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Beinah

christophmatthes86
25. Aug.
7 Min. Lesezeit

Es gibt Nachrichten, die wurden geschrieben und trotzdem nie verschickt. Vielleicht nachts um halb zwei, wenn der Mut ein bisschen größer und die Vernunft ein bisschen leiser ist. Drei Worte nur: „Ich vermisse dich.“ Jemand hat sie getippt, lange angesehen, vielleicht noch einen Punkt dahinter gesetzt, ihn wieder gelöscht, die Nachricht noch einmal geschrieben, wieder gelesen – und schließlich alles verworfen.


Du hast davon nie erfahren. Vielleicht warst du währenddessen sogar wach. Vielleicht lag dein Handy neben dir. Vielleicht hättest du genau diese drei Worte gebraucht. Vielleicht hast du sogar darauf gewartet. Aber dein Display blieb dunkel. Also bist du irgendwann eingeschlafen mit dem Gedanken, dass du diesem Menschen offenbar nicht fehlst. Während irgendwo anders jemand wach lag und dich so sehr vermisste, dass er dir beinah geschrieben hätte.


Beinah. Ein beiläufiges Wort eigentlich. Eines, das wir ständig benutzen, wenn etwas knapp nicht passiert ist. Beinah den Zug verpasst, beinah gestolpert, beinah den Schlüssel vergessen. Nichts Besonderes. Und vielleicht ist „beinah“ trotzdem eines der traurigsten Wörter unserer Sprache. Denn wir werden niemals erfahren, wie viel in unserem Leben beinah passiert wäre.


Wir wissen nicht, wie oft jemand unsere Nummer schon aufgerufen hatte und nur noch auf den grünen Hörer hätte drücken müssen. Wie oft eine Nachricht fertig geschrieben war. Wie oft jemand auf uns zuging und einen Schritt zu früh stehen blieb. Wie oft ein „Bleib“ schon im Hals saß und als „Mach’s gut“ herauskam. Wie oft jemand beinah gesagt hätte: „Ich brauche dich.“ „Ich bin stolz auf dich.“ „Es tut mir leid.“ „Ich liebe dich.“


Wir erfahren nur, was Menschen tatsächlich tun, nicht, was sie beinah getan hätten. Deshalb tragen wir Geschichten mit uns herum, die vielleicht niemals wahr gewesen sind. Ich war ihm wohl nicht wichtig. Sie hat mich längst vergessen. Er wollte mich nicht. Sie hätte sich ja melden können. Offenbar war unsere Freundschaft doch nicht so besonders. Vielleicht hat sich der andere exakt dieselbe Geschichte erzählt.


Und so können zwei Menschen einander verlieren, obwohl keiner von beiden gehen wollte. Nicht mit einem großen Streit, nicht mit zugeschlagenen Türen und manchmal nicht einmal mit einem richtigen Abschied. Manchmal verlieren Menschen einander viel unspektakulärer. Eine Nachricht weniger. Ein Anruf, den man auf morgen verschiebt. Ein Kaffee, den man irgendwann nachholen will. Ein „Wir müssen unbedingt mal wieder“, das beide ernst meinen und trotzdem niemand in den Kalender schreibt.


Man ist sich noch nah. Irgendwie. Vielleicht nur beiläufig nah. Nah genug, um aneinander zu denken. Nah genug, um den Geburtstag nicht zu vergessen. Nah genug, um gelegentlich den Chat zu öffnen und nachzusehen, wann man zuletzt geschrieben hat. Nah genug, dass ein Foto plötzlich etwas im Bauch macht. Aber offenbar nicht nah genug, um einfach auf „Senden“ zu drücken.


Also vergeht Zeit. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Jahre. Menschen ziehen weg, Leben verändern sich, Freundschaften verlaufen sich, Liebe wird vernünftig und Nähe wird Erinnerung. Telefonnummern bleiben gespeichert, obwohl man längst nicht mehr weiß, ob man sie überhaupt noch benutzen dürfte. Man könnte sich ja irgendwann melden. Wir Menschen haben eine erstaunliche Begabung dafür, so zu leben, als hätten wir unendlich viele Irgendwanns.


Bis irgendwann kein Irgendwann mehr kommt.


Vielleicht steht dann jemand auf einem Friedhof und würde für einen einzigen verdammten Augenblick alles dafür geben, noch einen Satz sagen zu können. Und vielleicht wäre es gar kein großer Satz. Vielleicht nur: „Du warst mir wichtig.“ Vier Worte, für die jahrzehntelang Zeit gewesen wäre. Beim Kaffee, im Auto, an irgendeinem Dienstagabend, in einer Nachricht, zwischen Tür und Angel. Wir verschieben solche Sätze trotzdem. Auf morgen. Auf einen besseren Moment. Auf irgendwann. Weil wir so leben, als hätten wir unendlich viele Dienstage.


Bis wir irgendwann vor einem Grab stehen und feststellen, dass wir die nicht hatten.


Und das wirklich Grausame daran ist vielleicht nicht einmal der Tod. Das Grausame ist, dass der Mensch dort gegangen sein könnte, ohne es je gewusst zu haben.


Vielleicht hat ein Vater seinen Sohn sein ganzes Leben lang bewundert. Hat anderen stolz von ihm erzählt, Fotos gezeigt, jeden seiner Schritte verfolgt und sich gefreut, wenn sein Name auf dem Display erschien. Nur zu ihm selbst hat er nie gesagt: „Ich bin stolz auf dich.“ Und vielleicht sitzt dieser Sohn Jahrzehnte später irgendwo und versucht noch immer herauszufinden, warum er seinem Vater nie genug war. Zwei Menschen, dieselbe Geschichte und zwei vollkommen unterschiedliche Wahrheiten. Der eine liebte. Der andere fühlte sich ungeliebt. Beinah hätten sie voneinander gewusst.


Manchmal ist Schweigen eben nicht nichts. Manchmal verändert ein einziger nicht gesagter Satz ein ganzes Leben. Eine Freundschaft hätte tiefer werden können. Eine Liebe hätte erfahren können, dass sie eine war. Zwei Menschen hätten sich versöhnen können, obwohl beide längst darauf warteten. Jemand wäre vielleicht geblieben, wenn ein anderer nur gesagt hätte, dass er bleiben soll. Vielleicht gab es sogar ein ganzes gemeinsames Leben, das beinah stattgefunden hätte.


Das klingt pathetisch, bis man darüber nachdenkt, wie wenig manchmal nötig ist, damit ein Leben eine andere Richtung nimmt. Ein Anruf. Eine Nachricht. Eine Frage. Ein Kuss. Fünf Sekunden Mut.


Wir werden niemals erfahren, wie viele solcher Abzweigungen wir passiert haben, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort eine war. Wie viele Menschen uns bewundert haben, während wir selbst glaubten, nicht gut genug zu sein. Wie viele uns vermisst haben, während wir überzeugt waren, längst vergessen zu sein. Wie viele gern geblieben wären, während wir ihnen besonders tapfer die Tür aufgehalten haben. Wie oft zwei Menschen gleichzeitig gewartet haben, jeder auf den anderen, und beinah einer angefangen hätte.


Und wahrscheinlich passiert beim Lesen gerade etwas Merkwürdiges. Vielleicht ist längst ein Gesicht aufgetaucht. Ein Name. Ein Mensch, bei dem man sich bis heute fragt, was eigentlich gewesen wäre. Vielleicht sogar jemand, von dem man gern glauben würde, dass er damals auch gezögert hat. Dass er einen auch vermisst hat. Dass man ihm vielleicht viel wichtiger gewesen ist, als man jemals erfahren hat. Dieser Gedanke hat etwas Tröstliches. Vielleicht hat mich jemand beinah angerufen. Vielleicht hat mich jemand beinah zurückgehalten. Vielleicht hat mich jemand beinah geliebt.


Aber vielleicht stellen wir damit die angenehmere der beiden Fragen. Denn die andere lautet: Wer glaubt heute eigentlich, er sei dir egal, nur weil du geschwiegen hast?


Wer zweifelt an sich, obwohl du ihn bewunderst? Wer glaubt, du hättest ihn vergessen? Wer hätte irgendwann dringend hören müssen, dass du stolz auf ihn bist? Wer ist gegangen und glaubt bis heute, du hättest ihn gehen lassen wollen? Wem hast du „Mach’s gut“ gesagt, obwohl in dir eigentlich alles „Bleib“ geschrien hat?


Vielleicht gibt es irgendwo einen Menschen, der gerade versucht, mit deiner vermeintlichen Gleichgültigkeit Frieden zu schließen. Und du bist gar nicht gleichgültig. Du hattest nur Angst. Warst stolz, unsicher oder zu vernünftig. Wolltest nicht stören, nicht bedürftig wirken, nicht derjenige sein, der sich zuerst meldet. Vielleicht wolltest du herausfinden, ob vom anderen etwas kommt. Vielleicht dachtest du: Wenn ich diesem Menschen wirklich wichtig bin, wird er sich schon melden.


Vielleicht dachte er dasselbe.


So kann aus Nähe Distanz werden, ohne dass einer von beiden sie wollte. Irgendwann waren zwei Menschen, die sich einmal sehr nah waren, nur noch zwei Menschen, die beinah zueinandergefunden hätten. Und vielleicht steckt genau deshalb viel mehr in diesem kleinen Wort, als wir normalerweise hören.


Bei. Nah.


Da war jemand bei uns und da war jemand uns nah. Nicht irgendein Fremder, nicht irgendeine theoretische Möglichkeit, sondern ein wirklicher Mensch. Mit einer Stimme, die wir kannten. Einer Nummer in unserem Telefon. Einer Art zu lachen, die wir sofort erkennen würden. Vielleicht mit einem Platz an unserem Küchentisch, vielleicht nur für eine kurze Zeit, vielleicht nur beiläufig – aber nah.


Und ausgerechnet aus diesem bei uns und diesem nah wurde irgendwann nur noch beinah.


Beinah eine Freundschaft. Beinah eine Versöhnung. Beinah eine Liebe. Beinah geblieben. Beinah gesagt, was man fühlt. Beinah ein gemeinsames Leben.


Vielleicht tut „beinah“ deshalb manchmal mehr weh als „nie“. Bei „nie“ war vielleicht niemals etwas da. Bei „beinah“ war alles schon erschreckend nah. Der Mensch war da, der Augenblick war da, das Gefühl war da, die Worte vielleicht auch. Vielleicht sogar die Antwort. Nur der Mut fehlte.


Und niemand wird am Ende unseres Lebens eine Liste mit all diesen Beinahe-Momenten finden. Kein Fotoalbum zeigt die Umarmungen, zu denen es nie kam. Kein Chatverlauf enthält die gelöschten Nachrichten. Auf keinem Grabstein stehen die Worte, die jemand sein Leben lang nicht ausgesprochen hat. Sie verschwinden einfach, als hätte es sie nie gegeben. Dabei hätten sie vielleicht alles verändert.


Vielleicht gibt es deshalb Menschen, die wir unser ganzes Leben falsch verstanden haben. Und vielleicht gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben uns falsch verstehen werden. Nicht weil wir gelogen haben, sondern weil wir nichts gesagt haben. Wir werden niemals wissen, wie oft wir geliebt wurden, wie oft wir vermisst wurden, wie oft jemand bleiben wollte, wie oft jemand auf uns gewartet hat und wie oft ein einziger Satz gereicht hätte.


Und vielleicht sollte dieser Gedanke deshalb ausnahmsweise nicht mit Hoffnung enden. Nicht mit „Trau dich“. Nicht mit irgendeinem hübschen Satz darüber, dass es niemals zu spät sei. Denn manchmal ist es zu spät. Manche Menschen kommen nicht zurück. Manche Gelegenheiten wiederholen sich nicht. Manche Türen schließen sich so leise, dass wir erst Jahre später merken, dass sie zu sind. Und manche Worte bleiben für immer in einem Menschen, der irgendwann nicht mehr da ist.


Vielleicht besteht ein Teil unseres Lebens aus all den Dingen, die wir getan haben. Und ein anderer, unsichtbarer Teil aus denen, für die uns der Mut gefehlt hat. Aus Menschen, die uns beiläufig nah waren. Die bei uns waren. Die uns nah waren. Und die irgendwann nicht mehr da waren.


Vielleicht werden wir am Ende gar nicht am meisten um unsere großen Fehler trauern. Vielleicht sind es diese winzigen Augenblicke, in denen eigentlich alles da war: der Mensch, die Gelegenheit, die Worte, das Gefühl. Alles bis auf ein paar Sekunden Mut.


Und irgendwann wird aus einem Menschen, der bei uns war und uns nah war, nur noch eine Möglichkeit, die wir nie gelebt haben.


Aus bei und nah wird dann ein einziges Wort.


Vielleicht eines der traurigsten unserer Sprache.


Beinah.

 
 
 

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