top of page

Licht im Getriebe

  • christophmatthes86
  • vor 21 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Die meisten Menschen kennen ihre Trigger. Die wenigen kennen ihre Glimmer. Und noch weniger kennen ihre Flügel. Der Unterschied zwischen diesen dreien entscheidet manchmal darüber, ob ein Tag schwer wird – oder leicht.


Wir leben in einer Zeit, in der alles eilig ist. E-Mails eilig, Meinungen eilig, Antworten eilig. Selbst Erholung hat inzwischen einen Termin. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Stress unserer Tage: dass wir ständig versuchen, mit der Geschwindigkeit der Welt mitzuhalten. Dabei ist Geschwindigkeit selten heilig. Heilig ist höchstens das Gegenteil – die Heiligkeit, der Eiligkeit zu entfliehen.


Schon der Gedanke daran wirkt wie ein kleiner Widerspruch. Eilig entfliehen. Als könnte man schnell fliehen, um der Schnelligkeit zu entkommen. Ein schönes Paradox. Denn das Leben funktioniert oft genau so. Man spürt plötzlich: Hier stimmt etwas nicht mehr. Zu laut. Zu eng. Zu viel. Und dann macht man einen kleinen Schritt zurück. Nicht dramatisch. Eher so, als würde man kurz Luft holen oder Anlauf nehmen.


In solchen Momenten beginnt etwas zu arbeiten, das viele Menschen kaum bemerken. Ein inneres Uhrwerk. Jeder Mensch trägt so eines in sich – ein erstaunlich präzises System aus Erinnerungen, Erfahrungen und Erwartungen. Zahnräder aus alten Gesprächen, kleinen Verletzungen, gelungenen Momenten, Hoffnungen, die funktioniert haben, und Enttäuschungen, die sich eingeprägt haben.


Und dieses Uhrwerk hat eine besondere Eigenschaft: Es merkt sich alles. Vor allem die Stellen, an denen etwas geklemmt hat. Oder an denen vielleicht sogar ein Zahn aus dem Rad gebrochen ist. Dort entstehen keine Lücken – dort entstehen Trigger.


Ein falscher Ton, ein bestimmter Satz, ein Blick, der sich zu sehr nach früher anfühlt – und plötzlich ruckt das ganze System. Das Uhrwerk reagiert schneller als jeder gute Vorsatz. Nicht weil wir schwach wären, sondern weil etwas in uns gelernt hat, wachsam zu sein.


Wer einmal erlebt hat, dass ein Zahn im Rad oder sogar ein ganzes Zahnrad plötzlich fehlt, beginnt genauer hinzuhören, wenn irgendwo etwas knirscht.


Genau deshalb verwandeln sich funktionierende Systeme manchmal in Festungen. Nicht nur in Organisationen oder Teams, sondern auch in Menschen. Etwas läuft gut, vieles funktioniert, und irgendwann sagt jemand diesen berühmten Satz: „Never change a winning Team.“


Er klingt nach Erfahrung. Nach Stabilität. Nach kluger Lebensregel. In Wirklichkeit ist er manchmal einfach Angst im Trainingsanzug.


Denn hinter vielen stabilen Kohorten steckt nicht nur Erfolg, sondern auch Erinnerung. Erinnerung daran, wie es war, als plötzlich etwas fehlte. Wie es war, als jemand ging. Als etwas zerbrach. Als ein Zahnrad aus dem Uhrwerk fiel und alles kurz stehen blieb.


Aber manchmal passiert danach etwas Wunderbares. Die verbliebenen Zahnräder rücken zusammen. Sie greifen enger ineinander, drehen sich weiter, finden ein neues Gleichgewicht. So eng, dass man irgendwann denkt: Da passt nichts mehr dazwischen. Kein neues Zahnrad. Kein zusätzliches Teil. Das System läuft ja wieder. Und genau dort entsteht oft die nächste Festung.


Denn wer einmal erlebt hat, dass ein Zahn fehlt, baut unbewusst enger. Sicherer. Geschlossener. Doch vielleicht ist das gar nicht die einzige Möglichkeit. Vielleicht muss ein neues Zahnrad gar nicht dazwischen passen. Vielleicht passt es auch einfach mit dazu.


Nicht als Ersatz für das, was fehlt. Nicht, um die anderen zu treiben. Nicht, um sie zu bremsen. Sondern weil es im gleichen Tempo dreht. Weil es das bestehende System unterstützt, ohne sich aufzudrängen. Weil es mitschwingt, ohne zu drängen.


Vielleicht entstehen genau an dieser Stelle viele unserer Trigger. Nicht weil etwas im Moment wirklich gefährlich wäre, sondern weil das Uhrwerk in uns sich erinnert, wie es sich einmal angefühlt hat, verlassen zu werden.


Verlassen – ein Wort mit erstaunlicher Tiefe. Denn es bedeutet beides: jemanden zurücklassen und sich auf jemanden verlassen.


Doch genau dort, wo etwas knirscht, passiert noch etwas anderes. Wenn Zahnräder im Uhrwerk aufeinandertreffen, wenn Bewegung gegen Widerstand arbeitet, entstehen Funken. Ganz kleine, kurze Funken. Man bemerkt sie kaum. Aber sie sind da. Und genau diese Funken sind vielleicht das, was man auch Glimmer nennen kann.


Nicht die großen Wunder des Lebens. Keine dramatischen Wendungen. Sondern kleine Lichtpunkte im Alltag. Ein Satz, der wärmer klingt als erwartet. Ein Blick, der nichts fordert. Ein Moment, in dem niemand etwas beweisen muss.


Ein winziger Funke – und plötzlich merkt das Uhrwerk: Reibung bedeutet nicht nur Gefahr. Reibung bedeutet auch Energie.


Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst im Leben: nicht jeder inneren Alarmanlage sofort zu glauben. Nicht jede Erinnerung zur Wahrheit der Gegenwart zu erklären. Sondern gelegentlich die (Be-)Deutung zu verschieben.


Aus derselben Reibung kann deshalb ein Trigger werden – oder ein Glimmer.


Der Unterschied liegt selten im Ereignis selbst. Er liegt in der Be-Deutung.


Manchmal genügt ein einziger ruhiger Moment, um diese Be-Deutung leicht zu verschieben. Ein bisschen weniger Schwere. Ein bisschen mehr Luft. Und plötzlich beginnt das Uhrwerk nicht mehr nur zu knirschen, sondern zu leuchten.


Denn Funken haben eine besondere Eigenschaft: Sie entstehen durch Reibung – aber sie bringen Licht.


Vielleicht gilt das auch für Teams. Und für Beziehungen. Und für Kohorten. Ein lebendiges System weiß, dass Zahnräder sich manchmal berühren müssen. Dass Funken entstehen dürfen. Dass Reibung nicht nur das Risiko von Brüchen ist – sondern manchmal der Anfang von Licht.


Und vielleicht wächst genau aus diesem Licht etwas Drittes.


Flügel.


Nicht groß genug, um der Welt zu entfliehen. Aber groß genug, um für einen Moment über den eigenen Ernst hinwegzugleiten.


Vielleicht ist das die eigentliche Hoffnung im Alltag: dass das Leben uns nicht nur an unseren Wunden berührt, sondern auch an Stellen, an denen es trägt. Dass aus derselben Reibung, die uns triggern kann, auch Funken entstehen können, die uns leuchten lassen. Zumindest dann, wenn wir uns nicht brechen lassen.


Und dass ein gutes Uhrwerk nicht daran erkenntlich ist, dass niemals etwas knirscht. Sondern daran, dass selbst sein Getriebe manchmal Licht trägt.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Ultimativ gedacht

Neulich bekam ich eine Sprachnachricht, die – so denke und hoffe ich – eigentlich sehr nett gemeint war. Einer dieser Sätze, bei denen man sofort merkt: Da wollte jemand etwas besonders Schönes sagen.

 
 
 
Unterwegs vergeben

Ein paar Tage später stehe ich wieder in Laufschuhen da. Der erste Schritt ist immer derselbe: ein kleines Zögern. Als müsste der Körper kurz prüfen, ob das wirklich eine gute Idee ist. Dann geht es l

 
 
 
Verkehrt

Neulich stand ich an einer Ampel, die schon länger rot war, als die Situation es eigentlich hergab. Kein Auto weit und breit. Nur ein paar Menschen, die auf dieses kleine rote Männchen starrten, als h

 
 
 

Kommentare


bottom of page