Wer loslässt hat die Hände frei
- christophmatthes86
- 1. Jan. 2026
- 2 Min. Lesezeit
Der Jahreswechsel ist dieser eigenartige Moment, in dem man kurz glaubt, ab morgen wäre alles anders. Ordentlicher. Gesünder. Konsequenter. Als ließe sich das Leben mit einem neuen Kalenderblatt neu starten. Erfahrungsgemäß funktioniert das ungefähr so gut wie Neujahrsvorsätze aus Granit: beeindruckend formuliert, aber erstaunlich schwer zu bewegen.
Vielleicht liegt genau dort das Missverständnis. Ein neues Jahr braucht nicht zwingend neue Ziele. Manchmal braucht es nur weniger Ballast.
Man geht los, das kennen wir alle, mit guten Absichten und vollem Rucksack. Gefüllt ist er selten mit dem Nötigsten, sondern mit Erwartungen, die man übernommen hat, mit Verantwortungen, die sich leise eingeschlichen haben, und mit dem Anspruch, alles tragen zu können, nur weil man es eine Zeit lang geschafft hat. Irgendwann merkt man: Es ist nicht der Weg, der müde macht, sondern das, was man mitschleppt.
Das kommende Jahr fühlt sich deshalb weniger nach Aufbruch an als nach Ausrichtung. Nicht schneller. Nicht höher. Sondern stimmiger. Schritt für Schritt, mit Pausen, ohne den ständigen Blick auf das, was noch fehlt. Manche Wege geht man nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um unterwegs wieder Maß zu finden – für sich, für den eigenen Rhythmus, für das, was wirklich trägt.
Der Körper meldet sich dabei oft früher als der Verstand. Er zieht Grenzen, wo der Kopf noch verhandeln will. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klugheit. Fortschritt ohne Selbstzerlegung ist keine Kapitulation, sondern eine Form von Reife. Auch das Große ist nie im Dauerlauf entstanden, sondern im Wechsel von Tun und Lassen.
Überleben darf ein Jahresziel sein. Mehr noch: ein gutes. Körperlich, mental und sozial. Nicht jede Auseinandersetzung muss geführt werden, nicht jede Ungeduld ausgesprochen. Manche Konflikte lösen sich erstaunlich schnell, wenn man ihnen erst Bewegung schenkt und dann Worte. Oder manchmal auch gar keine.
Zwischen all dem liegt ein alter Gedanke, der sich nicht aufdrängt, sondern trägt. Dass Vertrauen leichter ist als Kontrolle. Dass nicht alles festgehalten werden muss, um Bestand zu haben. Dass man weitergehen darf, auch ohne jede Antwort im Gepäck. Wer loslässt, verliert nicht zwingend – oft entsteht erst dann Raum für das, was bleiben will.
Vielleicht ist das die leise Hoffnung dieses Jahres: weniger Druck, mehr Tiefe. Weniger Müssen, mehr Sinn. Kein großes Versprechen, sondern eine Haltung. Mit einem Augenzwinkern gegenüber den eigenen Ansprüchen und einem stillen Vertrauen darauf, dass der Weg trägt, auch wenn er nicht vollständig ausgeleuchtet ist.
Was bleibt, trägt. Alles andere darf gehen.
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