Muss wird werden
- christophmatthes86
- 25. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Ich kam etwas später als sonst ins Büro. Eigentlich begann der Tag gut. Kein Stau, keine Hektik. Ein Kaffee in der Hand, die Tür aufgeschlossen und das Gefühl, heute einfach mal in Ruhe anzukommen.
Ich hatte die Jacke noch nicht einmal ausgezogen, da ging es los: „Du musst hier noch unterschreiben.“ „Du musst nachher noch bei der Kollegin vorbeischauen.“ „Den musst du unbedingt zurückrufen.“ „Und bis heute Nachmittag brauchen wir noch deine Rückmeldung.“
Keine fünf Minuten später war aus einem entspannten Morgen ein hektischer geworden. Nicht, weil plötzlich mehr Arbeit da gewesen wäre. Sondern weil sich ein einziges Wort überall dazwischengeschoben hatte:
Muss.
Der Arbeitstag verging. Auf dem Heimweg merkte ich, dass ich längst selbst genauso sprach.
Ich muss noch einkaufen.
Ich muss heute noch laufen.
Ich muss morgen wieder ins Büro.
Plötzlich bestand mein ganzes Leben aus Dingen, die ich musste.
An einer roten Ampel blieb ich stehen und fragte mich: Muss ich eigentlich wirklich noch laufen?
Nein.
Ich möchte laufen. Und morgen werde ich laufen.
Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Ich muss nicht einkaufen. Ich werde einkaufen, weil der Kühlschrank leer ist. Ich muss den Müll nicht rausbringen. Ich werde ihn rausbringen, weil ich weiß, was passiert, wenn ich es nicht tue. Ich muss morgen nicht ins Büro. Ich werde ins Büro fahren, weil dort meine Arbeit und die Kolleginnen und Kollegen auf mich wartet.
Die Aufgaben waren dieselben wie zehn Minuten zuvor. Geändert hatte sich nur ein einziges Wort. Und trotzdem fühlte sich plötzlich alles anders an, weil diese drei Wörter gar nicht dasselbe bedeuten.
„Ich muss“ klingt nach Druck. Als hätte jemand anderes über mein Leben entschieden.
„Ich will“ klingt nach einer Entscheidung. Nach einem eigenen Wunsch.
„Ich werde“ klingt erstaunlich ruhig. Es muss niemanden mehr überzeugen. Es diskutiert nicht. Es rechtfertigt sich nicht. Es beschreibt einfach den nächsten Schritt.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Sprache viel mehr ist als ein Werkzeug. Sie beschreibt nicht nur unsere Wirklichkeit. Sie prägt auch, wie wir sie erleben.
Mit jedem „Ich muss“ erzählen wir uns, dass andere über unser Leben bestimmen.
Mit jedem „Ich will“ holen wir diese Entscheidung zu uns zurück.
Mit jedem „Ich werde“ gehen wir los.
Natürlich verändert das nicht die Welt. Der Müll bringt sich trotzdem nicht selbst hinaus. Rechnungen bezahlen sich nicht von allein. Und auch morgen wird der Wecker wieder klingeln.
Aber vielleicht verändert sich etwas viel Wichtigeres.
Nicht die Aufgabe. Sondern der Mensch, der sie erledigt.
Seit diesem Morgen ertappe ich mich immer wieder bei einem Satz. Ich muss noch ...
Dann halte ich kurz inne.
Wirklich?
Und erstaunlich oft wird aus einem Müssen ein Wollen.
Und aus einem Wollen ein Werden.



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