Wir.
- christophmatthes86
- 17. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Es passiert nicht oft, dass ich nach einer Talkshow den Fernseher ausschalte und nicht mehr über die Gäste nachdenke, sondern über mich selbst. Vor ein paar Tagen ist genau das passiert. Bei Markus Lanz saß Luca Piwodda. Ein junger Bürgermeister aus Garz. Keine großen Parolen. Keine lauten Schlagzeilen. Stattdessen sagte er einen Satz, der mich seitdem nicht mehr loslässt – sinngemäß: „Lasst die Parteipolitik vor dem Rathaus. Drinnen zählt die beste Idee.“
Ich musste den Satz zweimal hören. Nicht, weil ich plötzlich seine politischen Ansichten teilen würde. Und auch nicht, weil ich jede seiner Aussagen unterschreiben würde. Sondern weil ich mich gefragt habe, warum dieser Gedanke heute beinahe revolutionär klingt. Eigentlich müsste er selbstverständlich sein.

Wenn irgendwo ein Kindergarten gebaut werden soll, interessiert das Fundament schließlich auch nicht, welche Partei den Bauantrag eingebracht hat. Eine kaputte Straße fragt nicht nach dem Parteibuch des Bauleiters. Und ein brennendes Haus löscht sich nicht schneller, weil sich die Feuerwehr vorher auf eine Ideologie geeinigt hat. Trotzdem scheinen wir genau das immer häufiger zu erwarten.
Nicht nur in der Politik. Überall.
Wir diskutieren oft nicht mehr darüber, welche Lösung die beste ist. Wir diskutieren darüber, wem der Erfolg gehören darf. Eine gute Idee verliert plötzlich an Wert, wenn sie vom politischen Gegner kommt. Ein schlechter Vorschlag wird verteidigt, weil er aus den eigenen Reihen stammt. Und genau an dieser Stelle musste ich mir eine unbequeme Frage stellen: Wie oft wünsche ich mir eigentlich wirklich die beste Lösung? Und wie oft wünsche ich mir einfach nur, dass meine Lösung gewinnt?
Vielleicht beginnt genau dort der Unterschied zwischen Pragmatismus und Ideologie.
Ideologie fragt: Wer hat recht?
Pragmatismus fragt: Was funktioniert?
Das klingt erschreckend unspektakulär. Vielleicht gerade deshalb ist es so kraftvoll.
Luca Piwodda erzählte bei Lanz nicht davon, wie er politische Gegner besiegt hat. Er erzählte davon, wie er Menschen mit völlig unterschiedlichen Überzeugungen an einen Tisch gebracht hat. Nicht indem sie plötzlich dieselbe Meinung hatten. Sondern indem sie sich auf dieselbe Aufgabe konzentriert haben: Was bringt unsere Stadt voran?
Dieser Gedanke hat Sprengkraft. Denn wenn plötzlich nicht mehr die Partei im Mittelpunkt steht, sondern die Aufgabe, verändert sich alles. Dann darf eine gute Idee von jedem kommen. Dann muss eine schlechte Idee auch in den eigenen Reihen kritisiert werden. Dann wird Zusammenarbeit nicht zur Schwäche, sondern zur eigentlichen Stärke.
Vielleicht ist genau das der Denkfehler unserer Zeit. Wir reden ständig über Mehrheiten. Dabei bräuchten wir manchmal einfach mehr Lösungen. Wir diskutieren darüber, wer gewonnen hat. Dabei müsste uns viel mehr interessieren, ob überhaupt jemand etwas verbessert hat.
Vielleicht sollten wir Politiker nicht danach beurteilen, wie schlagfertig sie in Talkshows auftreten. Nicht danach, wie viele Schuldige sie finden. Nicht danach, wie oft sie den politischen Gegner bloßstellen. Sondern nach einer viel banaleren Frage: Ist das Leben der Menschen dadurch besser geworden?
Und bevor wir diese Frage jetzt ausschließlich nach Berlin, Erfurt oder in irgendein Rathaus schicken, lohnt sich vielleicht ein Blick in den eigenen Alltag.
Denn Hand aufs Herz: Wie oft lehnen wir im Beruf eine Idee ab, weil sie vom „Falschen" kommt? Wie oft hören wir im Verein gar nicht mehr richtig zu, sobald wir wissen, wer spricht? Wie oft verteidigen wir zu Hause unsere Meinung, obwohl wir längst merken, dass die andere Lösung eigentlich die bessere wäre?
Vielleicht spielen wir alle viel öfter Politik, als uns lieb ist.
Nicht Parteipolitik.
Ego-Politik.
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, einen Gedanken aus diesem Lanz-Gespräch mitzunehmen.
Nicht in den Bundestag.
Sondern in den Besprechungsraum.
An den Küchentisch.
In den Vereinsvorstand.
Und in den Spiegel.
Denn am Ende macht keine Partei eine Gemeinde groß. Keine Ideologie führt ein Unternehmen. Keine Fraktion rettet eine Familie. Das schaffen nur Menschen, die irgendwann aufhören zu fragen: „Wer hatte die Idee?“ Und anfangen zu fragen: „Wo bringt sie uns hin?“
Vielleicht beginnt Veränderung nicht in Berlin. Sondern bei uns.



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