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Wie viele Sinne hat der Wahn?

  • christophmatthes86
  • 2. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Man sagt, der Mensch habe fünf Sinne. In besseren Ratgebern sind es sechs, in schlechteren siebzehn. Der Wahn hingegen hält sich nicht an solche Vorgaben. Er ist kein Organ, er ist ein Lebensgefühl. Er sammelt Eindrücke wie andere Pfandflaschen und behauptet anschließend, daraus ein System gebaut zu haben.


Der Wahn hört Dinge, die nie gesagt wurden, aber gemeint gewesen sein könnten. Er ist der einzige, der den Unterton im Schweigen erkennt und sich dabei sicher ist, dass genau dieser Unterton der entscheidende war. Er sieht Muster, wo andere schlicht Unordnung sehen, und fühlt sich dabei nicht kreativ, sondern bestätigt. Zufälle mag er nicht. Zufälle sind ihm zu gottlos. Alles muss Bedeutung haben, alles muss irgendwohin führen, idealerweise direkt zu ihm.


Der Wahn riecht Gefahr, noch bevor sie beschlossen hat, aufzutauchen. Er schmeckt alte Sätze nach, bis sie schal werden, und tastet immer wieder dieselbe wunde Stelle ab – nicht, um sie zu heilen, sondern um sicherzugehen, dass sie noch reagiert. Der Wahn ist kein Sadist. Er ist nur gründlich.


Und dann hat der Wahn noch einen zusätzlichen Sinn, den man in keinem Biologiebuch findet: den Bedeutungssinn. Er sorgt dafür, dass nichts einfach passiert. Ein verpasster Anruf ist kein Versehen, sondern ein Zeichen. Ein Schweigen keine Pause, sondern eine Botschaft. Der Wahn ist zutiefst religiös, auch wenn er das nie zugeben würde. Er glaubt. Nicht an Gott, aber an Zusammenhänge. Und zwar an alle.


Das Problem ist nicht, dass der Wahn denkt. Das Problem ist, dass er nie aufhört. Er kennt keinen Sabbat. Keine Ruhe. Kein „Es ist vollbracht“. Er arbeitet durch, auch sonntags, auch nachts, auch dann, wenn man ihm längst gekündigt hat.


Und dann gibt es noch den ganz normalen Wahnsinn.

Den ohne Pathologie, aber mit Dauerlauf.

Er lebt nicht in Extremen, sondern in Wiederholungen. In To-do-Listen, die länger werden, je mehr man abhakt. In Gedanken, die man eigentlich loslassen wollte, die aber noch kurz etwas sagen müssen. Immer noch.


Der ganz normale Wahnsinn ist das dreimalige Kontrollieren, ob die Tür wirklich zu ist – nicht aus Angst, sondern aus Misstrauen gegen sich selbst. Er ist das Gefühl, ständig hinterherzulaufen, ohne genau zu wissen, hinter was. Er ist das leise Schuldgefühl, wenn man nichts tut, und die Erschöpfung, wenn man alles tut.


Er fragt nicht nach Sinn.

Er verlangt Funktionieren.


Und genau darin liegt seine Brutalität: Er tarnt sich als Normalität. Man nennt ihn Alltag, Verantwortung oder Erwachsensein und merkt zu spät, dass er längst mit am Tisch sitzt und Entscheidungen trifft.


Der ganz normale Wahnsinn ist nicht spektakulär.

Er schreit nicht.

Er seufzt.


Und vielleicht ist er deshalb der gefährlichste von allen – weil man sich an ihn gewöhnt. Weil man glaubt, so müsse sich Leben eben anfühlen. Leicht überfordert. Dauerangespannt. Grundlos müde.


Aber damit tun wir ihm Unrecht. Denn es gibt noch eine andere Form von Wahn. Eine, über die selten gesprochen wird, weil sie nicht pathologisch klingt, sondern verdächtig nach Glück.


Sich gegenseitig wahnsinnig machen – im positiven Sinne. Nicht durch Drama, sondern durch Nähe. Nicht durch Eskalation, sondern durch Vertrauen. Dieser Wahn ist kein Alarm, er ist ein Funkeln. Er macht nicht misstrauisch, sondern mutig. Er bringt Menschen dazu, Dinge zu tun, die objektiv unvernünftig sind: bleiben, hoffen, nochmal zuhören, nochmal anfangen. Und ja, manchmal sogar lachen, obwohl nichts gelöst ist.


Hier taucht dann gern dieser Satz auf, der hartnäckig Albert Einstein zugeschrieben wird:

Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.


Ein kluger Satz. Vielleicht zu klug. Denn er unterschätzt eine entscheidende Variable: den Menschen. Manchmal tut man das Gleiche nicht aus Dummheit, sondern aus Treue. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Hoffnung. Und manchmal ändert sich das Ergebnis nicht, weil die Handlung neu ist, sondern weil die Beteiligten es sind. Zeit ist vergangen. Vertrauen gewachsen. Gnade passiert – leise, unauffällig, fast unbiblisch.


Vielleicht ist Wahnsinn also keine Frage der Wiederholung, sondern der Haltung. Es gibt einen Wahn, der alles kontrollieren will, und einen, der loslässt. Einen, der ständig fragt „Warum?“, und einen, der sagt: „Trotzdem.“ Letzterer hat etwas erstaunlich Religiöses. Er glaubt nicht, dass alles Sinn macht. Aber er glaubt, dass Sinn entstehen darf.


Der Wahn, der uns kaputtmacht, will alles erklären. Der Wahn, der uns trägt, hält manches aus. Vielleicht liegt die Erlösung nicht darin, den Wahn loszuwerden, sondern ihn zu erlösen. Ihm beizubringen, dass nicht alles gedeutet, nicht alles geprüft, nicht alles verstanden werden muss.


Manches darf einfach sein.

Und manches wird gut.

Nicht sofort.

Aber irgendwann.

 
 
 

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