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Besitz der Wahrheit

  • christophmatthes86
  • 15. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

„Was ist die Wahrheit? Wo ist die Wahrheit?“, fragte Hape Kerkeling kürzlich in einer Fernsehsendung. Ein Satz, der zwischen all den politischen Schlagzeilen fast unterging. Vielleicht, weil viele die Antwort längst zu kennen glauben.


Wir leben in einer Zeit, in der kaum noch jemand nach Wahrheit sucht. Wir suchen nach Bestätigung. Wir lesen keine Artikel mehr, um etwas zu lernen. Wir lesen sie, um uns aufzuregen oder zustimmend zu nicken. Wir klicken nicht auf den Link, der unsere Meinung infrage stellt. Wir suchen den, der sie bestätigt. Und wenn wir ihn gefunden haben, teilen wir ihn mit dem triumphierenden Satz: „Siehst du! Ich hab's doch gesagt.“


Es geht schon lange nicht mehr darum, Recht zu haben. Es geht darum, Recht zu behalten. Wir werfen anderen Gehirnwäsche vor, während wir selbst den Schleudergang Algorithmus gewählt haben. Der Unterschied ist nur, dass unsere Waschmaschine zufällig unsere Lieblingsfarbe hat. Wir nennen es Rückgrat. Manchmal ist es nur die Unfähigkeit, einen Schritt zurückzugehen.


Wir halten uns für Freidenker, obwohl wir oft nur den Menschen folgen, die genauso denken wie wir. Quellen prüfen wir längst nicht mehr. Wir prüfen nur noch, ob sie unserer Meinung zustimmen.


Früher hatte jedes Dorf seinen Stammtisch. Heute trägt jeder seinen eigenen in der Hosentasche. Und das Erschreckende daran ist: Jeder hält sich für den Vernünftigen. Die anderen sind manipuliert. Die anderen leben in ihrer Blase. Die anderen konsumieren die falschen Medien. Die anderen glauben den falschen Experten. Nur wir selbst natürlich nicht. Dabei sieht eine Blase von innen immer wie die ganze Welt aus.


Vielleicht besteht die größte Gefahr unserer Zeit deshalb gar nicht darin, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Demokratie lebt davon. Gefährlich wird es erst, wenn aus einer Meinung ein Besitzanspruch wird. Wenn aus „Ich glaube“ ein „Ich weiß“ wird. Wenn aus Zweifel Schwäche wird. Wenn das Eingeständnis eines Irrtums als Niederlage gilt.


Vor wenigen Jahren war Bildung die Fähigkeit, dazuzulernen. Heute reicht oft ein Screenshot, um sich für allwissend zu halten. Es gab Zeiten, in denen änderten kluge Menschen ihre Meinung, wenn sich die Fakten änderten. Heute werden Fakten so lange alternativiert, bis sie endlich zur eigenen Meinung passen und wir verwechseln dabei Meinungsfreiheit mit Meinungsunfehlbarkeit. Wir verlangen Offenheit von anderen – und nennen jeden engstirnig, der nicht unserer Meinung ist.


Wir diskutieren nicht mehr, um zu verstehen. Wir diskutieren, um zu gewinnen. Wir hören nicht mehr zu. Wir warten darauf, dass der andere endlich Luft holt, damit wir unseren vorbereiteten Monolog loswerden.


Vielleicht scheitert unsere Gesellschaft deshalb gar nicht daran, dass zu viele Menschen lügen. Vielleicht scheitert sie daran, dass immer mehr Menschen überzeugt sind, selbst nicht mehr irren zu können. Denn genau in dem Moment, in dem ein Mensch glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, hört er auf, nach ihr zu suchen.


Und vielleicht ist das der unangenehmste Gedanke dieses Textes: Wenn Sie ihn bis hierhin gelesen haben und die ganze Zeit niemanden vor Augen hatten, auf den das alles zutrifft ...

... dann war dieser Text vielleicht gar nicht für die anderen geschrieben. Denn Wahrheit erkennt man selten daran, dass sie uns bestätigt – sondern daran, dass sie oftmals wehtut.

 
 
 

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