Wenn Träume unbequem werden
- christophmatthes86
- 30. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Im Matthäusevangelium wird von einem Mann erzählt, der kaum spricht. Keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen, kein innerer Monolog. Er träumt – und richtet danach sein Handeln aus. Der Mensch wurzelt im Traum, wächst in die Wirklichkeit, verästelt sich in der Erinnerung. Und irgendwo dazwischen verliert er sich manchmal selbst.
Wer glaubt, Träume seien nur Schäume, unterschätzt ihre Arbeit. Sie sind kein Kino, sie sind Werkstatt. Sie bereiten vor, ohne zu erklären. Sie schützen, ohne zu versprechen. Manche nennen das Zufall, andere Intuition. Wieder andere würden sagen: Es ist der Versuch, im Dunkeln nicht ganz ohne Licht zu bleiben. Wer im Dunkeln sitzt, zündet sich einen Traum an.
In dieser alten Erzählung sind Träume keine Flucht, sondern Auslöser. Ein Kind ist unterwegs, das nicht von ihm ist. Die Lage wird unübersichtlich, die Bedrohung real. Der Traum sagt nicht, wie alles ausgeht. Er sagt nur: Geh. Also geht der Mann. Nicht aus Abenteuerlust, nicht aus Panik, sondern weil Verantwortung manchmal dort beginnt, wo Gewissheit fehlt.
Später kommt ein weiterer Traum. Er erlaubt kein Zurück, sondern fordert Geduld. Fremdsein wird zur Pflicht, nicht zur Episode. Und irgendwann folgt noch einer. Kein Triumph, kein Ankommen, nur die Aufforderung, den Weg erneut zu ändern. Nicht ins Zentrum, nicht dahin, wo alles begonnen hat, sondern an einen Randort. Unspektakulär. Unauffällig. Alltagstauglich.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Träume unbequem werden. Sie führen nicht nach oben, sondern zur Seite. Sie versprechen keine Erfüllung, sondern verlangen Entscheidung. Sie machen nichts leichter, aber vieles klarer. Eine Welt ohne solche Träume wäre effizient, berechenbar – und erstaunlich grausam. Denn Wirklichkeit wird dort unerträglich, wo man sie sich in keinem Traum mehr anders vorstellen kann.
Das gilt für Biografien genauso wie für Gemeinschaften. Wenn einer allein träumt, bleibt es ein Traum. Wenn mindestens zwei träumen, beginnt Bewegung – Umkehr – Verwandlung. Nicht sofort, nicht laut, aber spürbar. Nichts geschieht, ohne dass ein Traum vorausgeht – auch das Scheitern nicht.
Viele große Ideen ihrer Zeit galten zunächst als Träumerei. Der Raketenpionier Robert Goddard wurde belächelt, weil er an Dinge glaubte, die seiner Gegenwart widersprachen. Die Welt war noch nicht bereit für seine Gedanken. Seine Träume waren größer als seine Zeit. Anerkannt wurden sie später. Wie so oft.
Und dann gibt es diese anderen Träume: die stillen, die wiederkehrenden, die, die nicht loslassen. Walter von Lucadou beschreibt sie nicht als Vorhersagen, sondern als Vorbereitung. Sie sagen nicht, was kommt. Sie machen tragfähig für das, was kommt.
Zwischen dem Traum von morgen und dem Bedauern des Gestern liegt die Gelegenheit von heute. Genau dort sind Träume am unbequemsten. Weil sie Verantwortung implizieren. Wer träumt, kann nicht so tun, als hätte er nichts geahnt. Sie machen nicht wissend, sondern tragfähig.
Vielleicht ist das ihre eigentliche Aufgabe: nicht Antworten zu liefern, sondern Haltung.
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