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Verkehrt

  • christophmatthes86
  • vor 6 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Neulich stand ich an einer Ampel, die schon länger rot war, als die Situation es eigentlich hergab. Kein Auto weit und breit. Nur ein paar Menschen, die auf dieses kleine rote Männchen starrten, als hätte es die Ordnung der Welt persönlich zu verantworten.


Einer ging schließlich los.

Nicht trotzig. Nicht demonstrativ.

Er ging einfach.


Sofort dieses leise Raunen: „Das ist doch verkehrt.“


Ein interessantes Wort.


Denn eigentlich bedeutet es: falsch. Aber wenn man genauer hinsieht, ist es ein Wort voller Drehungen. Etwas kann verkehrt sein, weil es falsch ist. Oder weil es umgedreht ist. Oder weil man es nur von der falschen Seite betrachtet.


Und manchmal wird etwas verkehrt, weil es ins Gerede gerät. Dann wird ein kleiner Schritt plötzlich breitgetreten. Von Mund zu Mund getragen. Im Ort ver-kehrt. Als müsste man ihn auskehren, damit auch wirklich jeder sieht, wie verkehrt er doch ist.


Der Mann war da längst auf der anderen Straßenseite.

Die Welt stand noch.

Die Ampel sprang erst danach auf Grün.


Komisch, wie oft wir warten, obwohl längst niemand mehr kommt.


Vielleicht liegt darin das eigentlich Verkehrte: dass wir glauben, Ordnung entstehe dadurch, dass niemand sie hinterfragt. Dass wir Dinge lieber auskehren und weitererzählen, als sie einmal umzudrehen und von einer anderen Seite zu betrachten.


Dabei kennt das Leben diese seltsame Logik, in der Dinge sich plötzlich ins Gegenteil drehen. Aus Zweifel wird Mut. Aus Frust ein Lachen. Aus einem falschen Schritt eine neue Richtung.


Das Verkehrte wird verkehrt – und fühlt sich auf einmal richtig an.


Die alten Geschichten sind voller solcher Drehungen. Die Letzten werden die Ersten. Die Schwachen tragen die Starken. Und ausgerechnet der Narr darf die Wahrheit sagen, während die Vernünftigen danebenstehen und den Kopf schütteln.


Vielleicht, weil Wahrheit selten dort auftaucht, wo alles geschniegelt gerade steht. Sie taucht eher dort auf, wo etwas verrutscht. Wo jemand den Mut hat, einen Schritt zu gehen, der auf den ersten Blick verkehrt wirkt.


Manchmal genügt genau dieser Moment.

Ein Gedanke, der sich dreht.

Eine Perspektive, die kippt.

Ein Ärger, der plötzlich sein Gewicht verliert.


Und plötzlich merkt man: Nicht alles, was verkehrt aussieht, ist falsch. Manches muss nur lange genug umgedreht werden, bis man erkennt, dass darin schon immer die richtige Richtung steckte.


Oder anders gesagt: Mancher Verdruss ist nur ein Gedanke, der noch nicht ins Gegenteil verkehrt wurde.

 
 
 

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