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Nur ein Löffel

  • christophmatthes86
  • 22. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Vielleicht ist das wirklich die verkehrte Welt.


Dass Menschen morgens in den Spiegel schauen wie Kunden an einer Hotelrezeption.


Mit dieser stillen Erwartung: „So. Mach mal, dass ich mich heute besser fühle.“


Und wenn das Spiegelbild dann müde aussieht, genervt oder leer, reagieren wir beleidigt, als hätte der Spiegel aktiv beschlossen, heute schwierig zu sein.


Neulich stand ich nachts in der Küche und löffelte Nutella direkt aus dem Glas.


Diese großen Gläser wirken nachts übrigens deutlich philosophischer als tagsüber.


Tagsüber sind sie Frühstück. Nachts sind sie eine Lebensentscheidung.


Ich stand also da. Barfuß. Leicht übermüdet. Mit einem Löffel in der Hand, den ich zwischendurch einfach im Glas stecken ließ wie eine weiße Fahne des Erwachsenenlebens.


Und draußen war alles still.


Nicht romantisch still. Eher dieses eigenartige Nachtstill, bei dem man plötzlich jedes Geräusch der Wohnung hört und kurz überzeugt ist, der Kühlschrank hätte emotional mehr Stabilität als man selbst.


In der dunklen Fensterscheibe sah ich mein Spiegelbild.


Und ganz ehrlich: Der Typ sah nicht aus wie jemand, der sein Leben besonders im Griff hat.


Eher wie jemand, der irgendwann mal kurz „ich ess nur einen Löffel“ gedacht hat und jetzt seit acht Minuten im Schlabberlook mit Nutella und Milch in der Küche steht und über Existenz nachdenkt.


Aber genau in diesem Moment passierte etwas Seltsames.


Ich musste grinsen.


Nicht weil irgendetwas gut gewesen wäre. Es war nichts gut. Die offenen Gedanken waren noch da. Die Müdigkeit war noch da. Die Fragen waren noch da.


Aber plötzlich grinste dieses Spiegelbild zurück.


Und für einen winzigen Moment wirkte es fast unfair, wie schnell sich Atmosphäre verändern kann, obwohl sich faktisch überhaupt nichts verändert hat.


Vielleicht überschätzen wir Menschen Probleme manchmal ähnlich wie schlechte Wetterberichte.


Man glaubt morgens, der ganze Tag wird grau, nur weil kurz Regen ans Fenster klatscht.


Dabei reicht manchmal irgendeine Kleinigkeit und plötzlich kippt etwas.


Ein Lied im Hintergrund. Eine Nachricht. Warme Bettwäsche. Der erste Kaffee. Oder ein völlig übermüdeter Mann mit Nutella-Löffel, der nachts in seiner Küche steht und kurz lachen muss, weil ihm auffällt, dass er sein Wohlgefühl die ganze Zeit behandeln wollte wie einen Paketboten: „Bitte zwischen 8 und 18 Uhr liefern. Danke.“


Vielleicht funktioniert das aber gar nicht so.


Vielleicht ist gute Laune nicht die Belohnung für ein gelungenes Leben.


Vielleicht ist sie manchmal eher der erste Schritt.


Wie Saatgut.


Nicht die Ernte.


Und vielleicht ist genau das der Denkfehler, den Menschen ständig machen.


Wir behandeln Gefühle oft wie Wetter. Als kämen sie einfach über uns. Mal Sonne. Mal Regen. Pech gehabt.


Dabei laufen viele herum wie Bauern, die mit verschränkten Armen auf dem Feld stehen und sagen: „Wenn hier irgendwann mal vernünftig Weizen wächst, dann fang ich vielleicht an zu säen.“


So herum funktioniert es halt nicht.


Man bekommt nicht zuerst die Ernte und entscheidet sich dann für Hoffnung.


Man streut zuerst irgendetwas Kleines in diesen Tag hinein. Ein Grinsen. Ein freundliches Wort. Ein Lied im Auto. Vielleicht sogar einfach nur die absurde Entscheidung, nachts um halb eins nicht alles so todernst zu nehmen.


Und irgendwann wächst daraus plötzlich etwas, das vorher nicht da war.


Nicht immer sofort. Nicht magisch. Nicht Pinterest-mäßig.


Aber vielleicht viel realer.


Denn die wirklich seltsame Erkenntnis dieser Nacht war ja: Das Spiegelbild hatte gar keine eigene Meinung.


Es wartete einfach.


Die ganze Zeit.


Und vielleicht tun das viele Dinge im Leben.


Vielleicht reagieren Menschen manchmal weniger auf das, was wir sagen — als auf das, womit wir einen Raum betreten.


Vielleicht merken Kinder sofort, wenn jemand innerlich längst gekündigt hat. Vielleicht hören Hunde Traurigkeit schneller als Worte. Vielleicht fühlt man bei manchen Menschen schon nach drei Sekunden, ob sie Licht mitbringen oder nur ihre To-do-Liste.


Und vielleicht sitzt deshalb nachts manchmal ein völlig übermüdeter Mensch mit Nutella-Glas in der Küche und versteht plötzlich: Dass er die ganze Zeit darauf gewartet hat, dass das Leben zuerst zurücklächelt.


Obwohl der Spiegel niemals anfangen kann.

 
 
 

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