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Unkaputtbar

  • christophmatthes86
  • 14. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Vatertag ist mittlerweile der einzige Feiertag, an dem Männer offiziell mit Bollerwagen voller Bier durch die Gegend ziehen dürfen, damit niemand merkt, wie unfassbar erschöpft viele eigentlich sind.


Und vielleicht beginnt genau dort das Problem.


Denn der moderne Vater soll heute alles gleichzeitig sein. Versorger, aber präsent. Karriereorientiert, aber familienfokussiert. Emotional intelligent, aber bloß nicht weinerlich. Maskulin, aber keinesfalls „toxisch“. Er soll Grenzen setzen, aber niemals autoritär wirken. Stark sein, aber bitte sanft. Er soll funktionieren wie ein Schweizer Taschenmesser mit Therapieausbildung.


Und wehe, er macht einen Fehler.


Dann sitzt irgendwo im Internet bereits jemand mit Ringlicht und Podcast-Mikrofon bereit, um ihm zu erklären, warum genau dieses Verhalten tief patriarchal geprägt, latent problematisch und wahrscheinlich verantwortlich für mindestens drei Generationstraumata ist.


Der gute Vater. Was für eine absurde Figur das eigentlich geworden ist.


Er soll Elternzeit nehmen. Aber nicht zu wenig, sonst ist er ein Macho. Und auch nicht zu viel, sonst lebt er wohl auf Kosten seiner Frau. Er soll Windeln wechseln, Brotdosen packen, mental load verstehen, feministisch denken, Bedürfnisse erkennen, Konflikte reflektieren, seinen Sohn emotional erziehen, seine Tochter stärken, seine Partnerin entlasten und gleichzeitig bitte nicht vergessen, attraktiv, erfolgreich, sportlich und sexuell interessant zu bleiben.


Im Grunde erwartet man heute von Vätern die emotionale Feinfühligkeit eines Therapeuten, die Geduld eines Mönchs, die Belastbarkeit eines Packesels und das Einkommen eines Oberarztes.


Aber bitte locker. Und mit Humor.


Und genau das ist das eigentlich Verrückte: Männer sollen heute permanent über Gefühle reden — aber möglichst nie über ihre eigenen.


Denn sobald Männer ehrlich aussprechen, dass sie überfordert, einsam oder orientierungslos sind, passiert etwas Seltsames: Die Gesellschaft wird plötzlich sehr ungeduldig.


Ein Mann mit Depressionen ist selten „stark“. Ein Mann mit Ängsten wirkt schnell „schwach“. Ein Vater, der emotional kämpft, gilt nicht als verletzlich, sondern als Belastung.


Und deshalb schweigen viele.


Nicht weil sie nichts fühlen. Sondern weil sie irgendwann gelernt haben, dass ihre Gefühle nur dann willkommen sind, wenn sie niemanden anstrengen.


Das Tragische ist: Viele Männer wissen heute ziemlich genau, was sie alles NICHT sein dürfen. Aber kaum noch, was sie eigentlich sein SOLLEN.


Früher war das Männerbild oft brutal simpel: Arbeiten. Fresse halten. Funktionieren.


Das war falsch. Teilweise zerstörerisch falsch.


Aber heute wirkt das Gegenmodell manchmal wie ein ideologischer Hochleistungssport: Der perfekte Vater soll gleichzeitig Beschützer, bester Freund, emotionaler Mentor, feministischer Verbündeter und vollzeitreflektiertes Bewusstseinsprojekt sein.


Und irgendwo dazwischen steht ein Mann nachts um halb drei in der Küche, macht eine Milchflasche warm und fragt sich leise: „Warum habe ich eigentlich permanent das Gefühl, nicht genug zu sein?“


Vielleicht, weil wir eine Gesellschaft geworden sind, die Männern ständig erklärt, was alles problematisch an ihnen ist — aber nur selten, was eigentlich wertvoll an ihnen sein könnte.


Denn reden wir mal ehrlich: Über toxische Männlichkeit wird mittlerweile ungefähr so oft gesprochen wie früher über Fußball.


Aber über toxische Erwartungen an Männer fast gar nicht.


Dabei beginnen viele Jungen heute schon mit einem seltsamen Grundgefühl: Dass irgendetwas an ihnen erstmal verdächtig ist.


Zu laut? Problematisch. Zu still? Emotional unreif. Zu männlich? Toxisch. Zu sensibel? Unsicher. Zu dominant? Red Flag. Zu nett? Langweilig.


Es ist beeindruckend, wie eine Gesellschaft gleichzeitig behaupten kann, jeder solle „einfach er selbst sein“ — und dabei einen kompletten Katalog darüber führt, welches Selbst bitte möglichst nicht auftauchen sollte.


Und nein: Das hier ist kein Angriff auf Frauen. Im Gegenteil.


Der Comedian Florian Schroeder beschrieb einmal ziemlich bitter, was die moderne Frau heute alles gleichzeitig sein soll:

„Sie muss topmodelschlank sein, aber sie muss auch Kinder wollen. Sie muss sie im richtigen Moment wollen – also nicht mit 20 aber auch nicht mit 40. 20 ist zu früh, 40 ist zu spät.
Sie muss die richtige Zahl der richtigen Kinder mit dem perfekten Mann im richtigen Moment kriegen. Die richtige Zahl ist nicht eins, das ist ‚ego‘, aber auch nicht fünf, das ist ‚asi‘. Es muss irgendwo dazwischen liegen.
Wenn sie die Kinder hat, muss sie arbeiten, sie muss Karriere machen. Und zwar selbstbewusst.
Aber nicht als Emanze.
Aber emanzipiert muss sie sein. Selbstbewusst, emanzipiert, feministisch organisiert und überhaupt gut drauf.
Und während sie Karriere macht, muss sie gleichzeitig zu Hause bleiben. Sie darf keine Rabenmutter sein. Und wenn sie zu Hause ist, muss sie trotzdem Karriere machen.
Sie muss weiterhin topmodelmagerschlank sein.
Man darf ihr die Kinder, die sie gekriegt hat, nicht ansehen.
Zu Hause muss sie außerdem Hure, Liebhaberin, beste Freundin, Mutter und alles auf einmal sein.
Und den Stress, den sie hat, den darf man niemals spüren!“

Vielleicht ist das die eigentliche Krankheit unserer Zeit: Dass Menschen nicht mehr leben, sondern Rollen optimieren.


Alle performen nur noch. Auf Social Media. In Beziehungen. In Elternschaft. Im Beruf.


Und irgendwann sitzt man gemeinsam am Abendbrottisch, alle völlig erschöpft, und keiner weiß mehr, warum eigentlich.


Vielleicht, weil wir aus Menschen Projekte gemacht haben.


Aus Männern Diskurse. Aus Frauen Daueransprüche. Aus Elternschaft ein öffentliches Bewertungssystem.


Und vielleicht vergessen wir bei all den Diskussionen etwas Entscheidendes: Kinder analysieren ihren Vater nicht. Sie beobachten ihn.


Sie sehen nicht den gesellschaftlichen Diskurs. Nicht den mental load. Nicht die ideologischen Grabenkämpfe über Männlichkeit.


Sie sehen den Mann, der nachts nochmal aufsteht. Der Fahrradfahren beibringt. Der schwere Taschen trägt. Spinnen entfernt. Pflaster klebt. Grenzen setzt. Diskutiert. Schimpft. Erklärt. Aushält. Arbeitet. Nach Hause kommt, obwohl er eigentlich längst leer ist.


Und irgendwo sitzen diese kleinen Augen da und denken: „Wenn Papa da ist, wird alles irgendwie gut.“


Vielleicht ist genau das die größte Tragik moderner Vaterschaft: Dass viele Männer längst vergessen haben, wie wichtig sie eigentlich sind.


Denn zwischen all den gesellschaftlichen Erwartungen hören sie ständig, was sie falsch machen. Aber viel zu selten, was sie für ihre Kinder tatsächlich sind.

Die Welt.


Für kleine Hände bist du oft der Größte. Für kleine Herzen der Stärkste. Für kleine Augen manchmal noch unkaputtbar.


Und während du glaubst, du würdest einfach nur funktionieren, rettest du vielleicht jeden Tag still irgendeine kleine Welt.


Mit Brotdosen. Mit Geduld. Mit Augenringen. Mit Müdigkeit. Mit Dasein.


Nicht spektakulär. Aber unersetzlich.


Und währenddessen wachsen Kinder auf, die gar keine perfekten Eltern bräuchten.


Sondern echte.


Einen Vater, der vielleicht nicht jede Emotion perfekt formulieren kann, aber trotzdem nachts ans Bett kommt. Der nicht jede pädagogische Methode kennt, aber sein Kind verteidigen würde wie ein Löwe. Der manchmal überfordert ist. Manchmal zu laut. Manchmal zu still. Manchmal falsch reagiert. Aber immer echt. Und geblieben.


Vielleicht liegt genau darin die härteste Wahrheit: Kinder erinnern sich später selten daran, ob ihre Eltern alles richtig gemacht haben.


Aber sie erinnern sich brutal genau daran, wer emotional anwesend war. Und wer nicht.


Vielleicht braucht diese Welt deshalb weniger perfekte Väter. Und mehr Männer, die sich trauen, unperfekt zu bleiben, ohne sich dafür permanent rechtfertigen zu müssen.


Denn ein Vater ist kein therapeutisches Gesamtkunstwerk. Kein politisches Symbol. Keine fehlerfreie Erziehungsmaschine.


Sondern meistens einfach ein Mensch, der versucht, jemanden durchs Leben zu tragen, während er selbst oft kaum weiß, wie er sein eigenes tragen soll.


Vielleicht sind Väter deshalb in Kinderaugen so lange unkaputtbar — weil sie selbst oft zerbrechen müssen, ohne es zeigen zu dürfen.

 
 
 

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