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Zumutung

  • christophmatthes86
  • vor 3 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Manche Wörter kommen mit schlechtem Ruf zur Welt.

„Zumutung“ gehört definitiv dazu. Klingt nach Amtsstube, nach erhobenem Zeigefinger, nach Das ist jetzt halt so.


Dabei ist das Wort viel zu schade für diesen Tonfall.


Zu-muten.


Nicht: überfahren.

Nicht: brechen.

Sondern: Mut zutrauen.


Das ist erst einmal ein schöner Gedanke. Fast schon tröstlich.

So schön, dass man ihm misstrauen sollte.


Denn seien wir ehrlich: Die meisten Zumutungen fühlen sich nicht nach Wertschätzung an, sondern nach Überforderung. Nach Warum ich? Warum jetzt? Und warum bitte gleich so?


Das Leben hat ja eine merkwürdige Art, Vertrauen zu zeigen.

Es fragt nicht. Es kündigt nicht an. Es sagt nicht: Ich glaube an dich.

Es legt dir einfach etwas hin – und wartet ab.

Und man steht da. Mit klopfendem Herzen. Und weiß noch nicht, wie einem eigentlich zumute ist.


Und irgendwo zwischen Trotz und Gebet beginnt man zu ahnen: Vielleicht ist das keine Strafe. Vielleicht ist es dieser seltsame Moment, in dem einem gleichzeitig mulmig und mutig ist. Vielleicht ist das eine Zumutung im wörtlichen Sinn – ein Vorschuss an Mut, den man sich selbst nie gegeben hätte.


Religiös gesprochen – und das darf man ruhig einmal überspitzt sagen – hat Gott ein erstaunlich eigentümliches Menschenbild.

Er traut uns Dinge zu, für die wir uns nicht bewerben würden.

Er stellt uns auf Wege, die wir nicht ausgesucht hätten.

Und er mutet zu. Regelmäßig. Unverschämt. Mit bemerkenswert wenig Geländer.


Und jetzt kommt der Teil, den man gern vergisst: Zumuten heißt nicht, alles perfekt zu machen.


Man darf in der Zumutung auch übermütig sein.

Einen Schritt zu weit gehen.

Zwei Stufen auf einmal nehmen.

Und ja – manchmal rutscht man dabei aus.


Das Leben ist schließlich keine Rolltreppe, sondern eher eine alte Steintreppe mit unregelmäßigen Stufen. Und irgendwo liegt garantiert Laub, Eis oder Schnee.


Der entscheidende Punkt ist nicht, ob man fällt.

Sondern ob man den Mut fasst, bestenfalls wieder aufzustehen – und sich selbst zuzumuten, weiterzugehen.


Auch in der eigenen Zumutung dürfen Fehler passieren.

Falsche Worte. Schlechte Entscheidungen. Ungeschickte Abzweigungen.

Nicht alles, was man sich zutraut, geht sofort gut aus oder kommt bei jedem an.


Aber Mut bedeutet nicht, unfehlbar zu sein.

Mut bedeutet, nicht liegen zu bleiben, nur weil man gestolpert ist.


Vielleicht ist das der gnädigste Gedanke in all dem: Dass das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, größer ist als unsere Fehltritte.

Dass man nicht aus der Zumutung fällt, nur weil man kurz den Halt verliert.

Und dass selbst der Umweg manchmal noch Teil des Weges ist.


Im Nachhinein nennen wir das Wachstum.

Mittendrin nennen wir es Zumutung.

Und manchmal nennen wir es einfach einen verdammt schlechten Tag.


Doch Hoffnung beginnt oft genau dort, wo man sich denkt: Ich probiere es noch einmal.

Nicht weil man muss.

Sondern weil man sich selbst den Mut nicht entziehen will.


Vielleicht ist das der leise Kern des Glaubens: Dass man sich dem Leben weiterhin zumutet.

Trotz Bruchstellen. Trotz blauer Flecken. Trotz Zweifel.


Nicht alles, was mutet, ist angenehm.

Aber manches ist nötig.


Und vielleicht war es nie eine Zumutung.

Vielleicht war es Vertrauen mit Sturzgefahr – und der Mut, trotzdem weiterzugehen.


Man darf sich überschätzen.

Man darf unvorsichtig sein.

Man darf fallen.

Entscheidend ist nur, den Mut nicht zu verlieren, sich dem Leben weiter zuzumuten – im Vertrauen darauf, dass man getragen ist.


Zumutungen erkennt man oft daran, dass einem nicht wohl ist – aber etwas in einem trotzdem nickt.

 
 
 

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