Willst du?
Aktualisiert: 30. Aug.
Es gibt diesen alten Witz über den Unterschied zwischen einem Impotenten, einem Abstinenten und einem Senilen. Der Impotente will, aber kann nicht. Der Abstinente kann, aber will nicht. Und der Senile will und kann – weiß aber nicht mehr, was.
Ja. Ich weiß.
Niveau ist keine Handcreme und dieser Blog hatte auch schon würdevollere Einstiege. Aber wenn wir die Pointe mal kurz vom Stammtischhocker holen, ihr ein Glas Wasser geben und sie fünf Minuten ausnüchtern lassen, bleibt darunter eine erstaunlich große Frage liegen: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Wollen und Können? Und warum tun wir so oft so, als wäre das eine automatisch der Beweis für das andere?
„Ich kann nicht.“
Drei ziemlich harmlose Wörter. Schnell gesagt. Manchmal entschuldigend, manchmal erschöpft, manchmal endgültig und manchmal nur für heute. Ich kann heute nicht. Ich kann das nicht auch noch übernehmen. Ich kann gerade nicht darüber reden. Ich kann dir das im Moment nicht geben. Ich kann nicht schon wieder derjenige sein, der alles zusammenhält.
Manchmal bedeutet „Ich kann nicht“ exakt das, was da steht: Ich kann nicht. Akku leer. Ende. Bitte Ladekabel anschließen und später erneut versuchen.
Manchmal bedeutet es allerdings: Ich könnte schon. Ich will nur nicht. Auch das ist erlaubt.
Und manchmal wird es kompliziert: Ich will. Aber ich kann gerade nicht.
Vielleicht weiß ich sogar noch ziemlich genau, wie es sich angefühlt hat, als ich es konnte. Vielleicht vermisse ich es. Vielleicht würde ich wahnsinnig gern wieder dorthin. Vielleicht schwebt mir sogar vor, was ich tun, sagen, verändern, geben oder fühlen würde, wenn ich könnte. Ich komme nur gerade nicht ran.
Das Ende des Könnens ist nicht automatisch das Ende des Wollens.
Vielleicht machen wir uns und anderen das Leben manchmal unnötig schwer, weil wir genau das verwechseln.
Stell dir vor, du hast ein Kartenhaus gebaut. Nicht irgendeines. Deins. Stockwerk für Stockwerk. Vorsichtig. Mit Geduld, Fingerspitzengefühl und vermutlich mindestens drei mittelschweren Wutanfällen, weil die Pik Sieben eine charakterlich ausgesprochen schwierige Karte ist und einfach nicht dort stehen bleiben will, wo du sie hingestellt hast.
Irgendwann steht es. Vielleicht nicht perfekt. Ein bisschen schief. An manchen Stellen wackelig. Aber hey: Es steht.
Und dann kommt Wind.
Das Leben hat die unangenehme Angewohnheit, dass dieser Wind selten höflich aus der Richtung kommt, aus der man ihn erwartet. Manchmal kommt er sogar von mehreren Seiten gleichzeitig. Arbeit, Familie, Beziehung, Gesundheit, Verantwortung, Ehrenamt, Kinder, Erwartungen. Irgendwas ist immer.
Und dann: Rums.
Das Kartenhaus liegt auf dem Tisch.
Was macht man? Natürlich baut man es wieder auf. Was denn sonst? Also Fenster zu, Luft anhalten, Karten zusammensuchen, Pik Sieben verfluchen, noch einmal von vorn. Weil es vorher schließlich auch ein Haus war. Weil wir Menschen eine erstaunliche Begabung dafür haben, Wiederherstellung mit Heilung zu verwechseln.
Bis irgendwann jemand eine ziemlich unverschämte Frage stellt: Wer sagt eigentlich, dass daraus wieder ein Haus werden muss?
Vielleicht war dieses Kartenhaus schön. Vielleicht war es sogar verdammt schön. Vielleicht hat es lange gehalten. Vielleicht hat es uns Schutz vor etwas vorgegaukelt, obwohl Kartenhäuser konstruktionsbedingt als Immobilien eher überschaubare Vorteile bieten.
Aber jetzt liegen da Karten. 52 Stück. Und gegenüber sitzt vielleicht ein Mensch.
Vielleicht sollten wir aufhören, allein Häuser zu bauen. Vielleicht könnten wir miteinander spielen.
Klingt erstmal einfacher. Ist es natürlich nicht.
Denn kaum spielen zwei Menschen miteinander, brauchen sie plötzlich Regeln. Wer fängt an? Was darf man? Was darf man nicht? Was bedeutet Passen? Muss ich eine Karte zurücklegen, wenn du eine ausspielst? Wie lange dauert eine Runde? Wann darf ich aufhören? Und warum zur Hölle gewinnt bei Mau-Mau eigentlich immer derjenige, der behauptet, bei ihm zu Hause seien die Regeln „schon immer so gewesen“?
Genau da wird es interessant. Denn vielleicht kennen wir die Regeln längst. Beziehung macht man so. Familie macht man so. Arbeit macht man so. Ein gutes Team funktioniert so. Ein Verein funktioniert so. Eine Freundschaft muss so sein. Wenn einer etwas gibt, gibt der andere etwas zurück. Wenn jemand eine Karte ausspielt, bist du dran. Wenn jemand Herz spielt, musst du Herz bedienen.
Sagt wer?
Vielleicht wollen wir dieses Spiel gar nicht nach diesen Regeln spielen. Vielleicht passen die alten Regeln nicht mehr zu den Menschen, die heute am Tisch sitzen. Und vielleicht bedeutet „Ich kann nicht“ manchmal gar nicht: Ich kann nicht.
Vielleicht fehlt nur ein kleines Wort.
Ich kann nicht so.
Nicht unter diesen Bedingungen, nicht in diesem Tempo, nicht mit diesen Erwartungen, nicht mit diesem Druck, nicht gleichzeitig mit allem anderen, nicht nach diesen Regeln.
Plötzlich wird aus einem scheinbaren Endpunkt ein Doppelpunkt: Ich kann nicht so. Okay. Wie denn dann?
Vielleicht müssen zwei Menschen ihre Regeln neu erfinden. Gemeinsam. Nicht einmal für immer. Vielleicht nur für diese Runde. Eine Regel könnte lauten: Du darfst passen. Eine andere: Nicht jede ausgespielte Karte verlangt sofort eine Gegenkarte. Vielleicht legt einer gerade fünf Karten auf den Tisch und der andere nur eine. Vielleicht darf einer sagen: Heute kann ich keine spielen. Vielleicht darf man eine Karte einfach anschauen, sich darüber freuen und sie behalten, ohne sofort hektisch im eigenen Blatt nach einer gleichwertigen Gegenleistung zu suchen. Vielleicht darf man auch sagen: Dieses Spiel möchte ich nicht.
Auch das.
Und vielleicht lautet die wichtigste Regel von allen: Wir sagen einander, wenn sich das Spiel nicht mehr gut anfühlt.
Dann wäre das Ziel plötzlich gar nicht mehr, dass einer gewinnt. Vielleicht wäre das Ziel, ein Spiel zu finden, bei dem niemand sich selbst verlieren muss.
Das gilt nicht nur für zwei Menschen, die sich nahestehen. Es gilt im Ehrenamt, wenn fünf Leute verzweifelt versuchen, eine Veranstaltung am Leben zu halten, die früher fünfzig Menschen gemeinsam getragen haben. Irgendwann muss vielleicht nicht die Frage lauten: „Wie schaffen wir das trotzdem wieder?“, sondern: „Wollen wir es überhaupt noch so machen?“
Es gilt auf Arbeit, wenn ein Prozess zum siebzehnten Mal optimiert wird, obwohl sich seit Optimierung Nummer sechs niemand mehr getraut hat zu fragen, warum es diesen Prozess überhaupt gibt. Und es gilt in Familien, wenn alle versuchen, ein Bild davon zusammenzuhalten, wie Familie auszusehen hat, obwohl die Menschen darin längst andere geworden sind.
Es gilt überall dort, wo wir so sehr damit beschäftigt sind, etwas wieder so hinzubekommen wie früher, dass wir gar nicht bemerken, dass das Früher vielleicht gar nicht mehr die einzige mögliche Zukunft ist.
Manchmal liegt nämlich gar kein Kartenhaus auf dem Boden. Manchmal sind es Scherben.
Auch so ein schönes Wort: Scherben.
Wenn mir morgens beim Kaffee ein Teller herunterfällt, rufe ich vermutlich nicht begeistert: „Hervorragend! Das Glück ist da!“ Ich sage etwas anderes. Das wird hier aus Gründen der Familientauglichkeit nicht ausgeschrieben.
Beim Polterabend dagegen stellen sich vernünftige erwachsene Menschen hin, nehmen intaktes Porzellan und werfen es absichtlich auf den Boden. Krach. Scherben. Jubel. „Scherben bringen Glück!“
Eigentlich völlig irre.
Dasselbe Geräusch. Dasselbe zerbrochene Porzellan. Eine vollkommen andere Bedeutung.
Der Teller weiß nicht, ob er gerade Katastrophe oder Anfang ist. Wir geben den Scherben ihre Bedeutung.
Vielleicht bringen Scherben deshalb gar nicht Glück, weil etwas zerbrochen ist. Vielleicht liegt das Glück in einer anderen Erkenntnis: Etwas darf kaputt sein, ohne dass deshalb alles kaputt ist.
Der Teller muss nicht zwangsläufig wieder Teller werden. Vielleicht entsteht aus seinen Scherben irgendwann ein Mosaik. Vielleicht wird aus einem Teil etwas völlig anderes. Vielleicht kehren wir manche Scherben auch einfach zusammen und verabschieden uns von ihnen. Auch das ist erlaubt. Nicht alles Zerbrochene muss gerettet werden, nicht alles Vergangene wiederhergestellt und nicht jedes Kartenhaus braucht eine zweite Baugenehmigung.
Nur eines ist auf Dauer ziemlich ungesund: barfuß zwischen den Scherben stehen zu bleiben und sich jeden Morgen erneut daran zu schneiden, weil man sich weigert anzuerkennen, dass der Teller nicht mehr auf dem Tisch steht.
Und genau an dieser Stelle fällt mir eine Frage ein, die fast zweitausend Jahre alt ist und die ich schon immer einigermaßen frech fand.
Im Johannesevangelium begegnet Jesus am Teich Betesda einem Mann, der seit 38 Jahren krank ist. Achtunddreißig Jahre. Jesus sieht ihn dort liegen und fragt ihn: „Willst du gesund werden?“
Entschuldigung?
Was soll der Mann denn antworten? „Nee, Jesus, lass mal. Hab mich gerade hingesetzt.“
Natürlich will ein Mensch, der seit 38 Jahren krank ist, gesund werden.
Oder?
Vielleicht ist die Frage gerade deshalb so groß. Denn der Mann antwortet bemerkenswerterweise nicht einfach mit Ja. Stattdessen erzählt er, warum es bisher nicht funktioniert hat. Er habe niemanden, der ihn zum Wasser bringe; während er selbst noch unterwegs sei, sei schon ein anderer vor ihm dort. Jesus fragt nach seinem Wollen – und der Mann erzählt von seinem Nicht-Können.
Plötzlich liegen beide Dinge direkt nebeneinander.
Vielleicht ist „Willst du gesund werden?“ deshalb keine dumme Frage. Vielleicht ist es eine der ehrlichsten überhaupt. Denn gesund werden bedeutet Veränderung. Aufstehen bedeutet, den Ort zu verlassen, an dem man bisher gelegen hat. Etwas Neues zu beginnen bedeutet manchmal, etwas Altes zurückzulassen – selbst dann, wenn dieses Alte wehgetan hat.
Denn auch ein unbequemes Kartenhaus hat einen Vorteil: Man kennt seinen Grundriss. Das Neue nicht.
Vielleicht haben wir manchmal mehr Angst vor einer offenen Zukunft als vor einem vertrauten Schmerz. Wir wissen, wo die Scherben liegen, welche Karte wackelt und welche Regeln gelten. Das ist vielleicht nicht schön, aber bekannt. Und Bekanntheit kann sich erschreckend ähnlich wie Sicherheit anfühlen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb manchmal gar nicht: Kannst du schon wieder? Sondern: Willst du? Willst du aufstehen, etwas verändern, diese Karten überhaupt noch einmal in die Hand nehmen? Willst du mitspielen, ein anderes Spiel spielen oder heute einfach passen? Willst du vielleicht sogar, obwohl du gerade nicht kannst?
Denn ein Mensch, der gerade nicht kann, will nicht zwangsläufig nicht mehr. Vielleicht ist er erschöpft oder hat Angst. Vielleicht trägt er gerade mehr, als von außen sichtbar ist, oder steht mitten zwischen Scherben und weiß schlicht noch nicht, wohin mit seinen Füßen. Vielleicht fehlen Kraft, Zeit, Mut oder Raum. Vielleicht weiß er sogar ziemlich genau, was er gern geben würde, bekommt aber die Hand gerade nicht hoch.
Und manchmal ist das Ehrlichste, was ein Mensch sagen kann: Ich will. Aber ich kann gerade nicht.
Das ist kein Versprechen auf morgen. Es bedeutet nicht: Warte auf mich. Es bedeutet nicht: Wenn du mich nur genug liebst, wird alles gut. Und es verpflichtet niemanden, für immer neben einem Kartenstapel zu sitzen und auf besseren Wind zu hoffen.
Es bedeutet nur: Mach aus meinem Nicht-Können bitte nicht vorschnell ein Nicht-Wollen.
Denn das ist nicht dasselbe.
Genauso wahr ist allerdings die andere Seite. Manchmal können wir und wollen nur nicht. Vielleicht will ich dieses Ehrenamt nicht mehr. Vielleicht will ich diese Aufgabe nicht übernehmen. Vielleicht möchte ich diese Freundschaft nicht mehr auf dieselbe Weise führen. Vielleicht möchte ich nicht zurück in dieses Kartenhaus oder dieses Spiel überhaupt nicht mehr mitspielen.
Dann ist ein ehrliches „Ich will nicht“ irgendwann liebevoller als hundert Wochen „Ich kann gerade nicht“. Denn Wahrheit kann wehtun. Ungewissheit kann das allerdings auch – nur langsamer.
Und dann gibt es natürlich noch Variante drei: Wir wollen. Wir können. Wir wissen nur nicht mehr, was.
Womit wir überraschenderweise wieder beim Senilen vom Anfang wären.
Ich wusste doch, dass dieser Witz noch theologisch relevant wird.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht immer sofort eine Lösung haben. Manchmal reicht eine ehrliche Bestandsaufnahme: Da liegen Karten. Da liegen Scherben. Da ist etwas nicht mehr so, wie es einmal war.
Okay.
Dann müssen wir nicht sofort den Sekundenkleber holen. Vielleicht nehmen wir erstmal eine Karte in die Hand, drehen sie um, schauen den Menschen gegenüber an und fragen: Was machen wir jetzt damit?
Vielleicht bauen wir wieder. Vielleicht spielen wir. Vielleicht erfinden wir neue Regeln. Vielleicht entsteht aus den Scherben ein Mosaik oder wir kehren sie zusammen. Vielleicht wissen wir heute noch nicht, was daraus wird. Vielleicht können wir es heute noch nicht.
Hoffnung bedeutet schließlich nicht, sich einzureden, dass alles wieder so werden wird wie früher. Vielleicht ist Hoffnung viel lebendiger: die Möglichkeit auszuhalten, dass etwas anders werden darf, ohne schon zu wissen, wie dieses Anders aussieht.
Vielleicht beginnt sie deshalb auch nicht mit dem gut gemeinten Satz: „Du schaffst das schon.“
Vielleicht beginnt Hoffnung mit einer viel respektvolleren Frage: „Willst du?“
Und wenn die Antwort Ja lautet, müssen wir aus den herumliegenden Karten vielleicht gar nicht wieder dasselbe alte Haus bauen. Vielleicht setzen wir uns einfach zusammen an den Tisch und schauen, welches Spiel daraus werden kann.
Denn das Ende des Könnens ist nicht das Ende des Wollens.


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