Unterwegs vergeben
- christophmatthes86
- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Ein paar Tage später stehe ich wieder in Laufschuhen da.
Der erste Schritt ist immer derselbe: ein kleines Zögern. Als müsste der Körper kurz prüfen, ob das wirklich eine gute Idee ist.
Dann geht es los.
Erst langsam.
Der Atem sucht seinen Takt.
Die Gedanken laufen noch kreuz und quer, als hätten sie vergessen, dass auch sie irgendwann einen Rhythmus finden müssen.
Und irgendwo zwischen dem ersten Kilometer und dem Punkt, an dem der Körper merkt, dass er doch kann, taucht dieses Wort wieder auf: vergeben.
Ein seltsames Wort, wenn man darüber nachdenkt.
Man vergibt jemandem eine Schuld.
Man ist vergeben, weil das Herz schon jemand anderem gehört.
Man vergibt Aufträge, Aufgaben, Verantwortung.
Und manchmal stellt man fest: Die Mühe war vergeben.
Vier Richtungen. Ein Wort.
Und immer steckt darin ein Geben.
Vielleicht passt das deshalb so gut zum Laufen.
Denn wer läuft, gibt ständig etwas weiter.
Den Atem an den nächsten Schritt.
Die Anstrengung an den nächsten Kilometer.
Den Gedanken an den nächsten Hügel.
Und irgendwann merkt man: Die Zeit war nicht vergebens.
Im Gegenteil.
Man sortiert sich unterwegs.
Man vergibt sich selbst die kleinen und großen Schwächen.
Man vergibt anderen Gedanken, die man lange festgehalten hat.
Man lässt Dinge los, die im Stehen viel schwerer wirken.
Nicht dramatisch.
Nicht feierlich.
Einfach Schritt für Schritt.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Laufen zu etwas Größerem wird.
Nicht als Ausrede, nicht zu laufen.
Sondern als stille Erkenntnis, dass Zeit unterwegs selten verloren ist.
Sie arbeitet.
Und irgendwann merkt man, was dieses seltsame Ritual eigentlich ist: eine wundervolle Versöhnung aus Höhenmetern, freilaufen, Freiheit, genießen, kämpfen – und Tempo.
Man läuft bergauf und denkt: Warum tue ich mir das an? Man kommt oben an und denkt: Genau deshalb.
Und plötzlich empfindet man etwas sehr Einfaches und sehr Großes gleichzeitig: Freude darüber, wie weit ein Körper tragen kann.
Wie hoch.
Wie lange.
Und wie all diese Gedanken, Zweifel, Ideen, Hoffnungen in einem erstaunlich stabilen Rahmen wohnen.
In diesem seltsamen, wunderbaren Gehäuse aus Knochen, Muskeln, Atem und Puls.
Manchmal staunt man darüber, während die Schuhe über den Weg schlagen.
Was für ein Glück das eigentlich ist.
Was haben wir für ein großartiges Glück, unseren Körper herausfordern zu dürfen
und uns im Für-Andere-Schweren von allem Schweren erleichtern zu können?
Vielleicht ist Laufen deshalb mehr als Bewegung.
Es ist eine Art stille Liturgie.
Man gibt etwas ab.
Man bekommt etwas zurück.
Und irgendwo zwischen Schweiß, Schritt und Himmel merkt man: Vergeben heißt manchmal einfach, weiterzugehen – bis alles leichter wird.
Kommentare