Schrei nach Leben
Das Leben ist organisatorisch eine Katastrophe. Montag Arbeit, Dienstag Liebe, Mittwoch Selbstzweifel, Donnerstag Sport, Freitag Lebensfreude, Samstag Familie und Sonntag zwischen 14 und 16 Uhr existenzielle Fragen – das wäre doch mal ein Anfang. Krankheit bitte nach Terminvereinbarung, Trauer außerhalb der Kernarbeitszeit und Tod möglichst nicht zwischen Urlaub und Elternabend.
Stattdessen wirft das Leben alles gleichzeitig auf den Tisch. Einer ärgert sich über einen zweiten Platz, während ein anderer wenige Meter weiter darum kämpft, überhaupt noch einen nächsten Morgen zu erleben. Kinder proben, Erwachsene suchen Parkplätze, jemand kauft Gemüse, irgendwo wird geküsst, gestritten, gepflegt, gehofft, geboren und gestorben. Wahrscheinlich steht parallel noch jemand vor einem Kühlregal und fragt sich, warum es siebzehn Sorten Frischkäse gibt.
Und all das nennt sich dann: Samstag.
An diesem Samstag fiel eher beiläufig ein Satz: „Das Leben schreit nicht unbedingt nach Tod.“
Dummerweise blieb er hängen. Denn das Leben schreit tatsächlich erstaunlich selten nach dem, was gerade passiert. Es gibt Sonnenschein bei Beerdigungen und Tränen auf Hochzeiten, glückliche Menschen mit Angst und erschöpfte Menschen mit Hoffnung. Offenbar hält das Leben nichts von Genregrenzen. Wir schon. Wir möchten gern wissen, ob wir gerade in einem Drama, einer Komödie, einem Liebesfilm oder einer ausgesprochen schlechten Dokumentation über Parkplatzsuche mitspielen.
Das Leben antwortet: Ja.
Ausgerechnet eine Beerdigung hat mir das ziemlich eindrucksvoll vorgeführt. Eigentlich müsste dort wenigstens Ordnung herrschen. Das Thema ist schließlich bekannt, Schwarz als Corporate Identity seit Jahrhunderten etabliert, dazu Blumen, Glocken und Menschen in Kleidungsstücken, die bei hochsommerlichen Temperaturen eigentlich als Körperverletzung gelten müssten.
Nur hielt sich der Verstorbene nicht ans Konzept.
Er wusste, dass sein Leben zu Ende ging, und bereitete seinen Abschied selbst mit vor. Als erstes Lied wählte er „Großer Gott, wir loben dich.“ Der Tod steht also bereits fertig geschminkt hinter der Bühne – und vorne wird erst einmal Gott gelobt.
Auch seinen Abschiedsbrief schrieb er selbst: trocken, klar, humorvoll. Keine posthume Hochglanzpolitur. Dabei beherrscht der Tod PR hervorragend. Aus „Dickkopf“ wird hinterher „ein Mann mit festen Überzeugungen“, aus „anstrengend“ wird „charakterstark“. Eine alte Bestatter-Büttenrede bringt es wesentlich effizienter auf den Punkt: „Wollen Sie mal gelobt werden, müssen Sie sterben.“
Zu einem unserer letzten bewusst als Abschied gedachten Treffen hatte dieser Mann mich selbst eingeladen. Vermutlich der letzte Besuch, sagte er.
Was bringt man zu seinem letzten Besuch bei einem sterbenden Kabarettisten und überzeugten Karnevalisten mit?
Ich entschied mich für einen Büttenredner.
Im Nachhinein halte ich das weiterhin für völlig vernünftig.
Der Abend begann mit mit einem Witz über zwei Frauen auf dem Friedhof. Die eine sagt zur anderen: „Du hast es gut. Du kannst schon gießen. Ich muss noch kochen.“
Danach starb praktisch die gesamte arbeitende Bevölkerung. Der Zahnarzt hinterließ eine schmerzliche Lücke, der Musiklehrer ging flöten, den Elektriker traf der Schlag, der Koch gab den Löffel ab, der Bauer machte sich vom Acker und der Beamte wurde selbstverständlich umgebettet.
Selbst nach dem Tod bleibt die Verwaltung zuständig.
Mittendrin saß ein Mann, der wusste, dass er sterben würde, und lachte.
Geschmacklos? Vielleicht.
Albern? Definitiv.
Und gleichzeitig ein verdammt schöner Abschiedsabend.
Vielleicht liegt genau darin etwas, womit wir erstaunlich schlecht umgehen können: Mehrere Wahrheiten dürfen gleichzeitig wahr sein.
Wir benutzen ständig ODER, wo das Leben UND meint.
Traurig und dankbar. Erleichtert und verloren. Lieben und Angst haben. Vermissen und weitergehen. Weinen und lachen.
Das wurde mir nach der Beisetzung noch einmal klar. Ich stand mit der Frau des Verstorbenen am Grab. Viele Jahre hatte Krankheit ihren gemeinsamen Alltag geprägt. Pflege, Versorgung, Organisation. Jetzt müsse sie erst einmal herausfinden, wie ihr eigener Rhythmus eigentlich aussieht, sagte sie.
Traurig und hoffnungsvoll. Wieder dieses lästige UND.
Und natürlich lieferte mein Gehirn ausgerechnet dort einen weiteren Witz dieses letzten Abends: „Lebt der Mann ab, lebt die Frau auf.“
Manche Gedanken sollten vor dem Verlassen des Gehirns eine Zollkontrolle passieren. Dieser hatte offenbar Beziehungen.
Ich sagte ihn.
Am Grab ihres gerade beerdigten Mannes.
Falls es eine Bundesprüfstelle für Pietät gibt, dürfte mein Vorgang inzwischen bearbeitet werden.
Und sie lachte. Herzlich.
Ich auch.
Wir lachten nicht über ihn und eigentlich auch nicht trotz seines Todes. Für einen kurzen Moment lachten wir wieder mit ihm. Dieser Verabschiedungsabend war plötzlich da, sein Humor, seine Art, selbst dem eigenen Ende noch eine Pointe abzuringen.
Vielleicht ist Erinnerung genau deshalb eine ziemlich hartnäckige Form des Lebens.
Unsere Gesellschaft hätte das trotzdem gern etwas ordentlicher. Vielleicht nach DIN 0815-T – Ordnungsgemäßes Trauern: Lachen am Grab genehmigungspflichtig. Wiederaufnahme der Lebensfreude nach einer gesellschaftlich nicht definierten, von Nachbarn jedoch zuverlässig überwachten Frist. Witwen dürfen selbstverständlich weiterleben, sollten dabei aber bitte nicht zu früh aussehen, als könnte es ihnen irgendwann sogar wieder gefallen.
Das Leben hält sich nicht daran.
Es geht auch nicht einfach weiter. Dieser Satz ist mir ohnehin zu glatt. Es passiert weiter.
Während wir trauern, bekommen wir Hunger. Während wir glücklich sind, vermissen wir jemanden. Während irgendwo eine Hand zum letzten Mal losgelassen wird, greift anderswo ein Kind zum ersten Mal nach einem Finger. Während wir über Sinn, Tod und Ewigkeit nachdenken, fällt uns ein, dass wir noch Toilettenpapier brauchen.
Das Banale entwertet das Bedeutende nicht. Vielleicht macht es das Bedeutende überhaupt erst erträglich.
Denn das Leben wartet nicht, bis wir mit einem Gefühl fertig sind. Es stellt sie einfach alle gleichzeitig in die Küche: Trauer sitzt am Tisch, Erleichterung macht Kaffee, Erinnerung erzählt denselben Witz zum vierten Mal, Hoffnung schaut vorsichtig herein, Alltag fragt, wer einkaufen geht, und Lebensfreude hat wieder niemand eingeladen, sitzt aber längst auf der Arbeitsplatte und isst den Kuchen.
Vielleicht ist das der eigentliche Schrei nach Leben.
Nicht dieses pathetische „Carpe diem“, als müssten wir jeden Dienstagmorgen um 6:40 Uhr euphorisch begrüßen, weil wir noch atmen. Sondern die Erkenntnis, dass Leben eben nicht nur Glück, Hoffnung und Sonnenuntergänge meint. Es kann gleichzeitig nach Ruhe und Abenteuer, Nähe und Abstand, Gott und Gießkanne, Liebe und Kuchen, Bedeutung und vollkommenem Blödsinn schreien.
Vielleicht suchen wir deshalb vergeblich nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht gibt es ihn gar nicht im Singular. Vielleicht liegt er im Plural: in diesem ziemlich chaotischen, manchmal schmerzhaften und gelegentlich ausgesprochen komischen UND.
Ein einziger Tag kann groß genug sein für Ehrgeiz und Angst, Abschied und Zukunft, Tränen und Gelächter, Tod und verdammt viel Leben.
Und vielleicht ist genau das seine schönste Zumutung: Das Leben wartet nicht darauf, dass wir bereit sind. Es passiert einfach weiter – in alle Richtungen gleichzeitig.


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