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Allein

  • christophmatthes86
  • 16. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen saß ich an der Vorbereitung eines wichtigen Gesprächs. Ich hatte Argumente gesammelt, mögliche Einwände durchgespielt und Antworten formuliert. Je länger ich nachdachte, desto mehr wollte ich auf jede Frage vorbereitet sein. Irgendwann merkte ich, dass ich längst nicht mehr über das Gespräch nachdachte. Ich dachte darüber nach, wie ich bloß nicht unsicher wirken könnte.


Da kam mir ein Gedanke, der mich selbst überrascht hat. Warum mache ich das eigentlich allein? Nicht, weil niemand da wäre. Im Gegenteil. Ich kenne Menschen, die andere Erfahrungen haben als ich, die andere Blickwinkel einbringen würden und wahrscheinlich genau die Fragen stellen könnten, auf die ich selbst nie gekommen wäre.


Warum also sitze ich trotzdem allein vor einem leeren Blatt und versuche, die perfekte Lösung zu finden? Weil ich dachte, genau das wäre meine Aufgabe. Und vielleicht liegt genau dort unser größter Denkfehler.


Wir glauben, Verantwortung bedeute, zuerst allein nachdenken zu müssen.

Als Eltern.

Als Trainer.

Als Vereinsvorstand.

Als Teamleiter.

Als Amtsleiter.

Als Geschäftsführer.

Als Partner.

Als Mensch.


Fast alle von uns haben irgendwann gelernt: Wer Verantwortung trägt, muss Antworten haben.


Also grübeln wir. Wir feilen an Konzepten. Wir spielen Gespräche hundertmal im Kopf durch. Wir versuchen, jede Eventualität vorherzusehen. Und erst wenn wir glauben, eine gute Lösung gefunden zu haben, holen wir andere dazu.


Doch wenn wir ehrlich sind, holen wir sie dann oft gar nicht mehr dazu, um ihre Meinung zu hören. Wir holen sie dazu, damit sie unsere bestätigen. Wir nennen das Vorbereitung. Vielleicht ist es in Wahrheit Kontrolle. Denn einen unfertigen Gedanken zu zeigen, kostet Mut. Er könnte kritisiert werden. Er könnte scheitern. Jemand könnte eine bessere Idee haben. Und genau davor schützt uns das Alleinsein. Zumindest glauben wir das.


Dabei passiert etwas Merkwürdiges. Je länger wir allein über ein Problem nachdenken, desto verliebter werden wir in unsere eigene Lösung. Nicht unbedingt, weil sie die beste ist. Sondern weil sie unsere ist.


Ab diesem Moment hören wir andere zwar noch an. Aber wir hören ihnen nicht mehr wirklich zu. Wir suchen keine neuen Gedanken mehr. Wir suchen Zustimmung.


Vielleicht scheitern deshalb so viele Entscheidungen nicht daran, dass zu wenig Wissen vorhanden wäre. Vielleicht scheitern sie daran, dass Wissen viel zu spät zusammenkommt.


Denn die besten Ideen entstehen selten im Kopf eines Einzelnen. Sie entstehen dort, wo unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen. Wo jemand einen blinden Fleck entdeckt, den der andere selbst nicht sehen konnte. Wo Widerspruch nicht als Angriff verstanden wird, sondern als Einladung, weiterzudenken.


Vielleicht besteht Stärke deshalb gar nicht darin, allein die beste Antwort zu finden. Vielleicht besteht Stärke darin, andere früh genug einzuladen, gemeinsam die bessere zu suchen. Und vielleicht ist genau das die unangenehmste Erkenntnis dieses Textes.


Die meisten von uns glauben, sie würden andere viel zu wenig einbeziehen.

In Wahrheit beziehen wir sie oft erst dann ein, wenn wir innerlich längst entschieden haben.

 
 
 

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