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Vielleicht

  • christophmatthes86
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Vor ein paar Jahren hätte ich Menschen, die freiwillig morgens halb fünf aufstehen, um laufen zu gehen, vermutlich für leicht verrückt gehalten. Heute gehöre ich selbst zu dieser Gruppe und stelle fest, dass Verrücktheit manchmal einfach nur eine Frage der Perspektive ist.


Denn wenn man ehrlich ist, ergibt das Ganze wenig Sinn. Da klingelt ein Wecker zu einer Uhrzeit, zu der selbst die Sonne noch überlegt, ob sich Aufstehen wirklich lohnt. Man zieht Kleidung an, die erstaunlich teuer dafür ist, dass sie im Wesentlichen aus weniger Stoff besteht als ein Geschirrtuch, und läuft anschließend mehrere Kilometer durch die Gegend, nur um am Ende wieder genau dort anzukommen, wo man gestartet ist. Objektiv betrachtet klingt das nicht nach Freizeitgestaltung. Objektiv betrachtet klingt das nach einer Strafe.


Und trotzdem tun es Menschen freiwillig.


Genau wie Menschen freiwillig Vereine führen, obwohl Sitzungen selten auf den Listen der beliebtesten Abendaktivitäten auftauchen. Genau wie Eltern nachts aufstehen, obwohl Schlafmangel seit Jahrhunderten einen zweifelhaften Ruf genießt. Genau wie Menschen Angehörige pflegen, Verantwortung übernehmen oder an Träumen festhalten, die ihnen niemand garantiert hat.


Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir bei solchen Dingen oft die falsche Frage stellen. Wir fragen, wie Menschen das schaffen. Wie sie die Kraft aufbringen. Wie sie motiviert bleiben. Wie sie durchhalten.


Vielleicht müssten wir viel häufiger fragen, warum.


Denn die Last allein erklärt erstaunlich wenig.


Zwei Menschen können denselben Stein tragen. Für den einen ist es einfach ein Stein. Schwer, lästig und im Weg. Für den anderen ist es ein Teil einer Kathedrale, einer Brücke oder einer schützenden Mauer. Das Gewicht ist identisch. Die Bedeutung nicht.


Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Last, Aufgabe und Be-ruf-ung.


Vielleicht entsteht genau dort viel leichtes!? Nicht weil die Last verschwindet. Nicht weil der Weg kürzer wird. Nicht weil die Schmerzen weniger werden. Sondern weil das Schwere plötzlich Teil von etwas Größerem ist.


Und vielleicht unterschätzen wir, wie sehr Bedeutung das Gewicht unseres Lebens verändert. Denn erstaunlich viele Menschen sind nicht erschöpft, weil sie zu viel tun. Sie sind erschöpft, weil sie den Zusammenhang zwischen dem, was sie tun, und dem, wofür sie es tun, verloren haben. Wenn das Warum verschwindet, fühlt sich selbst das Leichte schwer an. Wenn das Warum stark genug ist, werden Dinge (er)tragbar, die von außen unmöglich erscheinen.


Vielleicht können wir Menschen deshalb so viel tragen. Vorausgesetzt, wir dürfen dabei etwas bei-tragen. Vorausgesetzt, das, was wir tun, darf etwas be-deuten.


Vor einiger Zeit bin ich über ein englisches Wort gestolpert, das sich erstaunlich hartnäckig einer deutschen Übersetzung widersetzt: Purpose. Natürlich könnte man Sinn sagen. Oder Berufung. Oder Bestimmung. Aber keines dieser Worte trifft es ganz. Purpose ist dieses tiefe Wissen, dass etwas Bedeutung hat. Dass es einen Grund gibt, warum man etwas tut. Nicht nur ein Ziel. Nicht nur einen Nutzen. Sondern einen echten Grund.


Deshalb glaube ich inzwischen auch nicht mehr, dass Motivation die Antwort ist. Motivation ist launisch. Sie taucht unangemeldet auf und verschwindet oft genauso schnell wieder. Wer sich ausschließlich auf Motivation verlässt, baut sein Haus auf Wettervorhersagen. Purpose ist etwas anderes. Purpose bleibt auch dann, wenn die Begeisterung Pause macht. Er trägt durch die Tage, an denen nichts leicht ist. Er erinnert daran, warum man angefangen hat, wenn man gerade keine Lust mehr hat weiterzugehen. Ein Ziel möchte erreicht werden. Eine Be-ruf-ung ruft.


Vielleicht suchen wir deshalb oft am falschen Ort. Nach mehr Zeit. Mehr Geld. Mehr Anerkennung. Mehr Selbstoptimierung. Dabei lautet die entscheidende Frage häufig nicht: „Wie kann ich mein Leben leichter machen?“, sondern: „Wofür lohnt es sich, dieses Leben zu (er)tragen?“


Denn vielleicht besteht das Geheimnis eines erfüllten Lebens gar nicht darin, möglichst wenig Last auf den Schultern zu haben. Vielleicht besteht es darin, etwas zu finden, das größer ist als die Last und größer als man selbst. Etwas, das den schweren Tagen Bedeutung gibt. Etwas, das aus einem Stein eine Kathedrale macht.


Denn dann geschieht etwas Merkwürdiges.


Die Aufgabe bleibt dieselbe.

Der Weg bleibt derselbe.

Manchmal sogar die Schmerzen.

Aber das Gewicht verändert sich.

Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung von „vielleicht“. Nicht als Ausdruck von Unsicherheit. Sondern als Beschreibung dessen, was Sinn mit unserem Leben macht.


Nicht wenig-leicht.

Nicht ganz-leicht.

Sondern viel-leicht.

 
 
 

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