Anstößig
„Ich mache das nicht, um Freunde zu finden.“
Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gesagt habe. Wahrscheinlich oft genug, dass man daraus entweder Haltung oder eine soziale Diagnose machen könnte. Ich entscheide mich selbstverständlich für Haltung.
Ich bin nämlich nicht besonders gut darin, Menschen nicht auf die Füße zu treten. Manchmal merke ich schon beim Anlauf, dass da ein Fuß liegt. Dann denke ich kurz darüber nach, ob man vielleicht außen herum könnte – und komme zu dem Schluss, dass der direkte Weg effizienter ist.
Nicht immer meine sympathischste Eigenschaft. Aber immerhin eine, die ich inzwischen sehr selbstbewusst vertrete. Für meine Kompetenz darin bin ich erstaunlich selbstbewusst.
Und genau deshalb blieb ich neulich an einem dieser Motivationssätze hängen, die das Internet so zuverlässig produziert wie der November Erkältungen: Wenn niemand ein Problem mit dir hat, spielst du zu klein. Relevanz erzeugt Reibung. Kritik, Zweifel und Neid seien letztlich nur der Preis dafür, dass man auffällt.
Ich gebe zu: Ich mochte das sofort.
Natürlich mochte ich das.
Es ist schließlich eine ausgesprochen angenehme Vorstellung, dass all jene Menschen, die sich irgendwann über einen geärgert haben, im Grunde nur amtlich bestätigen, dass man relevant ist. Man müsste Beschwerden künftig eigentlich sammeln. Nicht mehr als Kritik, sondern als Leistungsnachweis.
„Wie erfolgreich war Ihr Jahr?“
„Elf Beschwerden, drei eskalierte Gespräche und zwei Personen grüßen mich nicht mehr.“
„Glückwunsch. Goldstatus.“
Vielleicht könnte man daraus sogar ein Bonussystem machen. Ab zwanzig Gegnern gibt es LinkedIn Premium gratis.
Das Problem ist nur: Solche Sätze funktionieren verdächtig gut, wenn sie das bestätigen, was man ohnehin gern über sich glauben möchte. Ich bin nicht schwierig, ich bin unbequem. Ich bin nicht stur, ich habe Haltung. Ich bin nicht ungeduldig, ich bin lösungsorientiert. Ich höre nicht schlecht zu, die anderen reden nur zu lange.
Wir sind überhaupt bemerkenswert kreativ darin, unsere eigenen Macken in Führungskompetenzen umzubenennen.
Und ich bin da keine Ausnahme.
Im Gegenteil.
Ich mag klare Worte. Ich mag Menschen, die Position beziehen. Ich mag Entscheidungen. Dieses endlose Herumlavieren, bis jeder Satz so lange abgestimmt wurde, dass am Ende niemand mehr weiß, was man eigentlich sagen wollte, macht mich wahnsinnig. „Wir nehmen den Hinweis auf und prüfen ergebnisoffen die weitere Vorgehensweise“ ist ja manchmal nur die Verwaltungsversion von: Wir hoffen, dass das Thema bis nächste Woche von selbst stirbt.
Also sage ich lieber, was ich denke.
Und freue mich, wenn andere das ebenfalls tun.
Theoretisch.
Praktisch wäre es natürlich hilfreich, wenn sie danach dasselbe denken wie ich.
Da beginnt das Problem.
Wir lieben nämlich Menschen mit Ecken und Kanten. Das sagen wir ständig. Ecken und Kanten sind großartig. Charakter! Haltung! Authentizität!
Nur die Ecke sollte möglichst nicht in unsere Richtung zeigen.
Wir wollen ehrliches Feedback, solange es uns bestätigt. Wir wollen selbstständige Menschen, solange sie vorher fragen. Wir wollen junge Leute mit neuen Ideen, solange diese Ideen bereits erprobt sind. Wir wollen erfahrene Leute, solange sie nicht sagen: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Wir wollen Veränderung, aber bitte ohne Unruhe. Mut, aber ohne Risiko. Haltung, aber ohne Reibung.
Im Grunde suchen wir den gesellschaftlichen Idealbürger: unangepasst, aber pflegeleicht.
Und dann beschweren wir uns darüber, dass alle gleich geworden sind.
Vielleicht liegt darin schon der erste kleine Selbstbetrug. Wir wollen gar nicht unbedingt unbequeme Menschen. Wir wollen Menschen, die für andere unbequem sind.
Bei uns selbst bevorzugen wir Fingerspitzengefühl.
Ich kenne das ziemlich gut. Ich kann stundenlang erklären, warum eine notwendige Entscheidung eben nicht jedem gefallen kann. Warum Führung auch bedeutet, auszuhalten, dass jemand enttäuscht ist. Warum Veränderung zwangsläufig Widerstand erzeugt.
Alles völlig richtig.
Bis ich derjenige bin, der enttäuscht ist.
Dann hätte man das Ganze vielleicht doch etwas sensibler kommunizieren können.
Erstaunlich, wie schnell aus „klare Kante“ plötzlich „mangelnde Empathie“ wird, wenn man selbst auf der anderen Seite steht.
Vielleicht ist das überhaupt unsere größte Begabung: Wir verlangen von anderen genau jene Gelassenheit, die wir selbst gerade nicht brauchen.
Und plötzlich musste ich an einen dieser herrlich bösen Sätze denken: „Wenn ich dir jetzt recht gebe, haben wir uns beide geirrt.“
Ich liebe ihn.
Aber wahrscheinlich vor allem deshalb, weil ich ihn mir immer in der Rolle dessen vorstelle, der ihn sagt.
Nie in der Rolle dessen, zu dem er gesagt wird.
Das ist bei Weisheiten überhaupt ein interessantes Phänomen. Wir sammeln sie bevorzugt für andere. Man liest etwas über Narzissten und kennt sofort drei. Etwas über mangelnde Selbstreflexion – mindestens fünf. Einen Text über toxische Menschen – plötzlich hat man eine komplette Gästeliste.
Nur der eigene Name fehlt erstaunlich zuverlässig.
Ist dir eigentlich schon einmal aufgefallen, warum du der Einzige bist, der dem Dorfdeppen noch nie begegnet ist?
Ich finde diesen Satz inzwischen weniger lustig als am Anfang.
Und das ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen.
Denn vielleicht beginnt Selbstreflexion genau dort, wo eine Pointe plötzlich nicht mehr nur auf die anderen passt.
Das macht den Satz vom „Relevanz erzeugt Reibung“ deshalb nicht falsch. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass darin ziemlich viel Wahrheit steckt. Wer wirklich etwas bewegt, wird nicht immer Beifall bekommen. Wer entscheidet, enttäuscht zwangsläufig auch Erwartungen. Wer eine Haltung hat, kann nicht gleichzeitig jede andere Haltung einnehmen. Und wer ernsthaft versucht, Dinge zu verändern, wird irgendwann diesen wunderbaren Satz hören: „Das haben wir aber noch nie so gemacht.“
Dann weiß man zumindest, dass man irgendwo angekommen ist.
Nur ist Reibung eben kein Qualitätsmerkmal.
Auch ein platter Reifen erzeugt Reibung.
Das ist der Teil, den Motivationskarten gern weglassen.
Nicht jeder, der mich kritisiert, ist neidisch. Nicht jeder, der zweifelt, ist zu feige für meine Größe. Und nicht jeder Widerstand beweist, dass ich visionär unterwegs bin. Manchmal beweist er lediglich, dass andere Menschen ebenfalls ein Gehirn besitzen und es – ausgesprochen unpraktischerweise – benutzen.
Vielleicht haben sie sogar recht.
Ich weiß. Übertreiben muss man es mit der Selbstreflexion nun auch nicht.
Aber genau hier gefällt mir plötzlich das Wort „anstößig“.
Wir benutzen es fast nur negativ. Ein anstößiger Satz. Ein anstößiger Witz. Anstößiges Verhalten.
Dabei steckt darin etwas ziemlich Schönes: der Anstoß.
Etwas kommt in Bewegung.
Eine Diskussion. Eine Idee. Eine Entscheidung. Ein Zweifel. Vielleicht sogar eine festgefahrene Organisation.
Ohne Anstoß passiert beim Fußball gar nichts. Da stehen 22 Menschen herum und warten darauf, dass einer endlich den Ball bewegt. In manchen Gremien würde man dafür vermutlich zunächst eine Arbeitsgruppe bilden und beim nächsten Treffen über deren Zusammensetzung sprechen.
Irgendwann muss einer anfangen.
Und vielleicht brauchen wir genau deshalb Menschen, die anstößig sind. Nicht Menschen, die möglichst viele verletzen und das anschließend „Ehrlichkeit“ nennen. Nicht jene, die jede Rücksichtslosigkeit mit „So bin ich eben“ entschuldigen. Sondern Menschen, die bereit sind, etwas anzustoßen – auch auf die Gefahr hin, dass nicht jeder sofort begeistert klatscht.
Aber danach kommt der schwierigere Teil.
Hinsehen, was man eigentlich getroffen hat.
War es eine verkrustete Gewohnheit? Eine bequeme Ausrede? Eine notwendige Debatte?
Dann ruhig noch einmal.
Oder war es einfach ein Mensch?
Dann könnte „Entschuldigung“ gelegentlich die größere Haltung sein als „Damit musst du klarkommen“.
Und damit trifft mich mein eigener Lieblingssatz plötzlich ein bisschen anders.
„Ich mache das nicht, um Freunde zu finden.“
Vielleicht ist das manchmal wirklich mutig.
Vielleicht aber auch einfach eine ziemlich elegante Möglichkeit, sich vorsorglich gegen die Reaktion anderer zu immunisieren.
Wer keine Freunde finden will, kann schließlich auch nicht enttäuscht sein, wenn jemand einen nicht mag.
Sehr praktisch.
Fast so praktisch wie der Gedanke, jeder Kritiker sei insgeheim nur neidisch.
Vielleicht sind wir Menschen nämlich auf beiden Seiten derselben Falle unterwegs: Die einen brauchen Applaus, um sich sicher zu sein. Die anderen brauchen Widerstand, um sich bedeutend zu fühlen.
Beides macht abhängig.
Nur klingt eines davon rebellischer.
Ich werde den Satz trotzdem weiter sagen. Dafür passt er zu gut zu mir. Und vermutlich werde ich weiterhin Menschen auf die Füße treten. Dafür passen ihre Füße gelegentlich einfach zu ungünstig zu meinem Weg.
Aber vielleicht frage ich mich künftig öfter, warum ich gerade anecke.
Weil ich etwas anstoße?
Oder weil ich mir beweisen möchte, dass ich derjenige bin, der sich traut?
Das ist ein kleiner Unterschied.
Von außen sieht man ihn kaum.
Von innen müsste man ihn eigentlich bemerken.
Und wenn nicht?
Dann war die Weisheit vermutlich wieder einen Schritt voraus.
Ich bleibe dran.



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