Referenzpunkte
Da steht eine Sechs auf dem Boden.
Ganz eindeutig.
Eine Sechs.
Ich sehe sie doch.
Und mir gegenüber steht jemand,
schaut auf dieselbe Zahl
und sagt: „Neun.“
Neun?
Ich lache.
Nicht böse.
Eher dieses kleine Lachen,
das wir Menschen immer dann besonders gut können,
wenn wir uns unserer Sache
besonders sicher sind.
„Schau noch mal hin.“
Sechs.
„Nein“, sagt er.
„Neun.“
Und plötzlich diskutieren wir.
Erst leise.
Dann logisch.
Dann gründlich.
Dann grundsätzlich.
Ich erkläre Rundungen,
Richtungen,
Linien,
Lagen.
Er erklärt dasselbe.
Nur andersrum.
Und irgendwann erklären wir einander nicht mehr die Zahl,
sondern uns gegenseitig
für verrückt.
Bis ich einen Schritt mache.
Nur einen.
Dann noch einen.
Gehe um diese verdammte Zahl herum.
Und plötzlich
steht da eine Neun.
Die ganze Zeit schon.
Nicht, weil sie sich gedreht hätte.
Sondern ich.
Und vielleicht ist das eine der größten Zumutungen des Lebens: zu erkennen,
dass ein anderer recht haben kann,
ohne dass wir deshalb unrecht hatten.
Vielleicht streiten wir viel zu oft
über Wahrheit,
obwohl wir eigentlich
über Standorte reden.
Denn das passiert überall.
Einer sagt:
„Wir sind doch noch Freunde.“
Der andere denkt:
Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns zu erzählen, wie es uns geht?
Einer sagt:
„Das Projekt läuft.“
Der andere fragt sich:
Warum fühlt es sich dann an, als würde ich es allein schieben?
Einer sagt:
„Unser Verein funktioniert.“
Und einer weiß längst,
welche drei Menschen nachts noch Mails schreiben,
damit er morgens so aussieht.
Einer sagt:
„Wir haben doch Kontakt.“
Und der andere hört vor allem
die Stille dazwischen.
Keiner muss lügen.
Keiner muss herzlos sein.
Keiner muss schuld sein.
Manchmal ist es wirklich
dieselbe Zahl.
Nur von der anderen Seite.
Vielleicht wird es noch komplizierter,
weil wir Menschen nie nur anschauen,
was gerade vor uns liegt.
Wir vergleichen.
Mit gestern.
Mit früher.
Mit diesem einen Sommer.
Mit diesem einen Erfolg.
Mit dieser Zeit,
in der alles irgendwie leichter war.
Als die Idee noch verrückt genug war,
um uns nachts wachzuhalten.
Als Applaus noch durch den ganzen Körper ging.
Als ein „Danke“ noch etwas bedeutete.
Als wir nach einem Lauf völlig fertig waren
und trotzdem grinsen mussten.
Als ein Name auf einem Display genügte,
damit der Tag kurz heller wurde.
Als Nähe noch nicht normal war.
Als Erfolg noch nicht erwartet wurde.
Als das Besondere noch besonders war.
Und dann passiert etwas.
Ganz leise.
Wir gewöhnen uns.
An Menschen.
An Erfolge.
An Anerkennung.
An Tempo.
An Verantwortung.
An dieses warme Gefühl,
irgendwo wichtig zu sein.
Vielleicht sogar daran,
gewollt zu sein.
Und was gestern noch Geschenk war,
wird heute Gewohnheit.
Was heute Gewohnheit ist,
wird morgen Erwartung.
Und was morgen ausbleibt,
fühlt sich plötzlich an
wie Verlust.
Vielleicht werden wir deshalb manchmal süchtig.
Nicht nach Menschen.
Nicht nach Arbeit.
Nicht nach Applaus.
Nicht nach Nachrichten.
Sondern nach dem Gefühl dahinter.
Nach diesem:
Ich kann etwas.
Ich bewege etwas.
Ich bedeute etwas.
Ich werde gesehen.
Ich werde gebraucht.
Nein.
Vielleicht noch stärker:
Ich werde gewollt.
Und wenn dieses Gefühl leiser wird,
werden wir lauter.
Noch ein Projekt.
Noch eine Aufgabe.
Noch ein Termin.
Noch ein Kilometer.
Noch eine Nachricht.
Noch ein Versuch.
Noch einmal fragen.
Noch einmal tragen.
Noch einmal:
„Ich mach das schon.“
Wir nennen das Leidenschaft.
Verantwortung.
Loyalität.
Liebe.
Pflichtbewusstsein.
Manchmal ist es das auch.
Und manchmal ist es einfach nur
Angst vor der Frage:
Was passiert eigentlich,
wenn ich es nicht mehr tue?
Denn solange ich ziehe,
bewegt sich etwas.
Solange ich schreibe,
gibt es Kontakt.
Solange ich organisiere,
gibt es die Veranstaltung.
Solange ich einspringe,
funktioniert das Team.
Solange ich lächle,
merkt vielleicht niemand,
wie müde ich bin.
Solange ich festhalte,
fällt nichts.
Zumindest nicht sofort.
Und so halten wir.
Menschen.
Projekte.
Freundschaften.
Vereine.
Erwartungen.
Erinnerungen.
Manchmal sogar Versionen unseres eigenen Lebens,
die längst schwerer geworden sind
als wir selbst.
Mit beiden Händen.
Immer fester.
Und wundern uns irgendwann,
warum Festhalten
so verdammt weh tut.
Vielleicht bauen wir deshalb Landebahnen.
Für Menschen.
Für Träume.
Für Möglichkeiten.
Wir schalten die Lichter an.
Räumen alles frei.
Stehen am Rand und denken:
Hier.
Hier kannst du landen.
Hier ist Platz.
Hier darfst du sein.
Und irgendwann stehen wir immer noch da.
Die Lichter brennen.
Die Bahn ist frei.
Nur niemand landet.
Und dann beginnen wir vielleicht,
an unserer Landebahn zu zweifeln.
War sie nicht hell genug?
Nicht lang genug?
Nicht schön genug?
Hätten wir noch ein Licht aufstellen sollen?
Noch ein Zeichen?
Noch ein bisschen mehr Platz machen?
Dabei haben wir eine Möglichkeit übersehen:
Vielleicht wollte da gerade überhaupt niemand landen.
Vielleicht fliegt jemand gern.
Vielleicht hat er andere Ziele.
Vielleicht braucht er nach all dem Fliegen
keinen Flughafen.
Vielleicht muss er erst einmal
bei sich selbst ankommen.
Und das ist der Moment,
in dem eine Landebahn lernen muss:
Dass sie nicht wertlos wird,
nur weil niemand auf ihr landet.
Vielleicht sollten wir überhaupt weniger Flughafen
und mehr Blume sein.
Denn ein Kolibri
unterschreibt keinen Flugplan.
Er kommt.
Schwirrt.
Bleibt.
Verschwindet.
Vielleicht kehrt er zurück.
Vielleicht morgen.
Vielleicht irgendwann.
Vielleicht nicht.
Und keine Blüte kann ihn halten.
Sie kann nicht noch bunter blühen,
noch süßer duften,
noch verzweifelter schön sein,
damit er bleibt.
Sie kann nur blühen.
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht.
Denn wir Menschen haben eine seltsame Begabung:
Wir können sogar beim Blühen
noch in den Himmel starren.
Und irgendwann sehen wir gar nicht mehr,
dass wir blühen.
Wir sehen nur noch,
wer gerade nicht kommt.
Vielleicht beginnt genau dort
Loslassen.
Nicht beim Gehen.
Nicht beim Löschen.
Nicht beim Abschied.
Nicht bei Türen,
die ins Schloss fallen.
Vielleicht haben wir Loslassen
viel zu lange mit Verlieren verwechselt.
Denn vielleicht kann etwas bleiben,
während wir es loslassen.
Ein Mensch kann bleiben.
Eine Freundschaft.
Eine Aufgabe.
Ein Traum.
Eine Liebe.
Ein Ehrenamt.
Eine Hoffnung vielleicht auch.
Nur dieses Ziehen darf gehen.
Dieses ewige Nachhelfen.
Nachfragen.
Nachtragen.
Nachrennen.
Nachfüllen.
Dieses ständige Reparieren der Stille,
bevor wir überhaupt hören konnten,
was sie uns sagen wollte.
Und dann?
Dann wird es still.
Richtig still.
Und das ist vermutlich der gefährlichste Moment.
Denn jetzt könnten wir erfahren,
was passiert,
wenn wir nichts tun.
Vielleicht kommt jemand auf uns zu.
Vielleicht greift jemand nach dem Seil.
Vielleicht trägt plötzlich jemand mit.
Vielleicht entdecken wir,
dass etwas auch ohne unsere Hände
stehen kann.
Und vielleicht passiert — nichts.
Vielleicht ist genau davor
unsere größte Angst.
Nicht vor dem Loslassen.
Sondern vor der Antwort darauf.
Denn solange wir festhalten,
können wir uns erzählen,
dass wir gemeinsam tragen.
Erst wenn wir unsere Hände öffnen,
merken wir,
ob da noch andere Hände sind.
Und das kann wehtun.
Verdammt wehtun.
Aber vielleicht ist Schmerz manchmal nicht das Zeichen,
dass eine Erkenntnis falsch ist.
Vielleicht tut Wahrheit gelegentlich einfach weh,
wenn sie an einer Hoffnung vorbeimuss.
Und dann stehen wir wieder vor dieser Zahl.
Der Sechs.
Der Neun.
Nur dass wir inzwischen wissen:
Ich muss nicht auf deine Seite gehen,
um zu verstehen, was du siehst.
Und du musst nicht auf meiner stehen,
damit mein Blick wahr bleibt.
Etwas kann für dich vollkommen lebendig sein
und sich für mich trotzdem viel zu still anfühlen.
Etwas kann für dich genug sein
und mir trotzdem fehlen.
Etwas kann wunderschön sein
und trotzdem nicht reichen.
Ich kann dankbar sein für das, was da ist,
und trotzdem traurig über das, was fehlt.
Ich kann verstehen,
ohne einverstanden zu sein.
Ich kann lieben,
ohne hinterherzulaufen.
Ich kann bleiben,
ohne festzuhalten.
Und vielleicht ist genau das
der Perspektivwechsel,
für den wir nicht um die Zahl,
sondern einmal um uns selbst herumgehen müssen.
Vielleicht geht es gar nicht darum,
wer recht hat.
Vielleicht geht es darum,
endlich zu sehen,
wo wir stehen.
Und dann die Hände zu öffnen.
Nicht aus Trotz.
Nicht als Test.
Nicht damit irgendjemand zurückkommt.
Sondern weil unsere Hände irgendwann wieder frei sein müssen
für das,
was von selbst nach ihnen greift.
Denn vielleicht bedeutet Loslassen manchmal gar nicht,
einen Menschen,
eine Aufgabe,
einen Traum
oder eine Hoffnung loszulassen.
Vielleicht bedeutet Loslassen nur,
nicht mehr jede Stille zu füllen,
nicht mehr jede Entfernung zu überbrücken,
nicht mehr jedes Gewicht allein zu tragen.
Vielleicht bedeutet es,
weiter zu blühen,
auch wenn gerade kein Kolibri kommt.
Und vielleicht bedeutet es am Ende
gar nicht,
weniger zu lieben.
Sondern endlich aufzuhören,
für zwei festzuhalten.



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