top of page

Vom Ernst der Kerzen und der Unfähigkeit des Jahres, uns kleinzukriegen

  • christophmatthes86
  • 21. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es ist der Moment im Jahr, in dem das Dunkel seinen Höhepunkt überschritten hat – auch wenn man es noch nicht sieht.


Dieses Jahr hatte viele Talente.

Es konnte laut sein.

Es konnte anstrengend sein.

Und es hatte eine erstaunliche Begabung dafür, Menschen davon zu überzeugen, dass „später“ ein tragfähiges Lebenskonzept sei.


Später reden wir in Ruhe.

Später achten wir wieder mehr aufeinander.

Später kümmern wir uns um das, was sich gerade komisch anfühlt.

Später – das große Versprechen eines Jahres, das ständig dazwischenkommt.


Und währenddessen lief es.

Der Alltag.

Die Verantwortung.

Das Funktionieren.


Manches wurde dabei leiser.

Nicht dramatisch.

Nicht mit Türenknallen.

Sondern so, wie Dinge leiser werden, wenn man sie für selbstverständlich hält.

Nähe.

Aufmerksamkeit.

Diese kleinen Gesten, die man nicht vergisst, weil man sie nicht mehr braucht – sondern weil man denkt, sie seien garantiert.


Gleichzeitig trugen andere still ganze Welten.

Familien.

Beziehungen.

Stimmungen.

Tage, die nie auf To-do-Listen passen wollten.

Ohne Pathos.

Ohne „Schaut her“.

Mit einer erstaunlichen Mischung aus Hingabe, Improvisation und dem festen Glauben, dass man selbst irgendwie schon noch drankommt. Irgendwann. Vielleicht.


Wenn man ehrlich ist, war dieses Jahr voll von heiligen Momenten –

sie sahen nur nicht so aus.


Keine Engelchöre.

Kein Weihrauch.

Eher kalter Kaffee, Adventskranzreste und das diffuse Gefühl, dass man müde ist, ohne genau sagen zu können, wovon.


Und dann kommen sie wieder, diese Lichter.

Fast aufdringlich zuverlässig.


Vier Kerzen, die sich weigern, gleichzeitig zu brennen.

Ein Leuchter, der jeden Abend sagt: Mehr nicht – aber auch nicht weniger.

Alte Feste, alte Geschichten, alte Bilder, die sich hartnäckig weigern, modernisiert zu werden, weil sie etwas wissen, was wir jedes Jahr neu vergessen:


Licht lässt sich nicht beschleunigen.

Aber es lässt sich schützen.


Die religiösen Texte sind da erstaunlich unromantisch.

Das Licht der Welt kommt nicht in Ordnung.

Nicht in Klarheit.

Nicht in Verhältnisse, die „bereit“ sind.

Es kommt hinein. Punkt.


In Überforderung.

In Unausgesprochenes.

In Nähe, die Pflege braucht.

In Menschen, die tragen, ohne sich selbst zu feiern.

In Beziehungen, die nicht kaputt sind – aber hungrig.


Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Zeit:

Dass das Heilige nicht wartet, bis wir uns zusammengerissen haben.


Dass Auferstehung nicht erst nach dem großen Scheitern beginnt,

sondern im Kleinen.

Wenn jemand innehält.

Wenn jemand ehrlich sagt: So läuft es nicht gut.

Und sich erlaubt, nicht weiterzumachen wie bisher – nicht aus Trotz, sondern aus Einsicht.


Dieses Jahr hat gelehrt, dass Zufriedenheit möglich ist.

Nicht, weil alles gelungen wäre.

Sondern weil wir erstaunlich viel haben.

Mehr, als wir brauchen.

Und oft weniger, als wir meinen, noch zu brauchen.


Dass Korrektur kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von Reife.

Und dass Probleme sich selten lösen lassen, solange man so tut, als seien sie nur eine Phase.


Die Tage werden wieder länger.

Langsam.

Unverschämt langsam.


Aber sie werden es.


Und vielleicht ist das genug für den Jahresabschluss:

Zu wissen, dass Dunkelheit nicht das letzte Wort hat.

Dass Nähe zurückkehren darf.

Dass Hingabe gesehen ist – auch ohne Applaus.

Und dass Licht nicht perfekt sein muss, um wirksam zu sein.


Man muss es nur wieder anzünden.


Nicht alles.

Nicht auf einmal.

Aber heute.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Bestenfalls

Der rote Faden wird überschätzt. Wirklich. Er ist etwas für Präsentationen, Beziehungsratgeber und Menschen, die glauben, das Leben müsse sich bitte vorher anmelden. Dabei ist das Leben eher so: Es kl

 
 
 
Wunderpunkt

Es gibt diesen Moment, da reicht ein Satz. Oder ein Blick. Oder jemand sagt etwas völlig Harmloses – und zack, innerlich Vollbremsung. „Bitte nicht da.“ Helm auf, Bauch rein, Ironie raus. Man kennt da

 
 
 
Standard. Nicht Drama.

Meine Grenze ist kein Drama. Sie kommt ohne Soundtrack, ohne Träne im Augenwinkel und ohne pädagogisches Begleitheft. Sie ist ein Standard. So wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Oder Schwerkraft. Ich e

 
 
 

Kommentare


bottom of page