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Das Einserjahr

  • christophmatthes86
  • 1. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

2026 wurde gerade ausgerufen.

Mit Sternchen. Mit Zyklen. Mit Zahlen, die sich addieren, reduzieren und am Ende erstaunlich oft bei der Eins landen.

Das Einserjahr.

Der kosmische Neustart.

Der Moment, in dem alles möglich sein soll – zumindest rechnerisch.


Man kann das mögen.

Oder skeptisch die Augenbraue heben.

Oder beides gleichzeitig.


Denn seien wir ehrlich:

Der Mensch liebt Ordnung im Chaos.

Wenn schon das Leben unübersichtlich ist, dann wenigstens das Jahr durchnummerieren.


2 + 0 + 2 + 6 = 10.

1 + 0 = 1.

Klingt sauber.

Fast tröstlich.


Die Eins als Ursprung.

Als Ich.

Als schöpferischer Anfang.


Und irgendwo dazwischen steht man selbst, mit einem RedBull in der Hand, leicht übermüdet vom letzten Jahr, und fragt sich: Bin ich jetzt automatisch ein neuer Mensch – oder muss ich da selbst noch was tun?


Die Texte zum Einserjahr versprechen viel.

Neubeginn.

Entscheidung.

Richtung statt Sicherheit.

Saat statt Ernte.


Das ist klug formuliert.

Und gefährlich nah an der Wahrheit.


Denn ja – Neubeginn passiert selten spektakulär.

Er kommt nicht mit Feuerwerk.

Eher mit einem leisen „So nicht mehr“.

Oder einem müden „Ich kann das besser“.

Oder einem stillen Entschluss, den niemand feiert, aber der alles verändert.


Was mich dabei schmunzeln lässt: Wie sehr wir glauben wollen, dass das Universum uns jetzt endlich den Startschuss gibt.

Als hätte es bisher nur auf den richtigen Zyklus gewartet.

Als hätte Gott gesagt: „2025 war Aufräumen. 2026 dürft ihr wieder atmen.“


Dabei war der biblische Gott nie besonders zahlenverliebt.

Er rechnete anders.

Mit Vertrauen.

Mit neuen Wegen, die schwer zu beschreiben sind, weil sie erst beim Gehen entstehen.

Mit Menschen, die ständig zu früh loslaufen oder zu spät begreifen – und trotzdem gebraucht werden.


Neubeginn war dort nie kosmisch perfekt.

Er war menschlich unordentlich.


Mose hatte keinen numerologischen Kalender.

Abraham keinen astrologischen Zeitpunkt.

Und trotzdem gingen sie los.

Nicht, weil der Zyklus stimmte.

Sondern weil Stillstand keine Option mehr war.


Das gefällt mir am Einserjahr, wenn man es richtig liest:

Es ist kein Versprechen.

Es ist eine Zumutung.


Du darfst entscheiden.

Du darfst anfangen.

Du darfst Verantwortung übernehmen – für dein Leben, nicht für das Schicksal der Sterne.


Und ja, das hat Nebenwirkungen.

Überforderung.

Ego-Konflikte.

Einsamkeit, wenn man merkt, dass nicht alle mitgehen, nur weil man selbst losläuft.


Das verschweigen die hübschen Grafiken gern.

Neubeginn ist kein Wellnessprogramm.

Er kostet Mut.


Er kostet Mut – nicht, weil alles neu ist, sondern weil nicht alles mitgehen wird.


Manche Beziehungen tragen nur so lange, wie man sich selbst erklärt, anpasst, abschwächt.

Sie funktionieren unter Bedingungen, die nie ausgesprochen wurden, aber zuverlässig wirken.

Wer anfängt, sich anders zu bewegen, verändert das Gleichgewicht. Und nicht jedes Gleichgewicht will gehalten werden.


Das ist kein Scheitern.

Das ist der Moment, in dem Wahrheit schwerer wiegt als Harmonie.


Man verliert dabei selten Menschen.

Meist verliert man nur die Rolle, die man zu lange gespielt hat.


Und manchmal Beziehungen, die nur unter alten Bedingungen funktioniert haben.


Ein Neubeginn ist kein Angriff auf andere.

Aber er ist eine Zumutung für alles, was nur funktioniert hat, solange man sich selbst klein gehalten hat.


Trotzdem: Ich mag die Idee, dass 2026 kein Erntejahr ist.

Dass nichts sofort funktionieren muss.

Dass Richtung wichtiger ist als Tempo.


Das ist Hoffnung in ihrer ehrlichsten Form.

Nicht: „Alles wird gut.“

Sondern: „Es darf wachsen.“


Vielleicht ist das das eigentliche Einserjahr: Nicht die große Selbstermächtigung.

Sondern der erste Schritt, ohne Garantie, aber mit Sinn.


Und wenn man dabei glauben will – dann vielleicht so: Nicht daran, dass man der Ursprung aller Realität ist.

Sondern daran, dass man nicht allein geht.

Auch wenn der Weg neu ist.

Auch wenn er sich noch unsicher anfühlt.


2026 muss nichts beweisen.

Es muss nur offen sein.


Der Rest entsteht unterwegs.

 
 
 

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