Nicht jeder Kommentar dient als Kompass
- christophmatthes86
- 12. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Es ist ja nicht so, dass Kritik per se das Problem wäre.
Im Gegenteil. Gute Kritik ist selten, wertvoll und manchmal rettend. Sie kommt leise, bleibt sachlich und meint es gut, auch wenn sie weh tut. Man erkennt sie daran, dass man den Menschen dahinter ernst nimmt.
Das Problem beginnt dort, wo Kritik von Menschen kommt, denen man niemals das Lenkrad seines Lebens in die Hand drücken würde. Und trotzdem hört man zu. Intensiv. Nachts. Mehrfach.
Zehn Stimmen sagen: „Das war gut.“
Eine Stimme sagt: „Hätte man aber auch anders machen können.“
Und plötzlich sitzt genau diese eine Stimme auf dem Beifahrersitz und kommentiert jede Kurve.
Das Absurde daran: Man würde diese Person nie um Rat bitten. Nicht bei einer wichtigen Entscheidung. Nicht bei etwas Zerbrechlichem. Nicht bei Dingen, die Bedeutung haben. Und doch darf sie mitreden, wenn es um das eigene Tun geht. Um Ergebnisse. Um Herzblut.
Vielleicht, weil Nörgeln weniger Mut braucht als Verantwortung.
Vielleicht, weil Kommentieren einfacher ist als Gestalten.
Oder vielleicht, weil wir innerlich immer noch glauben, dass Kritik automatisch klüger ist als Zustimmung.
Ein ziemlich alter Irrtum.
Denn nicht jede Meinung ist gleich viel wert. Nicht jede Stimme kommt aus Erfahrung. Und nicht jede Kritik ist ein Geschenk – manche sind einfach schlecht verpackter Frust.
Und trotzdem trifft sie.
Nicht, weil sie recht hat.
Sondern weil sie einen wunden Punkt berührt: den eigenen Anspruch. Die eigene Sehnsucht, es richtig zu machen. Vielleicht sogar den Wunsch, niemanden zu enttäuschen.
Das ist kein Makel. Das ist ein Zeichen von Haltung.
Wer nichts riskiert, wird selten kritisiert. Wer nichts bewegt, bleibt bequem unangreifbar. Aber wer sich exponiert, wer Verantwortung übernimmt, wer Dinge vorantreibt, zieht automatisch Stimmen an – gute wie schlechte. Und leider bekommen nicht immer die richtigen das Megafon.
Vielleicht liegt die eigentliche Reife nicht darin, kritikresistent zu werden. Sondern darin, bewusst auszuwählen, von wem man sich etwas sagen lässt. Wem man zuhört. Wem man Gewicht gibt.
Das ist kein Hochmut.
Das ist Selbstschutz mit Gewissen.
Es gibt diesen alten Gedanken, dass man Früchte nicht an Worten erkennt, sondern an dem, was daraus wächst. Und dass nicht jeder, der laut ruft, auch etwas trägt. Manche rufen nur, weil sie selbst nicht gehen wollen.
Die Hoffnung liegt darin, dass das Gute selten lärmt. Es braucht keinen Kommentar. Kein „aber“. Es wirkt im Stillen, in den Ergebnissen, in den Menschen, die bleiben.
Vielleicht ist das der Moment, innezuhalten und innerlich die Plätze neu zu vergeben. Nicht jede Stimme gehört nach vorn. Manche dürfen draußen bleiben. Höflich. Still. Konsequenzlos.
Denn am Ende zählt nicht, wer alles etwas gesagt hat.
Sondern wessen Rat man gesucht hätte.
Und wer dann noch da ist, dessen Worte darf man ernst nehmen.
Alles andere ist – bei allem Echo – meist nur lärmendes Hintergrundrauschen.
Manchmal merkt man erst in der Stille, was man die ganze Zeit überhört hat.
Und dann gibt es sie ja auch.
Die ganz anderen Stimmen.
Nicht die, die jubeln. Nicht die, die alles schönreden. Sondern die, bei denen man instinktiv leiser wird. Weil sie nicht bewerten, sondern spiegeln. Weil sie nicht erklären, wie man es besser machen müsste, sondern zeigen, wo man gerade steht.
Man hätte sie immer schon um Rat gebeten.
Vielleicht hat man es nur lange nicht gewusst.
Manche dieser Stimmen sind alt. Sie waren da, bevor man sichtbar wurde. Bevor es Ergebnisse gab, Titel, Verantwortung, Angriffsflächen. Sie kennen nicht nur das Gelungene, sondern auch die Zweifel davor. Sie sagen nicht oft etwas – aber wenn, dann trägt es.
Und dann gibt es diese anderen. Die neuen. Die überraschenden. Die, bei denen man sich fragt, wo sie all die Jahre gewesen sind. Und gleichzeitig dieses seltsame Gefühl: Ach da bist du. Endlich. Als hätte man sich immer schon gekannt. Als hätten sie nur auf den richtigen Moment gewartet.
Sie bestätigen nicht.
Sie widersprechen auch nicht aus Prinzip.
Sie halten aus. Sie bleiben. Und sie sagen manchmal Dinge, die unbequem sind – aber nie entwertend.
Vielleicht sind genau das die Stimmen, die gemeint sind, wenn von Weggefährten die Rede ist. Von Menschen, die nicht am Rand stehen und rufen, sondern ein Stück mitgehen. Auch dann, wenn es langsamer wird.
Und vielleicht ist das die eigentliche Hoffnung in all dem Lärm:
Dass es sie gibt. Dass sie mehr werden. Und dass man lernen darf, sie von den anderen zu unterscheiden.
Nicht jede Kritik verdient Aufmerksamkeit.
Aber manche Stimmen verdienen Vertrauen.
Und wer ihnen zuhört, merkt irgendwann:
Die eine nörgelnde Stimme war nie das Problem.
Sie war nur lauter als nötig.
Das Tragende dagegen bleibt.
Auch wenn es selten lärmt.
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