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Wen suchen wir wirklich?

  • christophmatthes86
  • 4. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Ich habe neulich einen Film gesehen. Ein römischer Offizier. Klar im Kopf. Klar im Auftrag. Ein Körper ist verschwunden – also sucht er den Körper. So einfach kann die Welt sein, wenn man noch glaubt, dass jede Frage eine Antwort hat.


Wen sucht ihr?


Vielleicht ist das gar keine biblische Frage. Vielleicht ist es die ehrlichste Beschreibung unserer Gegenwart. Wir suchen pausenlos. Antworten, Haltung, Schuldige, Bedeutung. Hauptsache im Außen. Hauptsache nicht bei uns.


Und das funktioniert erstaunlich gut. Bis etwas passiert, das sich nicht mehr einordnen lässt. Nicht laut. Nicht spektakulär. Eher wie ein leiser Riss in einem System, das bisher getragen hat. Etwas fühlt sich plötzlich richtig an – und passt gleichzeitig nicht mehr zu dem, was man immer für richtig gehalten hat.


Und genau da beginnt das, was wir vermeiden: Nicht die Suche nach Antworten. Die Suche nach Wahrheit. Und die ist unbequem.


Da ist dieser Verrat. Judas. Kein Fremder. Kein Gegner. Einer aus der Mitte. Und so gern wir ihn als Fehler im System markieren würden – so wenig lässt sich leugnen, dass ohne ihn nichts von dem passiert wäre, worauf sich später alles beruft.


Ohne Verrat kein Kreuz.

Ohne Kreuz keine Auferstehung.


Das Problem ist nur: Das macht den Verrat nicht richtig. Und genau da fängt es an weh zu tun. Denn plötzlich steht eine Frage im Raum, die wir heute perfekt beherrschen zu umgehen: Kann etwas falsch sein – und trotzdem wirken? Die Antwort ist: ja. Und genau das macht es gefährlich.


Der Offizier sucht weiter. Ordnung, Beweise, Klarheit. Und je länger er sucht, desto mehr zerfällt das, was ihm Sicherheit gegeben hat. Bis zu diesem Punkt, an dem nichts mehr aufgeht.


Es ist vollbracht. Nicht als Erlösung. Sondern als Ende der einfachen Erklärungen. Und genau da kippt alles. Nicht mehr: Wen sucht ihr? Sondern: Wen suchst du? Und plötzlich wird es still. Weil diese Frage nichts mehr im Außen klärt. Sie trifft dich. Und genau hier beginnt unser eigentlicher Konflikt.


Wir leben in einer Welt, die Wirkung mit Wahrheit verwechselt. Was funktioniert, wird verteidigt. Was trägt, wird gerechtfertigt. Was sich gut anfühlt, wird erklärt, bis es passt. Und gleichzeitig wissen wir es besser.


Dass Wirkung nicht gleich Wahrheit ist. Dass kurzfristige Stabilität langfristige Brüche verdecken kann. Dass nicht alles, was Teil einer größeren Geschichte wird, dadurch richtig wird.


Judas bleibt der Verräter. Auch wenn seine Tat Teil von etwas wurde, das größer war als er. Und genau da liegt die Zumutung, die wir nicht mögen: Dass sich nicht alles auflösen lässt.


Dass wir nicht sagen können: Wenn es am Ende gut ist, war der Weg richtig. Dass wir nicht entscheiden können: Entweder falsch oder sinnvoll. Manchmal ist es beides. Und genau deshalb ist die eigentliche Frage nicht, ob etwas funktioniert. Sondern ob es standhält, wenn es wahr wird.


Für alle. Nicht nur für dich. Nicht nur jetzt. Sondern dann, wenn nichts mehr im Verborgenen bleibt. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es unbequem ehrlich wird:


Nicht, ob die anderen verstehen, was du gesucht hast.

Sondern ob du selbst bereit bist zu sehen, was du gefunden hast.


Ohne Erklärung.

Ohne Rechtfertigung.

Ohne Ausweichen.


Und vielleicht auch das: Dass es Dinge gibt, die dich tragen, dich beflügeln, dich lebendig machen – und genau deshalb die Frage aufwerfen, ob Tragen allein schon Wahrheit ist.


Oder ob etwas gerade deshalb so stark wirkt, weil es mehr bewegt, als es auf Dauer halten kann.

 
 
 

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