Erla(u)ben
- christophmatthes86
- 17. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Ich bin über ein Wort gestolpert, das man heute kaum noch benutzt. Nicht in Meetings. Nicht auf Instagram. Nicht in Podcasts. Nicht einmal in den meisten Gesprächen.
Das Wort lautet: erlaben.
Jemand verwendete es ganz beiläufig. Fast so, als wäre es das Normalste der Welt. Und plötzlich blieb ich daran hängen. Wahrscheinlich, weil es alt klingt. Vermutlich, weil es aus einer Zeit stammt, in der Worte noch nicht optimiert werden mussten. Eventuell aber auch, weil ich beim Nachdenken bemerkte, wie sehr uns genau dieses Wort heute fehlt.
Wir sprechen ständig über Selbstfürsorge, mentale Gesundheit, Resilienz, Work-Life-Balance und Achtsamkeit. Aber wann hat uns zuletzt jemand gefragt: Woran erlabst du dich eigentlich?
Nicht: Wovon lebst du? Nicht: Was arbeitest du? Nicht: Was steht auf deiner To-do-Liste? Sondern: Was nährt deine Seele?
Früher wusste man ziemlich genau, was es bedeutet, sich zu erlaben. Der Wanderer an der Quelle. Der Erschöpfte im Schatten. Der Durstige am Brunnen. Erlaben war kein Luxus. Erlaben war notwendig. Und gilt praktisch heute noch immer. Nur haben sich unsere Quellen verändert.
Manche Menschen erlaben sich an Musik. Andere an einem Buch, einem Sonnenaufgang oder einem Spaziergang. Manche an einem Gespräch, das länger nachhallt als geplant. Andere an einem Blick, einer Umarmung oder einem Satz, der genau im richtigen Moment kommt.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass viele Menschen heute nicht nur unter Zeitmangel leiden. Wir leiden oft unter einem Mangel an Quellen. Wir verbringen Stunden damit, beschäftigt zu sein. Aber wie viel Zeit verbringen wir mit Dingen, die uns tatsächlich nähren?
Das ist nicht dasselbe.
Man kann einen Kalender bis zum Rand füllen und trotzdem innerlich hungrig bleiben. Man kann Ziele erreichen, Aufgaben abhaken, Erfolge sammeln und sich am Ende des Tages dennoch leer fühlen. Vermutlich deshalb, weil Leistung Energie verbraucht. Erlaben hingegen schenkt Energie.
Und manchmal geschieht das auf eine Weise, die sich weder messen noch erklären lässt. Ein Mensch. Ein Gedanke. Ein Lied. Ein Ort. Etwas, das uns daran erinnert, dass wir mehr sind als die Summe unserer Aufgaben.
Während ich über dieses alte Wort nachdachte, fiel mir auf, wie nah es an einem anderen Wort liegt. Wenn nur ein einziger Selbstlaut dazukommt: ein kleines u. Und plötzlich wirkt es fast, als läge genau darin der entscheidende Unterschied. Denn erlaben geschieht selten einfach so. Oft braucht es dieses kleine ‚u‘. Nicht als Buchstabe, sondern als Erlaubnis. Als dieses „you“. Dieses Du. Jemanden, der sagt: Du darfst. Du musst nicht erst alles fertig haben. Du musst nicht erst funktionieren. Du musst nicht erst beweisen, dass du dir Ruhe verdient hast.
Ich befürchte genau das ist unser Problem. Wir wissen oft ziemlich genau, was uns nähren würde. Wir wissen, wo unsere Quellen sind. Wir kennen den Spaziergang, das Gespräch, die Musik, den freien Nachmittag, den Kaffee in der Sonne. Aber wir erlauben es uns nicht. Uns fehlt nicht die Quelle. Uns fehlt die Erlaubnis, daraus zu trinken.
Denn erstaunlich oft wissen wir sehr genau, was uns guttun würde. Wir tun es nur nicht. Wir verschieben den Spaziergang. Das Gespräch. Den freien (Nachmit)tag. Das Buch. Die Musik. Die Pause. Den Kaffee in der Sonne. Nicht weil wir nicht könnten, sondern weil wir glauben, vorher noch alles andere erledigen zu müssen.
Genau hier liegt die größte Ironie unserer Zeit. Wir suchen ständig nach Möglichkeiten, Kraft zu tanken, erlauben sie uns aber nicht. Wir warten darauf, dass der Kalender leer wird, die Aufgaben weniger werden und irgendwann der richtige Zeitpunkt kommt. Und merken nicht, dass genau dieser Zeitpunkt meistens nie erscheint.
Vermutlich müssen wir uns das Erlaben wieder erlauben. Nicht erst, wenn alles geschafft ist. Sondern gerade dann, wenn noch nicht alles geschafft ist.
Denn möglicherweise sind wir gar nicht deshalb so erschöpft, weil wir zu wenig Zeit haben. Vielleicht sind wir erschöpft, weil wir vergessen haben, uns zu erla(u)ben.
Und viel-leicht beginnt genau dort ein leichteres Leben. Nicht dort, wo weniger Lasten sind, sondern dort, wo wieder Quellen entstehen.
Dort, wo wir uns das Erlaben wieder erlauben.



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