dass das Gute seinen Weg findet – auch ohne unser ständiges Eingreifen.
Manchmal sogar gerade dann.
Es gibt Tage, da kämpft man nicht.
Man plant nicht.
Man analysiert nicht.
Man geht einfach den nächsten Schritt.
Und siehe da: Das Leben bewegt sich trotzdem.
Nicht spektakulär.
Nicht mit Feuerwerk.
Sondern leise.
Menschen tauchen auf, die nichts fordern.
Gespräche entstehen, die nichts lösen wollen – und trotzdem tragen.
Nähe passiert, ohne dass man sie erklären muss.
Das Gute findet zu dir.
Nicht, weil du es verdient hast.
Nicht, weil du alles richtig machst.
Sondern weil es so ist.
Man muss nicht kämpfen, um gesehen zu werden.
Man muss nicht leiden, um Tiefe zu haben.
Und man muss nicht alles verstehen, um weiterzugehen.
Manchmal reicht es, zu sein.
Heute.
Hier.
Mit dem, was gerade möglich ist.
Alles andere kommt.
Zur rechten Zeit.
Und ganz sicher ohne Gewalt.
Vielleicht liegt darin noch eine weitere Entlastung:
Das Gute braucht keine Reihenfolge.
Es hält sich nicht an unsere inneren To-do-Listen.
Nicht an „erst muss das passieren, dann jenes, und erst danach darf etwas leicht werden“.
Manches heilt nicht linear. Manches ordnet sich nicht chronologisch.
Erkenntnisse kommen nicht immer nach der Krise, sondern manchmal mitten hinein.
Oder davor. Oder ganz woanders.
Man kann anderen Halt geben, während man selbst noch tastet.
Man kann lachen, obwohl Fragen offen sind.
Man kann getragen werden, ohne schon zu wissen, wohin der Weg führt.
Das Leben wartet nicht darauf, dass alles sortiert ist.
Und das Gute schon gar nicht.
Et kütt wie Et kütt
Wie man in Köln sagt.
Also: Es kommt, wie es kommt.
Nebeneinander. Übereinander. Manchmal überraschend früh.
Manchmal genau dann, wenn man aufgehört hat, Bedingungen zu stellen.
Vielleicht ist das der eigentliche Trost:
Man muss nicht erst alles verstehen, um weitergehen zu dürfen.
Und man muss nichts erzwingen, damit etwas wahr wird.
Das Gute findet seinen Platz.
Auch ohne Reihenfolge.
Und oft genau deshalb.
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