Wenn Leidenschaft leidet und Leiden schafft
- christophmatthes86
- 23. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Es gibt Momente, da sitzt man mitten auf seinem Weg und fragt sich, wann genau man eigentlich falsch abgebogen ist. Kein Donnerschlag. Kein brennender Dornbusch. Eher ein höfliches Räuspern des Lebens. Ein „Entschuldigung, sind Sie hier noch richtig?“
Der Weg wurde nicht verlassen. Er wurde unterbrochen. Wegen Terminen. Wegen Verantwortung. Wegen dieses harmlos klingenden Satzes: Jetzt gerade nicht.
Und wie das so ist – aus „nicht jetzt“ wird „irgendwann“. Und aus „irgendwann“ ein neuer Normalzustand.
Der Rückweg ist sichtbar. Kaum Kurve. Kein Irrgarten. Und trotzdem fühlt er sich schwerer an als der Aufbruch. Vielleicht, weil der alte Stress noch in den Knochen steckt. Vielleicht, weil man weiß, was einen dort erwartet. Kein Neuland. Sondern bekannte Mühe.
Leidenschaft ist so ein Wort, das gern glänzt.
Man schreibt es auf Banner, Programme und Herzen.
Bis man merkt: Da steckt das Leiden schon drin. Ganz offiziell. Kein Etikettenschwindel.
Und dann die Frage, die man eigentlich vermeiden wollte:
Wenn Leidenschaft Leiden schafft – ist das dann noch Wille oder schon Passion im Sinne des Leidensweges?
Man kann viel aushalten, wenn man glaubt, dass es sinnvoll ist. Menschen tun erstaunliche Dinge, solange sie glauben, sie müssten. Manche nennen das Treue. Andere nennen es Berufung. Wieder andere schlicht Gewohnheit.
Und irgendwo dazwischen steht der Gedanke: Wer lange genug leidet, muss ja auf dem richtigen Weg sein. Oder redet man sich das nur ein?
Blöd nur, wenn man irgendwann merkt, dass man nicht mehr trägt – sondern schiebt.
Mit gesenktem Blick.
Und innerlich leicht genervt.
Und dann ruft sie wieder, diese alte Verpflichtung.
Wie ein Lied, das man früher geliebt hat – und das heute irgendwie zu laut klingt.
Man kennt jede Zeile. Aber man fühlt sie nicht mehr.
Vielleicht ist das kein Zeichen von Schwäche.
Vielleicht ist es ein Hinweis.
Nicht jeder Weg muss um jeden Preis weitergegangen werden.
Und nicht jede Unterbrechung ist Verrat. Trotzdem beginnt diese leise Selbstkritik, die nicht anklagt, sondern fragt.
Nicht: Warum schaffe ich das nicht mehr?
Sondern: Warum mache ich das eigentlich noch?
Es ist erstaunlich, wie schwer Umkehr sein kann, wenn sie nicht aus Einsicht entsteht, sondern aus Erschöpfung. Denn Einsicht klingt edel. Erschöpfung klingt nach Versagen. Dabei ist sie oft nur ein ehrlicher Zwischenstand.
Vielleicht liegt der Fehler nicht darin, dass man den Weg verlassen hat.
Sondern darin, dass man glaubt, man müsse unbedingt zurück – selbst dann, wenn die Freude längst woanders wartet.
Manchmal ist das Herz aber einfach müde geworden.
Nicht untreu.
Nicht faul.
Nur müde.
Und dann steht sie plötzlich im Raum, diese unfromme Frage:
Sollte man nicht einfach da sein, wo man ist?
Wo man gebraucht wird – nicht wo man sich einmal gebraucht gefühlt hat.
Vielleicht ist das keine Flucht.
Vielleicht ist es Umkehr.
Ohne Drama. Ohne Pathos. Ohne Chor.
Nicht jeder Weg wird dadurch falsch, dass man ihn verlässt.
Und nicht jede Rückkehr ist richtig, nur weil sie vertraut ist.
Manchmal besteht Glaube nicht darin, alles auszuhalten.
Sondern darin, zu erkennen, wann das Leiden nicht mehr heiligt – sondern nur noch laut ist.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man den Fokus neu setzt.
Nicht, weil man gescheitert ist.
Sondern weil man verstanden hat.
Wer alles erträgt, hat nicht immer ein großes Herz.
Manchmal nur Angst, ehrlich zu sein.
Kommentare