Gerangel
- christophmatthes86
- 11. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Manche Menschen reden von Balance.
Als wäre das Leben eine Yogaübung auf einer Salatgurke. Ruhig atmen, kurz zentrieren und dann elegant zwischen Arbeit, Familie, Gesundheit, Beziehung, Selbstfindung und drei Litern Wasser täglich hindurchschweben. Möglichst ohne zu schwitzen. Und bitte mit Achtsamkeits-App.
Die Realität fühlt sich meistens anders an.
Eher nach Gerangel.
Ein seltsames Wort eigentlich. Fast niedlich. Klingt ein bisschen nach Grundschule, nach zwei Kindern mit zu großen Jacken auf einem matschigen Schulhof. Niemand gewinnt wirklich, aber beide gehen mit schiefem Pullover nach Hause.
Dabei beschreibt kaum ein Wort das Erwachsensein besser.
Denn das Leben kämpft selten fair genug für einen echten Boxkampf. Es zerrt eher. Permanent. An Zeit. An Gedanken. An Beziehungen. An Erwartungen. An Kräften, von denen man morgens noch überzeugt war, sie zu besitzen.
Gerangel beginnt oft nicht laut. Sondern zwischen Tür und Angel. Vor der Abfahrt. Zwischen zwei Nachrichten. In Blicken. In Schweigen. In diesem seltsamen Zustand, gleichzeitig Nähe zu spüren und trotzdem nicht zu wissen, wohin mit ihr.
Und vielleicht besteht genau darin die Erschöpfung unserer Zeit.
Nicht darin, dass alles immer schlimmer wird. Sondern darin, dass alles gleichzeitig an uns zieht.
Arbeit möchte Leidenschaft.
Familie Aufmerksamkeit.
Freunde Ehrlichkeit.
Der Körper Fitness.
Die Gesellschaft Haltung.
Social Media Sichtbarkeit.
Und irgendwo dazwischen versucht die Seele herauszufinden, wann sie eigentlich mal kurz existieren darf, ohne sofort optimiert, erklärt oder zusammengerissen zu werden.
Vielleicht beginnt Erschöpfung nämlich nicht dort, wo Menschen zu viel arbeiten. Sondern dort, wo sie zu lange versuchen, gleichzeitig echt und angenehm für alle zu bleiben.
Viele Menschen verlieren sich nicht in einem großen Knall. Sondern in tausend kleinen Momenten des Sich-zusammenreißens. Weil Harmonie oft einfacher aussieht als Wahrheit. Weil Rücksicht manchmal so lange betrieben wird, bis vom eigenen Inneren irgendwann nur noch eine höfliche Version übrig bleibt.
Selbst Ruhe ist heute Leistungssport. Menschen fahren „achtsam“ in den Urlaub und kommen gestresst vom Entspannungsprogramm zurück. Hauptsache, die Smartwatch bescheinigt einen erholsamen Schlaf, während man nachts innerlich trotzdem gegen irgendein unsichtbares Gerangel ringt.
Vielleicht sind wir deshalb so müde.
Nicht wegen einzelner großer Katastrophen. Sondern wegen tausender kleiner Ziehbewegungen gleichzeitig.
Und trotzdem gehen Menschen weiter.
Pilgern.
Arbeiten.
Kinder großziehen.
Laufen Marathon trotz Erkältung.
Lachen auf Karnevalssitzungen, obwohl ihnen eigentlich nicht danach ist.
Schicken sich Sprachnachrichten um fünf Uhr morgens, halb unter der Bettdecke, nur um einem anderen Menschen kurz das Gefühl zu geben, gesehen zu werden.
Stehen morgens wieder auf, obwohl sie abends nicht wussten, wie sie den nächsten Tag schaffen sollen.
Vielleicht ist Hoffnung deshalb gar nicht dieses große, leuchtende Gefühl, von dem Kalender und Motivationscoaches ständig reden.
Vielleicht ist Hoffnung viel kleiner.
Eher ein stilles: „Ich geh trotzdem weiter.“
Trotz Gerangel.
Trotz Schwere.
Trotz Chaos im Kopf.
Trotz der Angst, jemandem zu nah oder gleichzeitig nie nah genug zu sein.
Und vielleicht besteht Reife irgendwann nicht darin, das Gerangel zu gewinnen. Sondern darin, zu lernen, ohne Bitterkeit darin zu leben.
Jesus rang übrigens ebenfalls ständig mit Menschen, Erwartungen und der Welt. Interessanterweise zog er sich auffallend oft zurück. Auf Berge. In die Wüste. Zum Beten. Heute würden wir wahrscheinlich sagen: „Der Mann brauchte dringend Offline-Zeit.“
Vielleicht wusste er einfach etwas, das wir vergessen haben:
Dass selbst die stärksten Schultern irgendwann müde werden, wenn dauerhaft an ihnen gezogen wird.
Und vielleicht brauchen Menschen deshalb manchmal keine Lösungen.
Keine Ratschläge.
Keine perfekten Antworten.
Sondern einfach nur einen kurzen Moment ohne Gerangel.
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