Das letzte Mal
- christophmatthes86
- 20. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Juli
Ich stand im Flur und beobachtete etwas völlig Alltägliches. Ein Kind wollte getragen werden. Nicht, weil es nicht laufen konnte. Nicht, weil es müde war. Einfach nur so. Weil Arme manchmal schöner sind als Beine. Weil die Welt von dort oben ein kleines bisschen sicherer aussieht.
Während ich es hochhob, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der mich seitdem nicht mehr loslässt.
Irgendwann wird es das letzte Mal sein.
Das letzte Mal, dass ein Kind die Arme ausstreckt und selbstverständlich davon ausgeht, dass man es trägt. Das letzte Mal, dass nachts jemand ins Schlafzimmer geschlichen kommt, weil ein Gewitter lauter ist als der eigene Mut. Das letzte Mal, dass kleine Füße morgens zwischen zwei Erwachsenen landen und erklären, dass das eigene Bett heute leider unbewohnbar geworden ist.
Das Verrückte daran ist nicht, dass diese Momente enden.
Das Verrückte ist, dass niemand es merkt.
Es gibt keinen Abschied. Keine Ansage. Kein Schild mit der Aufschrift: „Achtung, dies geschieht gerade zum letzten Mal.“
Das Leben funktioniert anders.
Es verabschiedet sich leise.
Irgendwann fragst du nicht mehr nach einer Gutenachtgeschichte. Irgendwann nimmst du dein Kind das letzte Mal auf den Arm. Irgendwann hältst du zum letzten Mal eine kleine Hand fest, die ohne deine Hilfe noch nicht über die Straße gehen möchte.
Und weil gestern genauso war wie vorgestern und vorgestern genauso wie die Wochen davor, gehen wir davon aus, dass morgen wieder genauso wird.
Bis wir Jahre später ein Foto anschauen und plötzlich merken, dass dieses Morgen nie gekommen ist.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Täuschungen des Lebens. Wir glauben immer, die besonderen Momente würden sich besonders anfühlen. Wir denken, die wichtigen Erinnerungen müssten irgendwie glänzen, damit wir sie erkennen.
Dabei sehen sie oft erstaunlich gewöhnlich aus.
Ein gemeinsames Frühstück. Eine Autofahrt. Eine Umarmung an der Haustür. Ein Abend auf dem Sofa. Ein Anruf, den man fast nicht angenommen hätte. Ein Kind, das getragen werden möchte, obwohl es längst laufen kann.
Erst später erkennen wir, dass genau diese Augenblicke die großen Momente waren.
Vielleicht gilt das nicht nur für Kinder. Vielleicht gilt es für Eltern, Freunde, Großeltern, Beziehungen und Menschen überhaupt. Denn irgendwann haben wir unsere Eltern das letzte Mal gefragt, ob sie uns irgendwo hinfahren können. Irgendwann haben wir das letzte Mal auf ihrem Schoß gesessen. Irgendwann haben wir das letzte Mal gemeinsam Weihnachten gefeiert, ohne zu wissen, dass es das letzte gemeinsame Weihnachten sein würde. Und genau deshalb lohnt es sich vielleicht, manche Dinge nicht als selbstverständlich zu behandeln.
Nicht jede schlaflose Nacht mit Kindern ist romantisch. Nicht jedes „Papa, kannst du mal?“ kommt im richtigen Moment. Nicht jede Unterbrechung passt in den Terminplan. Aber vielleicht werden genau diese Dinge eines Tages fehlen.
Vielleicht würden wir später alles dafür geben, noch einmal über Spielzeug im Flur zu stolpern. Noch einmal eine Gutenachtgeschichte vorlesen zu müssen. Noch einmal diese Stimme zu hören, die aus dem Kinderzimmer ruft: „Kannst du noch kurz bei mir bleiben?“
Das Leben kündigt seine letzten Male nicht an. Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn wir sagen: „Nicht jetzt.“ Denn irgendwann war es das letzte Mal. Und meistens erkennt man diesen Moment erst im Rückspiegel.



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