Wer sagt?
- christophmatthes86
- 25. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Ich dachte immer, Erwachsensein bedeutet irgendwann anzukommen.
Nicht mehr so viel zweifeln. Nicht mehr so viel suchen. Nicht mehr nachts wachliegen und das Gefühl haben, dass das eigene Leben irgendwie gleichzeitig zu schnell und zu langsam läuft.
Irgendwann dachte ich: „Wenn du das alles erst einmal geregelt hast, dann wird’s ruhig.“
Spoiler: Wird es nicht.
Denn das Verrückte am Leben ist, dass Probleme erstaunlich kreativ darin sind, sich gegenseitig abzulösen.
Kaum hat man eine Baustelle geschlossen, eröffnet das Leben daneben bereits ein neues Einkaufszentrum voller weiterer Themen.
Und trotzdem behandeln viele Menschen ihr Leben, als gäbe es irgendwo diesen geheimen Moment, an dem plötzlich alles perfekt sein muss.
Der perfekte Körper. Der perfekte Job. Die perfekte Beziehung. Die perfekte Selbstfindung. Die perfekte Morgenroutine mit Chiasamen und innerem Frieden.
Als hätte Gott am achten Tag gesagt: „So. Und jetzt bitte noch alles in ästhetisch für Instagram.“
Dabei fällt auf, wie brutal viele Menschen mittlerweile mit sich selbst sprechen würden sie so mit anderen reden, hätte das soziale Konsequenzen.
„Das reicht noch nicht.“ „Du müsstest weiter sein.“ „Andere schaffen das doch auch.“ „Reiß dich zusammen.“
Manche tragen keinen inneren Kritiker mehr in sich. Manche beschäftigen innerlich bereits ein komplettes Callcenter.
Und vielleicht liegt genau darin eines der größten Missverständnisse unserer Zeit: Dass wir glauben, Würde müsse verdient werden.
Durch Leistung. Durch Disziplin. Durch Produktivität. Durch permanente Selbstverbesserung.
Aber wer sagt das eigentlich?
Wer sagt, dass ein langsamer Weg weniger wert ist? Wer sagt, dass Heilung effizient sein muss? Wer sagt, dass Menschen immer glänzen müssen? Wer sagt, dass Müdigkeit automatisch Schwäche bedeutet?
Vielleicht haben wir einfach verlernt, gnädig mit uns selbst zu sein.
Interessanterweise ist Gnade etwas, das Menschen religiös oft anderen zugestehen können — nur sich selbst nicht.
Fehler? Bei anderen menschlich. Bei sich selbst unverzeihlich.
Scheitern? Bei anderen ein Lernprozess. Bei sich selbst gefühlt ein Charakterfehler.
Dabei zieht sich durch fast alle Religionen eigentlich ein erstaunlich unbequemer Gedanke: Dass der Mensch nie über Perfektion definiert wurde.
Moses war überfordert. Elia wollte aufgeben. Jona rannte weg. Petrus zweifelte. Thomas ebenfalls. Und selbst Hiob diskutierte irgendwann ziemlich deutlich mit Gott über die Zumutungen des Lebens.
Die Bibel liest sich stellenweise weniger wie ein Buch perfekter Menschen und mehr wie die Dokumentation einer kollektiven Überforderung mit gelegentlichen Wundern dazwischen.
Vielleicht macht genau das Hoffnung.
Dass selbst unvollkommene Menschen Bedeutung haben.
Vielleicht sogar gerade deshalb.
Denn Perfektionismus klingt oft edel. In Wahrheit ist er häufig nur Angst mit besserem Marketing.
Die Angst, nicht zu genügen. Nicht liebenswert zu sein. Nicht wichtig genug zu wirken.
Und irgendwann beginnt man dann, sein ganzes Leben wie eine Prüfung zu behandeln, bei der man vergessen hat, wer überhaupt Noten verteilt.
Vielleicht ist genau deshalb einer der befreiendsten Gedanken überhaupt nicht: „Du musst besser werden.“
Sondern: „Wer sagt eigentlich, dass du die ganze Zeit gegen dich kämpfen musst?“
Vielleicht reicht es manchmal schon, nicht permanent an sich herumzudoktern wie an einer kaputten Waschmaschine.
Sondern einfach anzuerkennen: Ja, manches ist chaotisch. Ja, manches dauert. Ja, manches tut weh. Und trotzdem darf Leben bereits Leben sein, bevor alles perfekt ist.
Vermutlich beginnt Frieden nicht dort, wo endlich alles fertig ist.
Sondern dort, wo man aufhört, sich selbst ständig als unfertige Baustelle zu betrachten.
Vielleicht besteht das Leben nicht darin, irgendwann perfekt zu werden.
Sondern irgendwann zu begreifen, dass man auch unperfekt bereits würdig ist — weil man trotz allem fühlt, fällt, hofft und weitermacht.
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