Verlaufen
- christophmatthes86
- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen ihren Standort live teilen können, aber kaum noch ehrlich sagen können, wo sie emotional gerade stehen.
Das muss man sich eigentlich mal vorstellen.
6 Milliarden Menschen mit GPS. Aber keiner weiß mehr so richtig, wo oben ist.
Früher verlief man sich im Wald. Heute im WLAN der Fremderwartung.
Und das Absurde daran: Noch nie hatten Menschen so viele Navigationssysteme wie heute.
Google Maps. Karriere-Coaches. Mindset-Podcasts. Kalender-Apps. Schrittzähler. Schlafanalysen. Achtsamkeitsseminare. LinkedIn-Motivationsprediger mit Ringlicht und der emotionalen Tiefe einer PowerPoint98-Präsentation.
Permanent erklärt irgendwer irgendwem den richtigen Weg.
„In 300 Metern bitte rechts abbiegen.“ „In 200 Metern bitte Familie gründen.“ „Bitte wenden.“ „Route wird neu berechnet.“ „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ — Burnout.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Dass inzwischen jeder weiß, wie man effizient irgendwo hinkommt. Aber kaum noch jemand fragt, ob er da überhaupt hinwill.
Die moderne Welt ist besessen von Optimierung.
Alles muss schneller werden. Effizienter. Produktiver. Selbst die Entspannung braucht inzwischen Leistungsnachweise.
Menschen tracken ihren Schlaf mit Uhren, die dafür sorgen, dass sie schlechter schlafen.
Wir zählen Schritte, Kalorien, Bildschirmzeiten, Produktivität, Follower, Wasseraufnahme und manchmal vermutlich sogar die Anzahl emotional stabiler Minuten pro Woche.
Früher hieß das einfach Leben. Heute ist es ein Dashboard.
Und trotzdem rinnt uns permanent irgendetwas durch die Finger.
Zeit. Aufmerksamkeit. Ruhe. Freundschaften. Geduld. Beziehungen. Oder das Gehalt direkt nach der Nebenkostenabrechnung.
Vielleicht ist genau das moderne Erschöpfung: Permanent beschäftigt sein — und trotzdem das Gefühl haben, dass einem das Eigentliche entgleitet.
Weil man Wasser nur halten kann, wenn man die Hände nicht ständig mit irgendetwas anderem vollstopft.
Doch stattdessen tragen wir heute 17 geöffnete Browser-Tabs im Kopf spazieren und nennen das „Erwachsensein“.
Man verliert sich dabei nicht plötzlich.
Das passiert schleichend.
Erst ein Kalender. Dann ein Teams-Meeting. Dann ein Outlook-Termin mit dem Betreff: „Kurzer Abstimmungsbedarf.“ Dann sagt irgendwann jemand vollkommen ernst: „Lass uns dazu nochmal ein kurzes Follow-up machen.“ Und zack — Persönlichkeit weg.
Vielleicht haben sich die meisten Menschen deshalb gar nicht verlaufen.
Vielleicht wurden sie einfach nur so oft umgeleitet, dass sie irgendwann vergessen haben, wo sie ursprünglich mal hinwollten.
Beruf. Erwartungen. Pflichten. Gesellschaft. Beifall.
Vor allem Beifall ist gefährlich.
Denn die meisten Menschen verlieren sich nicht in dunklen Wäldern. Sondern langsam in Richtungen, für die sie Applaus bekommen.
Das Tragische daran: Je mehr Applaus man bekommt, desto seltener fragt überhaupt noch jemand, ob man eigentlich glücklich ist.
Hauptsache „läuft“. Rückwärts und bergab, aber es „läuft”
Vielleicht liegt genau darin die größte Satire unserer Zeit: Dass Menschen gleichzeitig komplett erschöpft sind — und trotzdem reflexartig antworten: „Alles gut.“
Als wäre Ehrlichkeit inzwischen eine Software, die aus Datenschutzgründen deaktiviert wurde.
Und irgendwann sitzt man nachts im Auto auf irgendeinem Supermarktparkplatz, hört diese freundliche Navi-Stimme sagen: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ …und fragt sich kurz, ob das jetzt metaphorisch gemeint war.
Vielleicht steckt genau darin die eigentliche Pointe.
Dass „sich verlaufen“ gar nicht immer etwas Schlechtes ist.
Denn wer sich verläuft, verlässt wenigstens Wege, die andere vorgegeben haben.
Wer sich verläuft, sucht noch. Wer sich verläuft, bewegt sich wenigstens überhaupt noch selbst. Wer sich verläuft, glaubt insgeheim noch daran, dass irgendwo etwas Echtes auf ihn wartet.
Vielleicht ist es viel gefährlicher, sich niemals zu verlaufen.
Weil man dann womöglich ein ganzes Leben lang perfekt ausgeschilderten Straßen folgt — ohne jemals anzuhalten und zu fragen, ob das überhaupt die eigene Richtung war.
Und vielleicht braucht es manchmal genau diesen Moment: Dieses falsche Abbiegen. Diese Umleitung. Dieses „Ich weiß gerade selbst nicht genau wohin.“
Damit einem nicht weiterhin alles durch die Finger rinnt, während man geschniegelt und effizient der ursprünglich berechneten Route folgt.
Oder anders gesagt: „Hast du dich verlaufen?“ ist vielleicht gar keine Warnung.
Sondern der Beweis, dass man noch sucht.
Oder Hoffnung.
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