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Es hätte so wenig gebraucht.

  • christophmatthes86
  • 3. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Manchmal sind es ausgerechnet Lieder, die nicht trösten wollen, sondern nur leise nicken.

So nach dem Motto: Ja. Genau das.


Kein Drama.

Kein großes Pathos.

Nur dieser eine Satz, der hängen bleibt wie ein Krümel im Bettlaken, von einem Frühstück das gar nicht stattfand:

It was all I ever asked of you.


Was rückblickend fast unverschämt wirkt, ist nicht das, was gefehlt hat.

Es ist die Peinlichkeit der Erkenntnis, dass es eigentlich nicht viel gewesen wäre.


Kein Umzug.

Keine Therapie.

Kein neues Leben.


Manchmal hätte schon gereicht: zuzuhören, ohne parallel eine Verteidigungsrede zu schreiben.

Zu bleiben, wenn es unbequem wird oder nicht sofort recht zu haben.


Aber genau das scheint oft das Schwierigste zu sein.


Man redet viel über große Brüche, über Schuld, Entscheidungen, Wendepunkte.

Dabei zerfallen die meisten Beziehungen – private wie öffentliche – nicht an Explosionen, sondern an Ermüdung.


An diesem leisen Moment, in dem man merkt: Ich erkläre mich gerade zum fünften Mal – und du hörst zum fünften Mal nicht wirklich zu.


Irgendwann wird aus Hoffnung Geduld.

Aus Geduld Gewohnheit.

Und aus Gewohnheit Schweigen.


Nicht, weil man nichts mehr zu sagen hätte.

Sondern weil man gelernt hat, dass es ohnehin nicht ankommt.


Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Man hört auf, Dinge einzufordern.

Nicht aus Trotz. Sondern aus innerer Buchhaltung.


Man merkt, dass jede weitere Bitte mehr kostet, als sie einbringt.


In Beziehungen.

In Freundschaften.

In Vereinen.

In Gremien.

In Verantwortung.


Überall dort, wo Menschen lange tragen, was eigentlich auf mehrere Schultern gehört.


Rücktritte kommen meist schleicht und selten überraschend.

Sie sind nur der sichtbare Punkt eines sehr langen inneren Protokolls.


Auch dort hätte es oft wenig gebraucht.

Ein echtes Nachfragen.

Ein klares Wort zur richtigen Zeit.

Ein „Ich seh dich“ ohne Fußnote.


Aber Hoffnung ist kein Selbstläufer  – sie ist ein Muskel.

Und wer ihn zu lange allein trainiert, zerrt man sich irgendwann etwas.


Der Glaube – dieser alte, oft missverstandene Gedanke – hat das übrigens ziemlich früh verstanden. Nicht als Moralkeule, sondern als Zumutung.


„Wo zwei oder drei…“

Nicht: wo einer alles trägt und die anderen nicken.


Gemeinschaft war nie als Hochleistungssport gedacht.

Eher als geteiltes Brot.

Manchmal sogar mit Krümeln.


Und ja:

Es hätte so wenig gebraucht.


Aber diese Erkenntnis ist kein Urteil.

Sie ist eine Entlastung.


Denn sie bedeutet auch: Ich war nicht zu anspruchsvoll.

Ich war nur zu lange allein verantwortlich.


Der entscheidende Schritt kommt deshalb nicht dort, wo man erkennt, was gefehlt hat.

Sondern dort, wo man sagt: Ich fordere es heute nicht mehr ein.


Nicht, weil es egal geworden ist.

Sondern weil Frieden manchmal wichtiger ist als Recht.


Und Hoffnung?

Die kommt leiser zurück als erwartet.


Nicht als Neubeginn mit Feuerwerk.

Sondern als Haltung.


Als Fähigkeit, Dinge loszulassen, die schwerer wiegen als nötig.


Und als Vertrauen darauf, dass das, was wirklich trägt, nicht erkämpft werden muss.


Was bleibt, bleibt.

Alles andere darf gehen.


Vielleicht ist das kein Happy End.

Aber ein ehrlicher (Neu)Anfang.

 
 
 

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