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Läuft.

  • christophmatthes86
  • 15. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Manche Menschen laufen gegen die Zeit.

Andere gegen andere.

Wieder andere gegen den eigenen Körper.


Und irgendwann merkt man, dass das eigentliche Rennen ganz woanders stattfindet.


Nicht auf der Uhr.

Nicht in der Platzierung.

Nicht in irgendwelchen Tabellen voller Zeiten, die morgen ohnehin niemanden mehr interessieren.


Sondern irgendwo zwischen Atemzug und Schmerz. Zwischen „Ich kann nicht mehr“ und „Ich gehe trotzdem weiter“. Zwischen Stolz und Zweifel. Zwischen Kopf und Bauch — im Herz.


Vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen freiwillig Berge hochlaufen, obwohl der Körper schon beim ersten Anstieg fragt, ob eigentlich noch alles in Ordnung ist.


„Mach dir keinen Druck.“


Was für ein absurd lustiger Satz eigentlich kurz vor einem Lauf mit Höhenmetern, schmerzenden Beinen und der sehr realistischen Möglichkeit, unterwegs mehrfach mit sich selbst diskutieren zu müssen, warum man sich für so einen Unsinn freiwillig anmeldet.


Und trotzdem steckt genau darin vielleicht die wichtigste Wahrheit.


Denn die meisten Menschen laufen längst nicht mehr wegen Medaillen.


Sie laufen, weil irgendwo zwischen Atemzügen, Waldwegen und brennenden Oberschenkeln plötzlich wieder etwas auftaucht, das im Alltag oft verloren geht:


Ehrlichkeit.


Weil Laufen manchmal das Ehrlichste ist, was man tun kann.


Da gibt es keine Ausreden. Keine Filter. Keine perfekten Formulierungen. Kein Ringlicht. Kein „Mir geht’s gut“, obwohl alles brennt.


Der Körper lügt nicht.


Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das fast wie ein Gebet ist.


Nicht dieses saubere, geschniegelt-fromme Gebet, das klingt, als hätte Gott eine Pressesprecherin eingestellt. Sondern diese stillen Sätze zwischen den Schritten.


Bitte halt durch.

Bitte nicht jetzt aufgeben.

Bitte nur noch bis zur nächsten Kurve.

Bitte einfach weiter atmen.

Bitte lass die Beine noch ein bisschen tragen.

Bitte lass das Herz stärker sein als den Kopf glauben lässt.

Danke.

Danke, dass ich das überhaupt spüren darf.


Und vielleicht liegt genau darin etwas Heiliges.


Denn wie absurd schön ist das eigentlich?


Dass ein Mensch freiwillig leidet, nur um sich selbst wieder zu spüren.


Nicht der zerstörerische Schmerz. Nicht der, der Menschen kaputtmacht. Sondern dieser selbstgewählte Schmerz. Dieses Brennen in den Beinen. Dieses schwere Atmen. Dieses Gefühl, dass der Körper schreit und das Herz trotzdem antwortet: „Noch einen Schritt.“


Vielleicht liegt darin mehr Spiritualität als in mancher Predigt.


Denn auf langen Läufen fallen irgendwann alle Masken ab.


Da bleibt nur noch Wahrheit.


Die Beine werden schwer. Die Lunge diskutiert. Die Hüfte meldet sich. Der Kopf fragt sehr überzeugend, ob Umdrehen nicht vielleicht doch eine hervorragende Charaktereigenschaft wäre.


Und genau dort beginnt dieser seltsame Teil, den Außenstehende wahrscheinlich nie ganz verstehen werden.


Denn ausgerechnet in diesen Momenten liegt etwas unglaublich Ehrliches.


Vielleicht, weil man dort draußen plötzlich merkt, wie laut das eigene Innere eigentlich geworden ist.


Und gleichzeitig, wie unfassbar dankbar man sein kann.


Für funktionierende Beine.

Für Luft in den Lungen.

Für Wege durch Wälder.

Für einen Körper, der trägt.

Für Menschen, die an einen glauben.

Für jeden Schritt, den man vor einem Jahr vielleicht noch gar nicht geschafft hätte.


So viele Kilometer liegen bereits hinter einem.


Nicht nur auf der Uhr.


Zweifel.

Ängste.

Rückschläge.

Versionen von sich selbst, die längst nicht mehr existieren.


Der Mensch, der du vor einem Jahr warst, hätte vielleicht niemals geglaubt, dass du heute hier stehst. Oder läufst. Oder kämpfst.


Und trotzdem reden wir uns ständig ein, es wäre nie genug.


Schneller.

Weiter.

Besser.

Noch mehr.


Dabei vergessen wir manchmal das Offensichtliche: Alle, die heute nicht an der Startlinie stehen, hast du bereits hinter dir gelassen.


Nicht weil du besser bist.

Sondern weil du den Mut hattest, überhaupt loszugehen.


Und vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst: Nicht perfekt zu laufen. Nicht elegant zu leiden. Nicht irgendwo in der ersten Reihe gesehen zu werden. Sondern überhaupt unterwegs zu sein.


Vielleicht muss man die Sorgen manchmal einfach an der Startlinie liegen lassen. Und je länger ich darüber nachdenke, desto schöner finde ich diesen Gedanken eigentlich.


Denn vielleicht ist Laufen manchmal genau das: Ein kontrolliertes Davonlaufen. Aber ausnahmsweise nicht vor dem Leben. Sondern mitten hinein.


Für ein paar Stunden existieren keine Schlagzeilen. Keine Erwartungen. Keine Rechnungen. Keine Rollen. Kein Funktionieren.


Nur der nächste Schritt.


Und vielleicht ist das größte Wunder nicht einmal das Durchhalten.


Sondern dass der Mensch trotz allem immer wieder losläuft.


Obwohl er weiß, dass es weh tun wird.


Ohne Erwartungen.

Aber mit Ziel.


Ohne Druck.

Aber mit Hoffnung.


Ohne Garantie.

Aber mit Vertrauen.


Und irgendwann kommt man vielleicht erschöpft, schwer atmend und trotzdem leichter durchs Ziel, als man gestartet ist.


Weil die Sorgen irgendwo zwischen Startlinie und Waldweg verloren gegangen sind.


Und vielleicht reicht genau das manchmal schon.


Der Schmerz geht.

Der Stolz bleibt.


Und plötzlich trägt einen etwas, obwohl die Beine längst aufgehört haben. Vielleicht ist genau das gemeint, wenn Menschen sagen:

Läuft.

 
 
 

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