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The same procedure as every year?

  • christophmatthes86
  • 3. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Acht Jahre Hülfensberg. Vierzig Kilometer, die sich irgendwann nicht mehr wie Strecke anfühlen, sondern wie Gewohnheit. Der Körper weiß, wann es zieht, wann es leicht wird. Man fährt los, weil man es immer so gemacht hat. Weil Rituale tragen. Und vielleicht auch, weil man sie irgendwann nicht mehr hinterfragt.


Dieses Jahr war es anders. Nicht äußerlich. Der Weg war derselbe, das Ziel auch, die Messe sowieso. Aber irgendetwas hat sich verschoben. Nicht im Ablauf. Im Blick.


Vielleicht beginnt das schon damit, dass Wege sich nicht löschen lassen, wenn man sie einmal gegangen ist.


Seit dieser Novembernacht in Jerusalem ist etwas geblieben. Nicht als Erinnerung, die man abrufen kann, sondern als Bild, das sich dazwischenschiebt, wenn man ähnliche Worte hört. Als Gefühl, das nicht mehr weggeht, wenn bestimmte Sätze fallen. Vielleicht, weil man diesen Weg nicht nur gelesen oder gehört hat, sondern tatsächlich gegangen ist. Und plötzlich sitzt man auf einem Berg im Eichsfeld und ist innerlich ganz woanders. Nicht, weil man abschweift. Sondern weil sich etwas überlagert.


Da ist diese Lesung. Diese bekannten Worte. Das Mahl, das Teilen, das Ankündigen. Dinge, die man oft gehört hat. Vielleicht zu oft, um sie noch wirklich zu hören. Und dann tauchen Bilder auf. Nicht aus einem Buch. Sondern aus einer Nacht, die man selbst gegangen ist.


Vom Berg Zion hinunter. Weg von den Mauern. Raus aus der Stadt.

Ein Weg, den man sonst nur erzählt bekommt – bis man ihn selbst einmal gegangen ist.

Ein Weg, der erst unscheinbar wirkt und dann plötzlich still wird. Kein Lärm, kein Gedränge, kein Programm. Nur Dunkelheit, die nicht bedrohlich ist, sondern weit.


Ein Tal, das sich öffnet.


Olivenbäume, die im Wind kaum zu hören sind. Eine Wärme, die sich nicht aufdrängt, sondern trägt. Diese eigenartige Ruhe, die man erst versteht, wenn man mitten in ihr steht. Und genau dort sitzen sie. Nach einem Mahl, das mehr war als nur Essen. Satt, müde, vielleicht auch ein wenig schwer von dem, was war. Brot, Wein, Gemeinschaft. Ein letzter Abend, der sich wahrscheinlich nicht wie ein letzter angefühlt hat.


Warum sollten sie wach bleiben? Wer schläft, sündigt nicht. Und vielleicht ist das das Ehrlichste an dieser Szene: dass niemand dort heroisch war. Kein Pathos, keine Übermenschlichkeit. Einfach Menschen, die nach einem vollen Abend in einer warmen Nacht unter Bäumen einschlafen.


Und nur ein Stück entfernt passiert etwas völlig anderes. Jesus geht weiter. Hinauf. Weg von ihnen. Und man weiß plötzlich, wie dieser Weg aussieht. Wie er sich anfühlt. Dass er nicht kurz ist. Dass er Kraft kostet. Dass er Zeit braucht.


Und dann dieses Ringen.

Und plötzlich weiß man, wie nah sie eigentlich waren – und wie weit entfernt.


„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“


Kein schöner Satz. Kein spiritueller. Ein nackter. Und dann dieser zweite.


„Aber nicht mein Wille geschehe, sondern deiner.“


Und genau da verändert sich alles.


Nicht sichtbar.

Nicht laut.

Aber unumkehrbar.


Dort wird entschieden, dass Worte nicht Worte bleiben. Dass aus einem Bild Wirklichkeit wird. Aus einem Vers ein Weg. Aus einem Gedanken eine Tat. Vielleicht ist das der Moment, der dieses Jahr alles verändert hat. Weil diese Nacht nicht mehr weit weg ist. Weil sie nicht mehr nur erzählt wird. Sondern weil man sie gesehen hat. Gelaufen ist. Gespürt hat, wie still sie ist. Wie warm. Wie menschlich.


Und plötzlich hört man diese Lesung nicht mehr. Man steht in ihr. Und dann sitzt man auf dem Hülfensberg, der nicht der Ölberg ist. In einer Kirche, die nicht der Abendmahlssaal ist, in einer Landschaft, die nicht Jerusalem ist – und merkt trotzdem, dass es nicht darum geht, wo man ist. Sondern ob man erkennt, wann es ernst wird. Denn dieser Moment kommt nicht mit Ankündigung.


Er kommt leise.

In der Ruhe.

Nach dem, was gut war.

In einer Nacht, die eigentlich schön ist.

Und genau da entscheidet sich etwas.

Nicht zwischen richtig und falsch. Sondern zwischen Ausweichen und Annehmen. Zwischen Reden und Leben. Zwischen dem eigenen Leid, das man lieber erklärt – und dem Punkt, an dem man es annimmt.


Und vielleicht liegt genau darin die unbequeme Wahrheit dieser Nacht: Dass sie nichts verlangt. Aber alles sichtbar macht. Und dass man erst im Rückblick merkt, wann man eingeschlafen ist.


Und wann man wach war.


Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage, die bleibt: Ob man den Weg kennt – oder ob man ihn geht.

 
 
 

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