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Arbeit der Träume

  • christophmatthes86
  • 30. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Träume haben keinen guten Ruf.

Sie gelten als unzuverlässig, verschwommen, unerquicklich unpraktisch. Etwas für Künstler, Kinder und Menschen, die „nicht ganz bei der Sache“ sind. Wer erwachsen ist, so die unausgesprochene Regel, sollte aufhören zu träumen und anfangen zu funktionieren.

 

Merkwürdig nur, dass genau dann, wenn alles zu funktionieren scheint, die Träume lauter werden.

Oder vielleicht ist es umgekehrt: Man funktioniert nur deshalb, weil sich Träume heimlich ins Leben geschlichen haben. Nicht als großes Ganzes, nicht als erfülltes Ideal – sondern in kleinen, tragfähigen Portionen. Ein Gedanke, der bleibt. Eine Tätigkeit, die nicht auslaugt. Ein Moment, in dem man spürt: Das hier passt traumschön...

 

Vielleicht nennt man genau das Dreamwork.

Nicht das Träumen als Flucht, sondern als leise Zusammenarbeit zwischen Sehnsucht und Alltag. Träume, die nicht darauf warten, eines Tages erfüllt zu werden, sondern sich unterwegs verwandeln. In Haltung. In Richtung. In ein gutes Gefühl, das trägt, auch wenn der Rest noch offen ist.

 

Ein alter Gedanke, der vielen zugeschrieben wird, bringt es überraschend nüchtern auf den Punkt: Wenn man liebt, was man tut, fühlt sich Arbeit nicht wie Last an. Nicht, weil sie leicht wäre. Sondern weil plötzlich alles Sinn hat. Leidenschaft hebt die Mühe nicht auf – aber sie macht sie erträglich. Nein – erfüllend.

 

Dieses innere Feuer ist erstaunlich demokratisch.

Es brennt bei denen, die vorne stehen, genauso wie bei jenen, die lieber einen Schritt zurückgehen. Bei den Rastlosen und bei denen, die Pausen brauchen. Bei Menschen, die Freiheit suchen, und bei denen, die Sicherheit schätzen. Nicht alles davon sieht nach Traum aus. Aber alles davon kann einer sein.

 

Manchmal meldet sich dieses Feuer nur als Bauchgefühl.

Als leises Ziehen in eine Richtung. Als Erinnerung daran, wie es war, als man noch nicht wusste, was „vernünftig“ ist. Ein kurzer Moment, in dem man wieder dieses innere Kind hört, das nicht fragt, ob es sinnvoll ist – sondern ob es sich richtig anfühlt.

 

Und vielleicht braucht es genau das: kein großes Ziel, keine fertige Vision.

Nur dieses eine gute Gefühl, das sagt: Wenn du liebst, was du machst, kommt der Rest nicht automatisch – aber er ordnet sich. Schritt für Schritt. Nicht von ganz allein. Aber aus einem inneren Einverständnis heraus.

 

Der chinesische Denker Konfuzius wird oft mit dem Gedanken zitiert, dass Arbeit ihren Schrecken verliert, wenn sie aus innerer Zustimmung entsteht. Vielleicht meinte er damit weniger einen perfekten Beruf als eine stimmige Beziehung zum eigenen Tun. Zu wissen, wofür man lebt – nicht als Parole, sondern als leise Gewissheit.

 

Träume verlieren dabei nicht ihren Fokus.

Im Gegenteil. Sie werden realistischer, ohne kleiner zu werden. Sie hören auf zu blenden und beginnen zu leuchten. Nicht jede Flamme muss lodern. Manche wärmen einfach. Und halten einen in Bewegung, wenn sie sich nachts melden und der Tag endlich still ist. Oder tagsüber, mitten im Tun, als flüchtiger Gedanke, als Bild ohne Kontext, als Gefühl ohne Sprache. Man kann ebensogut träumen, ohne zu schlafen, wie man schlafen kann, ohne zu träumen. Und manchmal ist genau das das Problem: dass wir zwar schlafen, aber innerlich längst wachliegen.

 

Träume sind keine Vorhersagen. Sie sind auch keine Flucht. Sie sind eher so etwas wie das Echo dessen, was wir tagsüber überhören. Alles, was keinen Platz bekommt, sammelt sich dort. Unerledigte Gespräche. Verdrängte Müdigkeit. Ungelebte Sehnsucht – oft sorgfältiger gehütet als alles, was man besitzt. Und manchmal auch Hoffnung – roh, ungefiltert, überraschend hartnäckig.

 

Manche Träume bleiben dabei sogar namenlos.

Nicht, weil sie belanglos wären – sondern weil sie sich dem Erzählen entziehen. Weil Worte sie verraten würden. Weil Nähe darin auftaucht, die am Tag keinen Platz haben darf. Begegnungen ohne Erlaubnis. Gedanken ohne Adresse. Sehnsucht, die keine Forderung stellt und gerade deshalb schwer wiegt. Solche Träume werden selten erzählt. Nicht aus Scham. Sondern aus Instinkt. Weil man spürt, dass sie etwas bewahren, das im Licht zu schnell beschädigt würde.

 

Es gibt Träume, die sind traumschön.

Nicht, weil sie kitschig wären. Sondern weil sie für einen Moment zeigen, wie es sich anfühlen könnte, wenn alles stimmig wäre. Nicht perfekt. Aber wahr. Diese Träume machen nicht süchtig, sie machen aufmerksam. Sie legen einen Maßstab an, der tagsüber fehlt.

 

Andere Träume sind unbequem. Sie reißen auf, was man mühsam zusammengehalten hat. Sie konfrontieren mit Ängsten, die man für erledigt hielt. Sigmund Freud nannte den Traum einmal eine Psychose im Kleinformat – mit all ihren Ungereimtheiten und Verzerrungen. Das klingt abschreckend. Aber vielleicht ist genau das seine Gnade: dass der Traum nichts glättet, nichts beschönigt, nichts diplomatisch verpackt.

 

Träume fordern kein Heldentum. Sie geschehen einfach dazwischen. Ohne ein Alb- davor oder ein -schön dahinter. Sie passieren als Mischung aus Beiden und verlangen kein „Alles oder nichts“. Oft genügt ein kleiner Schritt. Ein Gespräch. Eine Grenze. Eine Pause. Manchmal auch das Eingeständnis, dass ein Traum genau das bleiben darf: ein Traum. Jeder erfüllte Wunsch bekommt nicht nur augenblicklich Junge, zerstört auch einen Traum – und nicht jeder Traum will erfüllt werden. Manche wollen bewahrt werden, weil sie Kraft geben, ohne Wirklichkeit werden zu müssen.

 

Vielleicht ist Hoffnung genau das: ein Wachtraum.

Nicht naiv. Nicht blind. Sondern wach genug, um die Realität zu sehen – und dennoch nicht an ihr zu verzweifeln. Hoffnung ist kein Versprechen. Sie ist eine Haltung. Eine Entscheidung, dem Inneren mehr Gewicht zu geben.

 

Wer aufhört zu träumen, verliert nicht nur Zukunft, sondern Tiefe. Wirklich arm ist nicht, wessen Träume sich nicht erfüllt haben, sondern wer nie geträumt hat. Und reich ist nicht, wer viel besitzt, sondern wer mehr Träume in seiner Seele trägt, als die Realität zerstören kann.

 

Vielleicht ist das der leise Übergang zwischen Bleiben und Loslassen: den Träumen wieder zuhören. Nicht um ihnen blind zu folgen. Sondern um sich erinnern zu lassen, was einmal wichtig war. Und noch ist.

 

Dann ist der Traum kein Fluchtort.

Sondern der Ort, an dem man sich selbst traumschön und ohne Vollendung verlangend Lebendigseinschenkend wiederfindet.

 
 
 

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