Es ist, wie es ist.
- christophmatthes86
- 2. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Vor einigen Tagen saß ich mit ein paar Menschen zusammen. Irgendwann fiel dieser Satz. „Es ist, wie es ist.“
Kaum ausgesprochen, verdrehte jemand die Augen. „Diesen Satz kann ich überhaupt nicht leiden“, sagte er. „Das ist doch der Satz von Leuten, die aufgegeben haben.“
Ich musste schmunzeln. Nicht, weil ich ihm widersprechen wollte. Sondern weil ich früher genauso gedacht habe.
Lange Zeit war dieser Satz für mich ein Synonym für Resignation. Für Menschen, die sich mit ihrem Schicksal abfinden, statt etwas zu verändern. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der uns überall erzählt wird, dass alles möglich ist. Wenn wir nur genug an uns arbeiten. Das richtige Mindset. Die perfekte Morgenroutine. Ein paar Podcasts. Zwei Coachings. Drei Atemübungen und im Idealfall noch ein Eisbad vor Sonnenaufgang. Irgendwo dazwischen wartet angeblich das glückliche Leben.
Manchmal habe ich den Eindruck, wir führen keinen Kampf mehr gegen unsere Probleme, sondern gegen die Realität selbst. Wir möchten, dass Dinge nicht passiert sind, obwohl sie längst geschehen sind. Dass Menschen bleiben, obwohl sie gegangen sind. Dass Entscheidungen rückgängig werden, obwohl sie längst getroffen wurden. Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, innerlich mit dem Gestern zu diskutieren.
Ich kenne das.
Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich wochenlang überlegt habe, was ich hätte anders machen müssen. Gespräche, die ich im Kopf immer wieder geführt habe. Entscheidungen, die ich hundertmal neu getroffen habe. Situationen, in denen ich überzeugt war, dass alles anders gekommen wäre, wenn ich nur dieses eine Wort gesagt oder jenen einen Schritt gemacht hätte.
Vielleicht kennt jeder solche Gedanken. Dieses quälende „Was wäre gewesen, wenn …?“ Das Verrückte ist nur: Die Vergangenheit antwortet nie. Sie erklärt sich nicht. Sie entschuldigt sich nicht. Sie kommt nicht zurück. Sie ist.
Und irgendwann begriff ich, dass mein eigentlicher Schmerz oft gar nicht in dem lag, was passiert war. Sondern darin, dass ich mich weigerte, es als Wirklichkeit anzuerkennen. Ich kämpfte nicht gegen das Ereignis. Ich kämpfte gegen die Tatsache, dass es überhaupt geschehen war.
Diesen Kampf kann niemand gewinnen. Nicht, weil wir zu schwach wären. Sondern weil die Realität keinen Streit führt. Sie ist völlig unbeeindruckt von unseren Argumenten. Sie lässt sich weder überreden noch zurückspulen. Sie kennt keine Rabatte für Reue und keine Sonderregelungen für besonders gute Absichten.
Vielleicht bedeutet Akzeptanz deshalb etwas völlig anderes, als wir oft glauben. Akzeptanz heißt nicht, etwas gut zu finden. Sie heißt nicht, Schmerzen kleinzureden. Ungerechtigkeiten hinzunehmen oder auf Veränderungen zu verzichten.
Akzeptanz bedeutet lediglich, der Wahrheit nicht länger zu widersprechen.
Erst als ich das verstanden habe, bekam dieser Satz für mich eine völlig neue Bedeutung. „Es ist, wie es ist.“ Nicht als Kapitulation. Sondern als Ausgangspunkt.
Denn solange ich gegen gestern kämpfe, hat gestern Macht über mein Morgen. Solange ich meine Kraft darauf verwende, eine Vergangenheit verändern zu wollen, die sich nicht mehr verändern lässt, fehlt sie mir dort, wo sie tatsächlich etwas bewirken könnte: im Heute.
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit einem Plan. Nicht mit Motivation. Nicht einmal mit Hoffnung. Vielleicht beginnt sie mit Ehrlichkeit. Mit dem Mut, die Dinge anzusehen, wie sie sind. Ohne Ausreden. Ohne Wunschdenken. Ohne den verzweifelten Versuch, die Wirklichkeit an die eigenen Vorstellungen anzupassen. Denn erst wenn ich akzeptiere, wo ich stehe, kann ich entscheiden, wohin ich gehen will.
Einer der klügsten Sätze, die ich kenne, bringt genau das auf den Punkt:
Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Vielleicht ist genau diese Weisheit das Schwierigste überhaupt. Zu erkennen, wann Loslassen stärker ist als Festhalten. Wann Annehmen mutiger ist als Kämpfen. Und wann der Blick nach vorn mehr verändert als tausend Blicke zurück.
Seitdem höre ich den Satz „Es ist, wie es ist“ mit anderen Ohren. Er ist für mich kein Schlusspunkt mehr.
Er ist ein Doppelpunkt. Denn nachdem ich ausgesprochen habe, was ist, beginnt die einzige Frage, die wirklich zählt: Und was mache ich jetzt daraus?



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