top of page

Mehr als 1.440

  • christophmatthes86
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Superhelden haben ja bekanntlich Superkräfte. Röntgenblick. Fliegen. Unsichtbarkeit. Dinge, die man gut vermarkten kann. Dinge, für die es Applaus gibt. Dinge, die man in zwei Stunden Film verpackt bekommt – mit Pause für Popcorn.


Und dann gibt es die anderen. Die, die keine Pause kennen. Die, deren Kräfte so unspektakulär klingen, dass man sie fast übersieht. Multitasking zum Beispiel. Klingt nach Bürojob, ist aber in Wahrheit eine Mischung aus Einsatzleitung, Krisenstab, Notaufnahme, Logistikzentrum und Verhandlungsführung – gleichzeitig. Während irgendwo Milch überkocht, ein Schuh unauffindbar ist und eine kleine Welt gerade daran zerbricht, dass die falsche Farbe im Becher ist.


Gedankenlesen gehört auch dazu. Nicht das große Kino, sondern die leise Variante: „Irgendwas ist doch…“ Und dann dieses vorsichtige Nachfragen, dieses Zwischen-den-Zeilen-Hören, bis aus „nichts“ plötzlich alles wird. Bis aus einem „Ich will nicht in die Schule“ nicht Trotz, sondern vielleicht Angst wird. Oder Überforderung. Oder einfach ein Tag, der gerade zu groß ist.


Und dann beginnt eine andere Art von Superkraft: Dinge erklären, die eigentlich niemand erklären kann. Warum man trotzdem geht. Warum nicht alles einfach ist. Warum man Dinge aushält. Und gleichzeitig das Gefühl geben, dass man nicht allein ist, wenn man es leicht nimmt.


Superhelden haben oft eine geheime Identität. Hier ist es anders: Die Identität ist auf der Geburtsurkunde sichtbar – die Kräfte sind es nicht.


Und vielleicht liegt genau da schon der Bruch mit der Physik.


Denn eigentlich hat ein Tag 24 Stunden. 1.440 Minuten. Nicht verhandelbar. So steht es geschrieben. So wird es gemessen. So wird es gelebt. Und trotzdem gibt es Menschen, bei denen diese Rechnung nicht aufgeht.


Weil sie mehr daraus machen.


Nicht nur im Stress. Gerade auch im Schönen.


Zeitdehnung am Morgen, wenn aus drei Minuten plötzlich ein ganzes System wird: Zähne, Schuhe, Brot, Streit, Welt erklären – alles gleichzeitig, alles irgendwie möglich. Minuten, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.


Aber auch: Zeitdehnung am See. Beim Eislaufen. Im Urlaub. Auf dem Spielplatz, wenn der Tag eigentlich schon voll war – und trotzdem noch Platz ist für „nur noch einmal rutschen“.

Wenn aus einer Stunde ein ganzer Nachmittag wird.

Wenn aus einem Moment eine Erinnerung wird, die bleibt.


Zeitstopper in den Momenten, die zählen. Wenn ein Lachen länger dauert, als es müsste. Wenn ein Blick alles sagt. Wenn ein Arm sich festhält und die Welt für einen Augenblick stillsteht. Sekunden, die sich weigern, weiterzugehen.


Und ja, manchmal sogar Zeitumkehrer. Nicht spektakulär. Nicht mit Effekten. Sondern still.


Wenn nachts noch Licht brennt.

Weil etwas vorbereitet wird.

Weil etwas schiefging.

Weil man nochmal anfängt.

Nicht nur beim Kuchen. Sondern bei Gesprächen. Bei Entscheidungen. Bei sich selbst.


Als könnte man sagen: Wir machen das morgen nochmal besser.


Eventmanagement, das keiner sieht. Der ganz normale Wahnsinn, der so aussieht, als wäre er keiner. Geburtstage, Ausflüge, Wochenenden, Ferien – aber auch einfach nur ein Dienstag, der plötzlich besonders wird. Geschenke, die „plötzlich“ da sind – obwohl der Tag vorher schon voll war. Dienstlich. Ehrenamtlich. Vielleicht noch sportlich. Ein Supermarathon aus Verpflichtungen, der offiziell längst gereicht hätte.


Und trotzdem wird noch eine Runde angehängt.


Für diesen einen Moment.

Für dieses eine Strahlen.


Superhelden haben Einsatzorte. Metropolen. Galaxien.


Hier sind es Küchen. Kinderzimmer. Autos. Flure.

Der Weg zur Schule.

Der Heimweg.

Der Abend.

Und die Nacht – die unterschätzteste Schicht von allen.


Sie verhandeln wie auf Krisengipfeln. Über Brokkoli. Über Jacken. Über Hausaufgaben. Über das große Ganze im Kleinen. Ergebnis offen. Einsatz maximal.

Sie finden Dinge, die offiziell nicht mehr da sind.

Sie beantworten Fragen, die man selbst nie gestellt hätte.

Sie heilen mit einem „Pusten“ mehr, als jede Statistik erklären könnte.


Sie sind Ärztin oder Arzt, wenn es weh tut.

Krankenpfleger:in, wenn es länger dauert.

Psychotherapeut:in, wenn Worte fehlen.

Seelsorger:in, wenn Fragen größer werden.

Lehrer:in, wenn die Welt erklärt werden will.

Philosoph:in, wenn es um Gerechtigkeit geht.

Anwält:in, wenn „das ist unfair“ verhandelt wird.

Richter:in, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.

Coach, wenn Mut fehlt.

Clown, wenn Lachen hilft.

Koch, Einkäufer:in, Reinigungskraft, Wäscher:in, Hausmeister:in.

Chauffeur:in, Logistiker:in, Projektmanager:in, Nachhilfelehrer:in.

Sicherheitsdienst, Bodyguard, Risikoanalyst:in.

Erfinder:in, Geschichtenerzähler:in, Entdecker:in.


Und praktisch immer einfach nur: da.


Aber selbst das ist zu wenig.


Weil es nicht beschreibt, was zwischen all dem passiert.


Dieses ständige Umschalten.

Dieses Dazwischen.

Dieses „trotzdem“.

Gerade deswegen.


Vielleicht ist genau das die eigentliche Superkraft: nicht das Können – sondern das Bleiben.


24 Stunden.

7 Tage.

365 Tage.

Mindestens 18 Jahre.

Und wenn man ehrlich ist: darüber hinaus.


Kein Feierabend. Kein „ich geh mal kurz raus“. Kein „bin gleich zurück“.

Nur dieses leise Versprechen: Ich bin und bleibe da.


Und ja, es gibt Nebenwirkungen. Müdigkeit, die sich nicht ausschlafen lässt. Zweifel, die keinen Termin brauchen. Schuldgefühle, die manchmal aus dem Nichts kommen.


Und trotzdem.

Gerade deswegen.

Dieses Weitermachen.


Vielleicht, weil es nicht anders geht.

Vielleicht, weil es genau so richtig ist.


Superhelden tragen normalerweise Umhänge.


Hier nicht.


Wäre auch unpraktisch zwischen Wäschekorb, Turnbeutel und einem Nachmittag, der länger dauert, als er dürfte.


Und vielleicht ist genau das das Paradoxe: Dass ausgerechnet die, die Zeit scheinbar austricksen, sie für andere dehnen – und für sich selbst nahezu immer schrumpfen lassen.


Sie sind die, die aus 1.440 Minuten mehr machen, als eigentlich möglich ist. Die Sekunden strecken, wenn es nötig ist. Und sie festhalten, wenn sie schön sind.


Man erkennt sie nicht sofort.

Manchmal nicht einmal selbst.


Aber vielleicht ist genau das ihre größte Stärke.


Superhelden der Zeit. Und, wenn man genau hinschaut: die eigentlichen Superhelden unserer Zeit.


Es gibt einen Tag für Superhelden.

Sie hätten eigentlich jeden verdient.

Nehmen sich aber keinen.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Seite, auf der man steht

Manchmal merkt man erst später, auf welcher Seite man stand. Ironie hat etwas Elegantes. Schnell. Präzise. Oft sogar treffend. Ich mag das. Vielleicht zu sehr. Dieses Spiel mit der zweiten Ebene. Dies

 
 
 
Das, was man nicht sagt

Es war kein Streit. Nicht mal ein Gespräch. Eigentlich nur ein Satz. „Das Gute ist, dass man das bei dir nicht sieht.“ So ein Satz, der auf den ersten Blick freundlich klingt. Fast schon anerkennend.

 
 
 
Wir optimieren uns am Leben vorbei

Wir sind besser geworden. Effizienter. Klarer. Strukturierter. Wir wissen, wann wir produktiv sind, tracken unseren Schlaf, zählen Schritte, vergleichen Gehälter, analysieren Gespräche, reflektieren B

 
 
 

Kommentare


bottom of page