top of page

Zwischen égalité, Egallität und Elite

  • christophmatthes86
  • 28. Nov. 2024
  • 2 Min. Lesezeit

Die bürgerliche Gesellschaft entschied sich zu Zeiten der Reformation und Revolution für „égalité“. Sozialer Aufstieg, der zuvor undenkbar war, wurde möglich. Doch in einer Gesellschaft, in der theoretisch jeder aufsteigen kann, erreichen es nur wenige. Volker Pispers sagte: „In einer kapitalistischen Gesellschaft kann jeder reich werden, aber nicht alle.“


Im Vergleich zu vor 200 Jahren geht es uns heute besser. Doch mit dem gestiegenen Wohlstand sind auch die Erwartungen gewachsen. Wilhelm Busch meinte treffend: „Ein Wunsch, wenn er erfüllt, bekommt augenblicklich junge.“ Noch nie hatten so viele Menschen so große Hoffnungen für ihr Leben. Doch diese Erwartungen bringen auch Enttäuschungen mit sich – es ist schlicht unmöglich, dass alle ihre Ziele erreichen. Diese „Hoffnungsgesellschaft“ hat eine Kehrseite: Wer viel hofft, riskiert auch, tief zu fallen.


Gleichzeitig wollen wir uns immer über andere erheben. Das zeigt sich besonders im Bildungsbereich: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf teure Schulen und Universitäten, während andere zurückbleiben. Diese Ungleichheit formt eine „Föderalschicht“. Schon früh wird klar, welche Erwartungen erfüllbar sind und welche nicht. Das führt zu Frust und Unzufriedenheit, denn aus der Realität, die viele als „Ungleichheit“ erleben, entspringt die Scham.


Diese Scham wird politisch genutzt: „Schäm dich!“ oder „Wie kannst du es wagen?“ Diese Vorwürfe verwandeln sich in Stolz: „Jetzt erst recht!“ oder „Ich lass mir nichts sagen!“ Diese Mischung aus Zorn, Scham und unerfüllten Erwartungen erklärt den gesellschaftlichen Unmut. Zorn und Stolz finden sich eher rechts, Scham eher links – und der Neid? Der ist überall.


In einer Gesellschaft, in der theoretisch jeder aufsteigen kann, ist es schwer zu akzeptieren, wenn andere mehr erreichen. Der Neid ist tief verankert, und es geht nicht nur um Jobs und Autos, sondern auch um Fördermittel und Unterstützung, die andere Gruppen bekommen. Zorn und Beschämung sind die Kehrseiten der Enttäuschungen – und der Neid verbindet sie.


Es wird Zeit, sich bewusst zu machen: Nicht jeder kann alles erreichen. Manchmal hilft es, das zu schätzen, was man hat. Hoffnungen und Erwartungen sind das Opium unserer Gesellschaft; Enttäuschung und Zorn sind der Kater, der uns meinen lässt, dass es besoffen besser war. Dieser Rausch verschiebt nur den Blickwinkel – die Realität bleibt dieselbe. Ein verschwommener Blick lässt uns glauben, dass die Dinge anders waren, als sie wirklich sind. Doch wenn wir den klaren Kopf bewahren, erkennen wir: Es kommt darauf an, wie wir die Situation betrachten und was wir daraus machen.


„Genügsamkeit ist ein großes Gut.“ Wenn wir 200 Jahre zurückschauen oder aus anderen Teilen der Welt auf Deutschland blicken, sehen wir, wie gut es uns heute geht. Warum kommen so viele Menschen zu uns? Weil wir Privilegien genießen, die viele nicht haben. Wir streben nach Gleichheit, aber sind „égalitérer“ als andere. Vielleicht sollten wir den Blickwinkel ändern und das schätzen, was wir haben.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Bestenfalls

Der rote Faden wird überschätzt. Wirklich. Er ist etwas für Präsentationen, Beziehungsratgeber und Menschen, die glauben, das Leben müsse sich bitte vorher anmelden. Dabei ist das Leben eher so: Es kl

 
 
 
Wunderpunkt

Es gibt diesen Moment, da reicht ein Satz. Oder ein Blick. Oder jemand sagt etwas völlig Harmloses – und zack, innerlich Vollbremsung. „Bitte nicht da.“ Helm auf, Bauch rein, Ironie raus. Man kennt da

 
 
 
Standard. Nicht Drama.

Meine Grenze ist kein Drama. Sie kommt ohne Soundtrack, ohne Träne im Augenwinkel und ohne pädagogisches Begleitheft. Sie ist ein Standard. So wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Oder Schwerkraft. Ich e

 
 
 

Kommentare


bottom of page