Abblendlicht
- christophmatthes86
- 1. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Vor ein paar Tagen war ich auf einem Klassentreffen. Schon verrückt, was Zeit mit Menschen macht. Sie macht uns älter. Falten kommen dazu, Haare verschwinden. Aber manche Rollen bleiben erstaunlich hartnäckig. Der Klassenclown macht immer noch die meisten Witze. Der Sportler erzählt noch immer von seinem wichtigsten Tor. Einer versucht unauffällig zu erwähnen, dass er inzwischen Abteilungsleiter ist, obwohl das Gespräch eigentlich gerade beim Nachtisch war. Und ich? Ich ertappte mich dabei, wie ich überlegte, wie ich bloß erzählen soll, was ich heute eigentlich mache, ohne dabei komisch zu wirken.
Eigentlich absurd. Mit sechzehn wollten wir alle irgendetwas Besonderes werden. Feuerwehrmann. Tierärztin. Rockstar. Pilot. Niemand sagte damals: „Ich hoffe, ich falle später möglichst wenig auf.“ Heute scheint genau das das Ziel zu sein.
Irgendwann landete das Gespräch natürlich bei der Frage, die auf keinem Klassentreffen fehlt: „Und? Was machst du heute?“ Ich erzählte von meinem Beruf. Dass ich schreibe. Reden, Texte, inzwischen auch ein Buch. Dass ich Vorträge halte und Menschen manchmal sogar Geld dafür bezahlen, mir eine Stunde zuzuhören. Allein dieser Gedanke kommt mir bis heute manchmal merkwürdig vor. Da sitzt man als Kind im Deutschunterricht und hofft, bloß nicht vor der Klasse etwas vorlesen zu müssen. Und Jahre später macht man genau das freiwillig.
Ein ehemaliger Mitschüler grinste. „Na, Herr Bestsellerautor.“ Der Tisch lachte. Ich auch. Was hätte ich auch sonst machen sollen?
Auf der Rückfahrt fiel mir auf, dass ich den Satz ständig im Kopf hatte. Nicht, weil er besonders gemein gewesen wäre. Eher das Gegenteil. Es war einer dieser Sätze, die irgendwo zwischen Witz und Wahrheit hängen bleiben. Ich fragte mich, warum wir eigentlich so geworden sind. Warum reagieren wir auf Träume oft mit Ironie, auf Begeisterung mit einem lockeren Spruch und auf Erfolg fast schon reflexartig mit einem kleinen Seitenhieb? Komischerweise machen wir das bei Stress genau andersherum. Wenn jemand erzählt, dass er seit Wochen kaum schläft, applaudiert innerlich jeder. Wenn jemand erzählt, dass er gerade den Traum seines Lebens verwirklicht, wird es plötzlich verdächtig. Vielleicht, weil Leiden verbindet und Leuchten verunsichert.
Während ich darüber nachdachte, fiel mir etwas auf, das ich früher schon oft gehört hatte. Erfolg scheint immer dieselben drei Phasen zu kennen. Zuerst wirst du belächelt. „Das wird sowieso nichts.“ Dann wirst du bekämpft. Nicht mit Fackeln und Mistgabeln – das wäre wenigstens ehrlich –, sondern mit kleinen Bemerkungen, hochgezogenen Augenbrauen und diesem Tonfall, der klingt wie ein Scherz, aber keiner ist. Und wenn es irgendwann doch klappt, fragen dieselben Menschen, wie du das gemacht hast. Lange hielt ich das für Neid.
Bis etwas passierte.

Als ich gerade einsteigen wollte, klopfte jemand an meine Autoscheibe. Es war derselbe Mitschüler. „Du“, sagte er, diesmal deutlich leiser als am Tisch, „das mit dem Buch ... zieh das durch.“ Ich bedankte mich. Er schaute kurz auf den Boden, lächelte und sagte: „Ich wollte früher übrigens auch mal eins schreiben.“
Mehr nicht.
Er stieg in sein Auto, startete den Motor und fuhr davon. Ich blieb noch einen Moment stehen. Plötzlich ergab dieser Abend einen ganz anderen Sinn. Vielleicht war sein Spruch gar nicht gegen mich gerichtet. Vielleicht richtete er sich gegen den Sechzehnjährigen in ihm, der irgendwann beschlossen hatte, seinen Traum gegen Vernunft einzutauschen.
Seitdem denke ich bei solchen Bemerkungen anders. Nicht jede Spitze kommt aus Missgunst. Manche kommen aus Sehnsucht. Aus einem Leben, das anders geworden ist, als man es sich einmal vorgestellt hat. Vielleicht blendet dein Leuchten die Menschen gar nicht. Vielleicht erinnert es sie einfach daran, dass auch sie einmal geleuchtet haben.
Und genau deshalb wäre es schade, wenn du dein Licht kleiner machst. Nicht jeder, der die Augen zusammenkneift, möchte, dass es dunkel wird. Manche haben einfach vergessen, wo ihr eigener Lichtschalter ist.
Vielleicht stimmt der alte Spruch also doch. Lass dir dein Leuchten nicht nehmen, nur weil es andere blendet. Vielleicht blendet es sie gar nicht. Vielleicht erinnert es sie nur daran, dass sie selbst einmal geleuchtet haben.



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