Frisst Frust Frist oder Lust?
- christophmatthes86
- 4. März
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Tage, da merkt man: Das sind keine Nerven mehr.
Das ist eine Zündschnur.
Man erkennt den Unterschied daran, dass sie nicht plötzlich brennt. Sie glimmt. Langsam. Millimeter für Millimeter. Und jedes Mal denkt man: Ach, wird schon wieder ausgehen. Bis man merkt, dass jemand immer wieder mit dem Feuerzeug danebensteht.
Viele nennen das dann mangelnde Frustrationstoleranz.
Als müsste man nur lernen, mehr auszuhalten. Mehr Geduld. Mehr Gelassenheit. Als wäre Frust eine Art Trainingsgerät für den Charakter.
Aber manchmal liegt das Problem nicht in der Toleranz. Manchmal liegt es im System.
Frust kommt nämlich selten plötzlich.
Frust wächst . Er beginnt oft mit etwas ganz Harmlosen: einer Frist.
Eine Frist hier.
Eine Deadline dort.
Eine Entscheidung, die morgen anders aussieht als gestern.
Und während man versucht, alles einzuhalten, passiert etwas Merkwürdiges: Die Frist beginnt an einem zu nagen – zu fressen.
Sie frisst Zeit.
Sie frisst Energie.
Sie frisst Gedanken.
Und wenn sie lange genug frisst, passiert etwas fast Logisches: Die Frist verstoffwechselt Lust zu Frust.
Man könnte auch sagen: Frust ist nichts anderes als eine Frist, die zu lange gefressen hat.
Dabei hat man überhaupt kein Problem damit, wenn die obere Heeresführung sagt, wo die Reise hingehen soll. Wirklich nicht. Führung ist schließlich genau dafür da. Richtung ist keine Zumutung. Richtung ist Entlastung.
Aber wenn sich das Fähnchen jede Woche neu im Wind dreht, dann wird aus Richtung irgendwann Rotation. Und Rotation frisst Orientierung.
Man läuft los, denkt nach, plant, investiert Energie – und merkt irgendwann, dass man nicht mehr unterwegs ist, sondern nur noch kreist. Wie eine Frisbee.
Man wirft sie mit Kraft und guter Absicht. Sie fliegt eine Zeit lang stabil. Aber ohne klares Ziel beginnt sie irgendwann zu taumeln. Sie dreht sich, verliert Höhe, beschreibt Kreise, bis sie irgendwo landet, wo sie nie hin sollte.
Frust funktioniert ganz ähnlich. Er sammelt sich. Wie Druck in einem Kessel.
Man kann ihn eine Zeit lang runterschlucken. Aber irgendwann kommt die Retoure in Form des Erbrechens – bildlich gesprochen.
Der römische Philosoph Seneca hätte dazu vermutlich gesagt: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge.“
Das stimmt wahrscheinlich sogar. Aber Seneca lebte auch nicht in einer Welt, in der jede Woche jemand den Kompass neu kalibriert.
Frust entsteht nämlich selten, weil etwas schwierig ist.
Schwierigkeiten kann der Mensch erstaunlich gut ertragen.
Frust entsteht, wenn Energie da ist – aber keine Richtung. Oder wenn die Richtung ständig wechselt. Dann wird aus Energie irgendwann Überdruck.
Und aus Überdruck eine Rakete.
Nicht, weil man unbedingt fliegen wollte. Sondern weil jemand lange genug am Pulverfass gespielt hat.
Das Problem mit Raketen ist nur: Sie starten spektakulär. Aber oft verglühen sie im ersten Abwehrschirm.
Im Meeting.
Im Gespräch.
Im Alltag.
Und danach sitzt man wieder da. Zwischen Frust und Fassung. Vielleicht ist Frustrationstoleranz deshalb gar nicht die Fähigkeit, alles auszuhalten. Vielleicht ist sie die Fähigkeit zu erkennen, wann nicht die eigenen Nerven schwach sind – sondern jemand ständig an der Zündschnur spielt.
Frust ist nämlich nicht unbedingt ein Zeichen von Schwäche. Frust ist oft nur Energie ohne Richtung.
Schon in einer sehr alten Geschichte steht ein Satz, der erstaunlich modern klingt: Wo keine Vision ist, verwildert ein Volk.
Vision bündelt Energie.
Frust zerstreut sie.
Oder einfacher gesagt: Wenn niemand sagt, wo die Reise hingeht, frisst die Frist alles auf – und verstoffwechselt es zu Frust.
Die gute Nachricht ist: Energie verschwindet nicht. Sie sucht sich nur eine Richtung.
Manchmal braucht es dafür keinen neuen Wind.
Kein Fähnchen.
Keine neue Rotation.
Manchmal reicht ein Kompass.
Und manchmal wachsen genau dort, wo vorher nur Zündschnüre lagen, plötzlich Flügel.
Nicht, um zu explodieren. Sondern um zu fliegen. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe: Frust ist nicht das Ende der Geduld. Frust ist oft nur der Moment, in dem Energie endlich nach Richtung fragt.
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