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Wenngleich der Riss trägt

  • christophmatthes86
  • 21. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Überall stehen Burgen, Gebäude und Kirchen, älter als unsere Diskussionen. Mauern, die Kriege, Grenzlinien und Ideologien gesehen haben. Wer genau hinsieht, entdeckt sie überall: Risse. Nicht spektakulär, aber real. Und dennoch stehen diese Mauern. Sie tragen – wenngleich sie Spannungen in sich tragen. Niemand käme auf die Idee, sie einzureißen, nur weil der Stein gesprungen ist. Wir nennen es Geschichte. Charakter. Patina.


„Wenngleich“ ist kein billiges Trotzdem. Es ist ein Wort mit einem feinen Riss in sich. Es hält zwei Wahrheiten nebeneinander, ohne sie zu verschmelzen. Es sagt: Ja, das ist gebrochen – und ja, es trägt dennoch. Wie ein Spalt im Stein, der nicht nur Schwäche markiert, sondern Öffnung schafft. Durch einen Riss fällt Licht. Und wo Licht einfällt, entsteht Schatten – aber Schatten ist nur der Beweis, dass Licht da ist. „Wenngleich“ ist genau dieser Spalt in der Sprache: Es lässt das Dunkle stehen und öffnet zugleich den Raum für Helligkeit. Es ist das Eingeständnis, dass Wirklichkeit Spannung ist – und dass Tragfähigkeit nicht aus Glätte entsteht, sondern aus dem Mut, beides auszuhalten.


Bei Menschen sind wir weniger großzügig. Wir reden über Stabilität, Leistung, Geradlinigkeit – wenngleich wir wissen, dass kein Leben geradlinig verläuft. Der perfekte Lebenslauf ist eine Fiktion. Druck ist real. Erwartungen sind real. Der Standard ist real. Und unter Druck entstehen Risse. Manche sieht man, viele nicht: Studienabbrüche, gescheiterte Beziehungen, falsche Entscheidungen, Brüche mit Erwartungen.


Und manchmal sitzt der Riss nicht im Lebenslauf, sondern in der Brust. „Hast du ihn gespürt?“ Dieser Moment, in dem etwas nicht mehr zusammenhält, wenngleich nach außen alles funktioniert. Ein Riss entsteht, wenn das, was man ist, nicht mehr zu dem passt, was man sein soll – zwischen Pflicht und Sehnsucht, zwischen Rolle und Wahrheit, zwischen dem Leben, das man führt, und dem, das man eigentlich will.


Vielleicht ist der Riss deshalb nicht nur Bruch, sondern Spalt. Und durch einen Spalt kann man sehen. Man blickt in das Leben, das man sich nicht zu leben traute. In die Wahrheit, die man lange verdrängt hat. Der Riss schmerzt, wenngleich er offenlegt, was wirklich fehlt.


Dann kommen die Fragen: Wie wird man seinen Schatten los? Wie sagt man seinem Schicksal nein? Wie kann man frei sein, wenn man seinem eigenen Schatten nie entgeht? Vielleicht gar nicht. Vielleicht verschwindet der Schatten nicht durch Flucht, sondern durch Licht. Schatten existieren nur, wo Licht fehlt. Fällt Licht in den Spalt, verliert der Schatten seinen Schrecken. Nicht weil er verschwindet, sondern weil er seinen Ort bekommt.


Das Problem ist selten der Riss. Es ist die Angst, ihn anzuschauen. Also suchen wir Bestätigung. Orakel. Algorithmen. Wenngleich wir ahnen, dass das Gesicht, das zurückblickt, das eigene ist.


Die Geschichte vom Wasserträger erzählt von zwei Krügen: einer makellos, einer mit Riss. Der perfekte kam randvoll an, der gesprungene nur halb – wenngleich auf seiner Seite des Weges Blumen blühten, weil durch den Spalt Wasser fiel. Das ist die tröstliche Seite. Die andere ist ernster: Nicht jeder Riss bringt Blumen hervor. Manche bringen Spaltung. Wenn Unterschied zu Abwertung wird. Wenn aus „ich sehe das anders“ ein „du gehörst nicht dazu“ wird. Gemeinschaften – Vereine, Kirchen, Demokratie – tragen viel, wenngleich sie daran zerbrechen können.


Risse sind mehrschneidig. Sie können verhärten oder vertiefen, isolieren oder verbinden. Entscheidend ist nicht, ob sie da sind, sondern was durch sie hindurchtritt: Zynismus oder Mitgefühl? Selbsthass oder Ehrlichkeit? Vielleicht ist der Riss kein Defekt, wenngleich er sich so anfühlt. Vielleicht ist er die schmale Öffnung, durch die Wahrheit eintritt.


„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Tragfähigkeit entsteht nicht durch Makellosigkeit, sondern durch Annahme. Mauern stehen, wenngleich sie Risse haben. Menschen ebenso. Heilung bedeutet nicht, dass der Riss verschwindet, sondern dass man ihn integriert, ohne sich zu verleugnen.


Wir haben Risse. Wenngleich wir funktionieren. Wenngleich wir leisten. Wenngleich wir tragen. Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung: Nicht weil wir unversehrt sind, hält das Leben – sondern weil durch unsere Risse Licht fällt, das stärker ist als jeder Schatten.

 
 
 

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