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Route wird neu berechnet

  • christophmatthes86
  • 17. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Es ist die größte Ironie unserer Zeit: Wir haben für alles eine Navigation. Außer für uns selbst.


Morgens greifen viele Menschen noch vor dem ersten klaren Gedanken zum Handy. Nachrichten. Mails. Erinnerungen. Schlagzeilen. Irgendwo zwischen Wetter-App und Terminkalender entscheidet plötzlich etwas anderes, wie der Tag beginnt.


Nicht wir.


Dabei ist das bemerkenswert. Wir leben in einer Zeit, in der ein Telefon oft schneller weiß, worüber wir nachdenken, als die Menschen um uns herum.


Man erzählt beim Abendessen beiläufig, dass man irgendwann einmal in die Berge möchte. Einfach los. Rucksack. Wochenlang laufen. Einen Tag später erscheinen Wanderschuhe, Trekkingrucksäcke und Outdoorjacken auf dem Bildschirm.


Aus einem Traum wird ein Warenkorb. Aus einer Sehnsucht ein Kaufvorschlag.


Und irgendwann merkt man kaum noch, wie oft man Dinge möchte, weil sie einem begegnet sind – und nicht, weil man sie wirklich wollte.


Wir laden unsere Handys jede Nacht auf hundert Prozent auf. Uns selbst deutlich seltener.


Wir tragen Tausende Fotos mit uns herum. Urlaube. Geburtstage. Sonnenuntergänge. Menschen, die uns wichtig waren. Menschen, die es vielleicht nicht mehr sind.


14.000 Bilder im Speicher. Und wie viele davon schauen wir jemals wieder an?


Manchmal frage ich mich, ob wir Erinnerungen noch sammeln oder nur noch archivieren.


Ähnlich ist es mit unseren Schritten.


Moderne Uhren zählen sie zuverlässig.

8.000.

10.000.

12.000.


Blaue Doppel-Häkchen erscheinen.

Ziele werden erreicht.

Aber niemand fragt, ob diese Schritte überhaupt in eine Richtung führen, die wir selbst gewählt haben.


Denn genau dort wird es interessant. Wenn Menschen nicht mehr weiterwissen, erscheint meistens irgendeine Stimme.


Ein Podcast.

Ein Coach.

Ein Algorithmus.

Eine App.

Ein Experte.


Jemand, der erklärt, wie man erfolgreicher, glücklicher, produktiver oder gelassener wird. Und diese Stimmen klingen oft so überzeugend, dass man vergisst, die entscheidende Frage zu stellen. Wohin eigentlich?



Denn der kürzeste Weg ist wertlos, wenn das Ziel nicht stimmt. Die schnellste Route bringt nichts, wenn man nur besonders effizient in die falsche Richtung läuft.


Vermutlich fühlen sich deshalb so viele Menschen erschöpft, obwohl sie ständig unterwegs sind.


Sie bewegen sich.

Aber sie reisen nicht.

Sie funktionieren.

Aber sie folgen.

Sie optimieren.

Aber sie entscheiden immer seltener selbst.


Manchmal erinnert mich unsere Gesellschaft an Menschen, die im Auto sitzen und der Navigation vertrauen, obwohl nie ein Ziel eingegeben wurde.


„Route wird neu berechnet.“

Klingt beruhigend.

Klingt kompetent.

Klingt nach Kontrolle.


Nur kann keine Route berechnet werden, wenn niemand weiß, wo er hinwill. Und eigentlich liegt genau dort die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.


Nicht schneller werden.

Nicht effizienter werden.

Nicht noch mehr Informationen sammeln.

Sondern für einen Moment anzuhalten.


Den Motor auszumachen.

Die Stimmen leiser werden zu lassen.

Nicht die anderen zu fragen.

Nicht Google.

Nicht ChatGPT.

Nicht Instagram.

Nicht LinkedIn.

Nicht den Nachbarn.

Sondern sich selbst.


Wann hast du zuletzt etwas gewollt, das dir niemand vorgeschlagen hat?


Nicht geliked.

Nicht empfohlen.

Nicht gespeichert.

Nicht beworben.

Sondern wirklich gewollt.


Vielleicht beginnt Orientierung genau dort. Bei einer Frage, die dir kein Gerät der Welt stellen kann. Wo willst du eigentlich hin?


Nicht am schnellsten.

Nicht am kürzesten.

Einfach nur hin.

 
 
 

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