Geflissentlich
- christophmatthes86
- 8. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
...ist so ein Wort, das aussieht, als hätte es sein Leben im Duden verbracht. Ordentlich, geschniegelt, ein bisschen nach Amtsstube. Und dann legt man es in einen Satz – und plötzlich steht man selbst darin. Barfuß. Mit diesem kleinen, unbequemen Lächeln im Mundwinkel, das sagt: Ich weiß genau, was ich tue.
Es klingt nach Absicht.
Nach Paragraph.
Nach: Das war so geplant.
Und genau da beginnt es zu reiben.
Denn geflissentlich meint nicht kalt. Nicht berechnend. Sondern bewusst. Es ist kein Stolpern. Es ist ein Schritt. Einer den man schon lange kennt. Einer von dem man längst ahnt, wie es enden könnte – und trotzdem noch einen Schritt macht. Nur einen. Wirklich nur einen. Und dann noch einen, der genauso harmlos aussieht wie der erste. Bis man irgendwann merkt, dass man gar nicht mehr zählt, sondern fliegt.
Man tut gern so, als wäre das Leben voller Zufälle. Dinge ergeben sich. Wege entstehen. Entscheidungen passieren halt. Praktisch, wenn man später sagen kann: Das kam überraschend. Wie das Wetter. Oder die Zeit. Geflissentlich lässt diese Ausrede nicht zu.
Geflissentlich ist der Moment, in dem man merkt, dass man längst weiß, was dran ist – und trotzdem zögert. Nicht, weil man es nicht kann. Sondern weil man ahnt, dass es etwas verändert. Also bleibt man noch einen Augenblick stehen. Und dann geht man los. Nicht spektakulär. Eher leise. Aber ohne Rückweg.
Das Gemeine an geflissentlich ist sein Humor. Es flüstert: Du wirst schon wissen, was du tust. Und man nickt, obwohl man spürt, dass genau das der Punkt ist. Denn geflissentlich ist keine Dummheit. Es ist Klarheit mit Herzklopfen.
Man weiß, dass man das jetzt nicht müsste.
Man weiß auch, dass man es lassen könnte.
Und genau da entscheidet es sich.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Mangel.
Sondern aus Fülle.
Geflissentlich ist das Bleiben bei sich selbst, obwohl Erwartungen an einem zerren. Das Aushalten der eigenen Stimme, wenn sie nicht in den Chor passt. Das Weitergehen, auch wenn niemand klatscht. Es ist das Loslassen von Rollen, die zu eng geworden sind, und das vorsichtige Anziehen von etwas, das noch ungewohnt sitzt.
Natürlich streift das Grenzen. Aber nicht wie ein Angriff. Eher wie ein ehrlicher Test: Trägt das hier noch? Oder trage ich es nur, weil es immer so war? Man merkt plötzlich, dass manche Verbote nicht aus Weisheit entstanden sind, sondern aus Angst vor Bewegung.
Und dann wird das Moralische leiser. Nicht egal – aber leiser. Es fragt nicht mehr, ob etwas korrekt ist, sondern ob es Leben bringt. Ob es atmet. Ob es einen Menschen aufrechter gehen lässt. Vielleicht ist das dieser Glaube ohne Dogma, von dem man selten spricht: weniger Regel, mehr Richtung. Weniger Absicherung, mehr Vertrauen.
Geflissentlich ist kein Drama.
Es ist ein inneres Nicken.
Was geflissentlich geschieht, bleibt selten ohne Wirkung. Menschen, die bei sich angekommen sind, müssen weniger kämpfen. Sie verletzen seltener. Sie tragen weniger Schärfe in die Welt. Manchmal heilt genau das, was man sich lange nicht erlaubt hat, mehr als alles, was man brav befolgt hat.
Und dann steht man da und weiß: Das hier war nicht bequem. Aber es war wahr.
Geflissentlich ist kein Freibrief.
Aber es ist auch kein schlechtes Gewissen.
Es ist die Entscheidung, etwas zu verändern, weil Stillstand mehr schadet als Bewegung.
Weil das Festhalten an alten Wegen manchmal mehr zerstört als ihr Verlassen.
Geflissentlich fragt nicht: Darf ich das?
Sondern: Dient es dem Leben – mir, den anderen, dem Ganzen?
Und wenn die Antwort Ja ist, dann wird aus dem Aufweichen von Regeln keine Schuld, sondern Verdienst.
Nicht alles, was Regeln bewahrt, bewahrt auch Menschen.
Aber manches, was Menschen heilt, braucht den Mut, Regeln zu verändern.
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