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Es ist, wie es ist

  • christophmatthes86
  • 31. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Manche Jahre fühlen sich nicht spektakulär an. Sie haben keinen klaren Bruch, keinen dramatischen Wendepunkt, keinen Moment, an dem man sagen könnte: Da ist es passiert. Sie laufen einfach. Und irgendwann merkt man, dass man selbst stehen geblieben ist, während alles andere erstaunlich laut an einem vorbeizieht.

 

Dieses Jahr war so eines.

 

Dienstlich war viel. Nicht außergewöhnlich, nicht heroisch, sondern schlicht notwendig. Verantwortung hatte Vorrang. Termine auch. Und Ehrenamt – so gern man es Berufung nennt – ist am Ende immer das, was man zusätzlich trägt. Solange Platz ist. Solange Kraft da ist. Solange man glaubt, dass es schon irgendwie geht.

 

Ich habe mich eine Zeit lang zurückgenommen. Nicht demonstrativ, nicht aus Enttäuschung, nicht aus Trotz. Sondern, weil es Momente gibt, in denen „kurz reinschauen“ nicht mehr ehrlich ist. Wer hinschaut, übernimmt. Wer übernimmt, hängt drin. Und irgendwann merkt man, dass man nicht mehr beobachtet, sondern trägt.

 

Als ich wieder genauer hingesehen habe, war nichts spektakulär kaputt. Keine Skandale, keine Katastrophen, keine großen Fehler. Es war das Unauffällige, das Müde macht: Dinge, die liegen geblieben sind. Zuständigkeiten, die sich aufgelöst haben. Themen, die nicht weitergeführt wurden, weil sie nicht dringend genug waren – bis sie es plötzlich wurden.

 

Und dann stellt sich diese Frage, die man lange vermeidet, weil sie unangenehm ist: Bin ich hier Teil eines Ganzen – oder ersetze ich es?

 

Ich habe lange geglaubt, dass weniger Hierarchie mehr Verantwortung schafft. Dass Freiheit Menschen wachsen lässt. Dass Vertrauen reicht. Dieses Jahr hat daran Zweifel gesät. Keine lauten, keine anklagenden, sondern sachliche. Freiheit ersetzt keine Klarheit. Vertrauen ersetzt keine Zuständigkeit. Und fehlende Führung ist nicht automatisch Selbstorganisation.

 

Das zu erkennen fühlt sich nicht klug an. Es fühlt sich ernüchternd an.

 

Hinzu kam etwas anderes: Müdigkeit. Nicht die schnelle, sondern die leise. Die, bei der man nicht mehr wütend wird, sondern nur noch feststellt, dass die eigene Energie endlich ist. Dass man nicht alles gleichzeitig tragen kann. Und vielleicht auch nicht alles tragen sollte.

 

Und ja, es gibt Entscheidungen, die man trifft, weil man sie für richtig hält – und erst später merkt, was sie kosten. Nicht moralisch. Sondern ganz praktisch: Aufmerksamkeit, Präsenz, innere Beweglichkeit.

 

Trotzdem wäre es falsch, dieses Jahr als gescheitert zu beschreiben.

 

Denn neben allem, was nicht funktioniert hat, ist etwas anderes entstanden. Still. Ungeplant. Ohne Zielvereinbarung. Neue Verbindungen, die nicht strategisch waren. Menschen, die nicht „zuständig“ waren – und trotzdem geblieben oder hinzugekommen sind. Gespräche, die nichts lösen wollten, aber getragen haben. Nähe, die nicht eingefordert wurde.

 

Vielleicht ist das eine der wenigen Erkenntnisse dieses Jahres, die nicht abnutzt: Sinn entsteht nicht immer dort, wo er vorgesehen war. Und Gemeinschaft wächst oft dort, wo niemand sie organisiert.

 

Dieses Jahr hat gezeigt, dass nicht jede Langzeitverbindung nährt. Manches heißt Gemeinschaft, Team oder Familie und entzieht trotzdem Kraft. Weil Verantwortung eingefordert, aber nicht geteilt wird. Weil Nähe durch Kontrolle ersetzt wird. Weil man nur dann gefragt ist, wenn es brennt. Dann darf man gehen. Nicht aus Härte. Sondern aus Klarheit.

 

Gleichzeitig durfte ich erleben, dass es andere Bande gibt. Ungeplante. Unaufdringliche. Menschen, die zuhören, wo andere erklären. Die tragen, ohne aufzurechnen. Die bleiben, ohne zu fordern. Manchmal findet einen eine andere Gemeinschaft, ein Team oder eine Familie, ohne dass man sie je gesucht hat.

 

Vielleicht war das die nüchternste Erkenntnis dieses Jahres: Es ist, wie es ist.

 

Nicht als Kapitulation. Nicht als Ausrede. Sondern als Aufrichtigkeit. Manche Dinge sind nicht daran gescheitert, dass man sie falsch gemacht hat, sondern daran, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht anders gingen. Nicht jede Struktur trägt. Nicht jede Idee geht auf. Und nicht jede Verantwortung wird leichter, nur weil man sie ernst nimmt.

 

Diesen Satz zuzulassen war kein Aufgeben. Es war der Anfang der Entlastung. Erst als ich aufgehört habe, innerlich gegen das zu kämpfen, was längst Realität war, wurde sichtbar, was veränderbar ist – und was nicht. Vielleicht beginnt Reife genau dort: nicht alles korrigieren zu wollen, nicht alles schönzureden, aber auch nicht so zu tun, als sei alles alternativlos.


Herr, gib mir die Gelassenheit, alles hinzunehmen was nicht zu ändern ist. Die Kraft zu ändern, was nicht länger zu ertragen ist und die Weisheit das Eine von dem Anderen zu unterscheiden.

 

Es ist, wie es ist. Und gerade deshalb darf sich etwas ändern. Nicht aus Trotz. Nicht aus Aktionismus. Sondern aus Klarheit.

 

Mehr braucht es für diesen Jahresabschluss nicht.

 

 
 
 

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