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Neue Töne

  • christophmatthes86
  • 28. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Zwischen den Jahren wird gern neu gestimmt.

Plötzlich klingen alle etwas weicher. Dankbarer. Einsichtiger. Man spricht von Abschlüssen, von Auflösen, von Neuanfängen. Manche nennen es Rauhnächte, andere Jahresreflexion, wieder andere einfach schlechtes Gewissen mit Kerzenschein.


Es ist diese Zeit, in der Menschen Dinge sagen, die sie elf Monate lang sehr zuverlässig nicht gesagt haben.

Und Dinge tun, die auffallen – gerade weil sie sonst fehlen.


Eine Nachricht.

Ein freundlicher Ton.

Eine Geste „außer der Reihe“.


Und schon steht sie im Raum, diese leise Hoffnung:

Vielleicht ändert sich jetzt etwas.


Tut sie nur selten.


Denn ein einzelner Ton ändert keine Richtung.

Er klingt kurz nach. Mehr nicht.


Wer ein Jahr lang schief gespielt hat, wird durch ein sauberes Solo nicht plötzlich Teil eines Orchesters. Und wer Monate, manchmal Jahre, sein Gesicht gezeigt hat – ungeduldig, ungerecht, abwesend oder schlicht gleichgültig – der wird nicht dadurch ein anderer, dass er zwischen Weihnachten und Neujahr kurz den Engel gibt.


Das klingt hart. Ist aber entlastend.


Denn es schützt vor dem alten Fehler, aus einzelnen guten Taten ein neues Gesamtbild zu bauen. Diese eine Nachricht überschattet dann plötzlich alles andere. Die vielen kleinen Dinge, die gefehlt haben. Die Gespräche, die nie geführt wurden. Die Verantwortung, die immer woanders lag.


Dabei sind es nicht die außergewöhnlichen Gesten, die tragen.

Es sind die stillen, verlässlichen.

Die unauffälligen.

Die, die niemand posten würde.


Vielleicht liegt genau hier der Irrtum dieser „neuen Töne“: Sie sind oft zu laut, um wahr zu sein. Zu groß, um dauerhaft zu passen. Sie klingen nach Hoffnung – aber nicht nach Richtung.

Vielleicht ist nicht jede Veränderung ein Fortschritt.

Manches bringt uns nur aus dem Takt, den wir uns mühsam erarbeitet haben.


Richtung entsteht anders.


Nicht im Rückblick.

Nicht im Vorsatz.

Nicht im feierlichen „Ab jetzt“.


Richtung entsteht dort, wo das Herz längst weiß, was stimmt – und was nicht. Nicht das Herz im sentimentalen Sinn, sondern dieses unbequeme, ehrliche Organ, das schon sehr früh merkt, wem man trauen kann. Und wem nicht. Was trägt. Und was nur glänzt.


Der Kompass lag nie im Kalender.

Er lag nie in besonderen Nächten.

Er lag immer dort, wo man bereit ist, Wahrheit auszuhalten – auch über andere. Und über sich selbst.


Zwischen den Jahren darf man still werden.

Man darf lauschen.

Man darf sogar hoffen.


Aber man muss nicht jedem neuen Ton glauben.

Nicht jede Besinnung ist ein Wendepunkt.

Und nicht jeder Engel bleibt einer, wenn das Licht wieder ausgeht.


Manchmal reicht es völlig, dem eigenen Herzen zu glauben.

Es ist der wahre Kompass, der die Richtung längst kennt.

Ganz ohne neue Töne oder Musik.

 
 
 

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