Schätze
Aktualisiert: 30. Aug.
Manche Menschen kommen nicht mit großem Getöse in unser Leben. Sie stehen nicht plötzlich mit Leuchtreklame vor uns und tragen ein Schild um den Hals, auf dem steht: „Achtung. Ich bin wichtig. Bitte entsprechend behandeln.“
Sie sind einfach da.
Sie schreiben morgens, weil ihnen irgendein völlig bekloppter Gedanke durch den Kopf gegangen ist. Sie schicken ein Foto vom Sonnenuntergang. Sie merken sich, dass heute dieser eine Termin war, vor dem man ein bisschen Bammel hatte. Sie fragen, ob man gut angekommen ist. Sie hören sich eine sechsminütige Sprachnachricht an, obwohl eigentlich längst Feierabend sein sollte. Sie erinnern sich an Nebensätze, die man selbst schon wieder vergessen hatte. Und manchmal fragen sie einfach: „Wie geht’s dir?“ Nicht als Gesprächseröffnung, sondern weil sie es wirklich wissen wollen.
Vielleicht sind das die eigentlichen Schätze unseres Lebens.
Und vielleicht haben Schätze eine ziemlich blöde Eigenschaft: Wenn sie lange genug da sind, gewöhnen wir uns an ihr Funkeln.
Am Anfang nehmen wir vieles noch wahr. Die Nachricht zwischendurch. Das ehrliche Interesse. Die kleinen Gesten. Jemanden, der sich Zeit nimmt. Jemanden, der nicht nur unsere Geschichten hört, sondern sie behält. Wir freuen uns darüber.
Irgendwann aber kann etwas Merkwürdiges passieren. Aus „Wie schön, dass du an mich gedacht hast“ wird ganz langsam: „Natürlich denkt er an mich.“ Aus Aufmerksamkeit wird Gewohnheit. Aus Verlässlichkeit Selbstverständlichkeit. Und aus einem Menschen, der sich immer wieder bewusst für uns entscheidet, wird in unserer Wahrnehmung jemand, von dem wir unbewusst annehmen: Der ist ja sowieso da.
Das muss nicht einmal böse gemeint sein. Vielleicht ist es sogar eine der seltsamsten Nebenwirkungen von Sicherheit: Wir achten irgendwann weniger auf das, dessen Verlust wir uns nicht vorstellen.
Dabei ist gerade freiwillige Verlässlichkeit alles andere als selbstverständlich. Niemand schuldet uns einen Gedanken. Niemand schuldet uns echtes Interesse. Niemand schuldet uns Zeit, Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit oder das kleine „Bist du gut angekommen?“. Wenn jemand uns all das immer wieder freiwillig schenkt, ist das kein Hintergrundrauschen. Es ist ein Geschenk.
Wir haben manchmal ziemlich monumentale Vorstellungen davon, woran man erkennt, dass man einem Menschen etwas bedeutet. Große Worte. Große Entscheidungen. Große Gesten. Dabei wohnt Nähe erstaunlich häufig in völlig unspektakulären Dingen: in einem Namen auf dem Display, in einem Foto ohne besonderen Anlass, in einem „Das musst du mir später erzählen“, einem „Fahr vorsichtig“ oder einem „Ich musste gerade an dich denken“.
Oder in diesem wunderbaren menschlichen Reflex, irgendwann am Abend auf die Uhr zu schauen und sich zu fragen: Ist der Mensch eigentlich gut angekommen?
Das ist keine Kontrolle. Jedenfalls muss es keine sein. Es kann schlicht bedeuten: Du existierst auch dann in meinem Kopf, wenn du gerade nicht vor mir stehst.
Was für eine kleine Geste. Und was für eine große Aussage.
Natürlich darf daraus kein Forderungskatalog werden. Niemand muss innerhalb von drei Minuten antworten. Menschen haben Arbeit, Kinder, Freunde, Chaos, Urlaub, Erschöpfung und manchmal auch einfach keine Lust auf ihr Telefon. Nicht jede verzögerte Antwort ist eine Aussage über den Stellenwert eines Menschen. Nähe lässt sich nicht an blauen Haken messen, Liebe nicht in Antwortminuten und Zuneigung schon gar nicht an der Anzahl verschickter Herzchen.
Aber über längere Zeit entsteht trotzdem ein Muster.
Wer fragt? Wer hört zu? Wer erinnert sich? Wer öffnet Türen – und wer geht hindurch? Wer erzählt von sich aus? Wer möchte teilhaben? Wer schafft Gelegenheiten füreinander? Wer bemerkt, wenn der andere leiser wird? Und wer verlässt sich irgendwann einfach darauf, dass der andere schon wiederkommen wird?
Vielleicht zeigt sich der Wert, den wir einem Menschen geben, weniger darin, was wir über ihn fühlen, sondern darin, was von diesem Gefühl bei ihm ankommt.
Das ist vermutlich einer der unbequemeren Gedanken. Wir können einen Menschen unglaublich lieb haben. Wir können an ihn denken, ihn vermissen und innerlich einen riesigen Platz für ihn reserviert haben. Wenn davon dauerhaft kaum etwas die Strecke zwischen zwei Menschen überquert, lebt diese Zuneigung allerdings hauptsächlich in uns selbst. Der andere kann sie nicht lesen.
Und irgendwann entsteht vielleicht eine traurige Situation: Zwei Menschen könnten sich viel bedeuten – und einer davon fühlt sich trotzdem unwichtig. Nicht zwingend, weil keine Liebe da ist, sondern weil sie nicht mehr erfahrbar ist.
Vielleicht verlieren wir manche Menschen deshalb nicht, weil wir sie zu wenig geliebt haben. Vielleicht verlieren wir sie, weil wir zu lange geglaubt haben, sie würden schon wissen, dass wir es tun.
Nun könnte man daraus den nächsten Fehler machen. Menschen festhalten. Mehr schreiben. Mehr fragen. Mehr geben. Noch aufmerksamer werden. Bloß nichts verlieren.
Aber auch das ist nicht Schätzen.
Denn ein Schatz ist kein Besitz. Ein Mensch gehört uns nicht, nur weil wir ihn lieben. Und Liebe ist kein Vertrag darüber, dass jemand jederzeit genau die Nähe liefern muss, die wir gerade brauchen.
Vielleicht bedeutet jemanden zu schätzen deshalb gleichzeitig zwei Dinge: ihn nicht für selbstverständlich zu halten und ihn nicht festzuhalten.
Das klingt widersprüchlich. Ist es vielleicht auch ein bisschen. Aber wahrscheinlich liegt genau da die Kunst. Nähe anbieten, ohne sie einzufordern. Interesse zeigen, ohne Buch darüber zu führen. Sagen, was man fühlt, ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen. Und manchmal auch Raum lassen, damit überhaupt sichtbar werden kann, ob der andere diesen Raum von selbst wieder überbrückt.
Denn auch das gehört zum Schätzen: nicht immer alle Wege selbst gehen.
Und dann gibt es noch einen Schatz, den wir bei all dem erstaunlich gern vergessen: uns selbst.
Wer andere Menschen sehr intensiv liebt, kann irgendwann anfangen, den eigenen Wert danach zu bemessen, wie viel davon zurückkommt. Dann wird aus einem ausbleibenden Lebenszeichen plötzlich ein Urteil, aus Distanz wird Selbstzweifel und aus Liebe langsam die Frage: Was muss ich noch tun, damit ich wichtig genug bin?
Vielleicht ist genau dort eine Grenze.
Denn einen anderen Menschen zu schätzen bedeutet nicht, sich selbst unter Wert zu verschenken. Man darf jemanden vermissen und trotzdem weiterleben. Man darf sich Nähe wünschen und trotzdem Raum lassen. Man darf enttäuscht sein. Man darf Bedürfnisse haben. Und man darf irgendwann sogar feststellen: Das, was zwischen uns möglich ist, reicht mir nicht.
Nicht als Strafe. Nicht als Drohung. Sondern weil auch das Selbstachtung sein kann.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich einmal genauer hinsehen. Wer sind eigentlich die Menschen, die unser Leben still heller machen? Wer fragt nach uns, ohne etwas zu brauchen? Wer bringt uns zum Lachen? Wer hält unsere schlechten Tage aus? Wer kennt unsere bekloppten Seiten und scheint ausgerechnet die besonders gern zu mögen? Wer schickt uns Sonnenuntergänge, Gedanken, Lieder, Fotos, Blödsinn oder ein schlichtes „Gut angekommen?“
Vielleicht sollten wir diesen Menschen gelegentlich sagen, dass wir bemerken, was sie tun. Nicht erst, wenn sie damit aufhören. Nicht erst, wenn etwas zerbricht. Nicht erst, wenn aus „immer da“ plötzlich „nicht mehr da“ geworden ist.
Und gleichzeitig sollten wir uns selbst dieselbe Aufmerksamkeit schenken.
Denn möglicherweise besteht die Kunst gar nicht darin, jeden Schatz festzuhalten. Sondern darin, ihn zu erkennen, solange er da ist. Ihn nicht als selbstverständlich zu betrachten. Gut mit ihm umzugehen. Und zu akzeptieren, dass auch wir selbst einen Platz verdient haben, an dem unsere Anwesenheit nicht bloß geduldet, sondern bemerkt wird.
Schätze die Schätze.
Die anderen. Die kleinen Augenblicke. Das Dazwischen.
Und verdammt noch mal: Vergiss deinen eigenen Wert dabei nicht.


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