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Wunderpunkt

  • christophmatthes86
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt diesen Moment, da reicht ein Satz.

Oder ein Blick.

Oder jemand sagt etwas völlig Harmloses – und zack, innerlich Vollbremsung.


„Bitte nicht da.“


Helm auf, Bauch rein, Ironie raus.

Man kennt das ja. Man ist schließlich erwachsen.


Das ist der wunde Punkt.

Der reagiert schneller als jeder gute Vorsatz. Der braucht keinen Kontext, keine Einordnung, keine Nacht drüber schlafen. Der ist sofort da und übernimmt zuverlässig das Steuer. Rückzug. Rechtfertigung. Ein blöder Spruch. Oder dieses tapfere „Alles gut“, das schon beim Aussprechen müde klingt.


Der wunde Punkt will vor allem eins: Ruhe.

Am liebsten sofort.

Und wenn möglich für immer.


Das Problem ist nur: Das Leben hält sich nicht daran.


Manchmal lacht man noch – und ist im nächsten Moment traurig. Eben war alles leicht, und nachts kommt sie über Nacht: die Angst. Oder das Schicksal. Oder diese Mischung aus Sehnsucht und Hoffnung, die sagt: Da geht noch mehr. Auch wenn man gerade keine Ahnung hat, wie.


Gefühle sind da ehrlich. Unhöflich, aber ehrlich.

Und sie bringen uns regelmäßig an Stellen, wo der Kopf gern eine andere Route hätte.


Zum Glück gibt es noch etwas anderes als den Kopf.

Einen ziemlich alten, oft überhörten Kompass.


Das Herz.


Nicht kitschig. Nicht romantisch verklärt.

Eher so ein leicht verbeulter Kompass, der nicht immer weiß, wohin, aber sehr genau spürt, wo es nicht stimmt.


Und genau dort beginnt der Wunder-Punkt.


Das ist der Moment, in dem man – ausnahmsweise – nicht sofort reagiert. Nicht, weil man so reflektiert wäre. Sondern weil etwas kurz stockt. Weil der innere Autopilot einmal aussetzt.


Warum trifft mich das gerade so?

Warum jetzt?

Warum schon wieder?


Man wundert sich. Mehr nicht.


Eben noch sicher unterwegs, plötzlich orientierungslos. Lachen und Traurigkeit wohnen auf einmal im selben Moment. Glück und Zweifel teilen sich den Raum. Und der Kompass im Herzen zuckt leicht – nicht hektisch, eher so: Hier mal kurz schauen.


Wir sind nicht gut darin, das auszuhalten.

Wir gehen lieber weiter. Geradeaus. Kopf runter. Bloß nicht stehenbleiben. Als wäre Innehalten schon ein Zeichen von Schwäche. Als würde einen niemand mehr rausholen, wenn man kurz stehen bleibt.


Aber vielleicht ist genau das der Denkfehler.


Denn manchmal führt der Kompass nicht weiter,

sondern tiefer.


Und dann passiert etwas Drittes.


Nicht laut.

Nicht spektakulär.

Kein Feuerwerk.


Man bleibt – oder man geht.

Man hält fest – oder lässt los.

Man wird still – oder sagt endlich etwas.


Nicht aus Trotz.

Nicht aus Angst.

Sondern aus Klarheit.


Ein anderes Wort.

Eine Grenze.

Ein Gedanke weniger, den man jahrelang für Wahrheit gehalten hat.

Oder ein Schritt, den man sich selbst nie zugetraut hätte.


Das ist der Wunderpunkt.


Der Punkt, an dem man merkt:

Der Kompass hatte recht.

Nicht, weil alles gut wird.

Sondern weil man sich nicht mehr gegen sich selbst bewegt.


Wunder sehen selten aus wie Wunder. Meist erkennt man sie erst rückwärts. Und manchmal gar nicht. Man war dabei. Mehr nicht. Und doch ist man anders weitergegangen. Geradeaus – aber nicht mehr blind.


Vielleicht ist das der geistliche Kern daran: Glaube heißt nicht, alles zu verstehen. Sondern dem inneren Kompass zu trauen, auch wenn die Karte fehlt. Nicht nur an das zu glauben, was man sieht, sondern an das, was trägt, wenn es dunkel wird. Wenn Angst und Sehnsucht gleichzeitig anklopfen. Wenn Glück und Zweifel über Nacht kommen.


Der Wunderpunkt braucht den wunden Punkt.

Und das Wundern dazwischen.


Ohne Schmerz keine Richtung.

Ohne Innehalten kein Staunen.

Ohne Vertrauen kein Wunder.


Am Ende bleibt kein großes Zeichen.

Nur dieser eine Punkt, an dem man sich nicht mehr übergeht.


Und manchmal reicht das Wissen, dass der beste Kompass, der einen führt, das Herz ist.


 
 
 

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