Flügel
- christophmatthes86
- 28. März
- 2 Min. Lesezeit
Ein Schmetterling sieht seine eigenen Flügel nicht. Das ist kein schönes Bild, das ist einfach eine Grenze. Er fliegt, ohne zu sehen, was ihn trägt. Und vielleicht ist genau das näher an uns dran, als uns lieb ist.
Ich habe lange geglaubt, es seien die anderen. Die, die stören, die kommentieren, die irgendwo im Hintergrund sitzen wie eine Krähe und nicht aufhören zu hacken. Man kennt das – Worte, die nicht fragen, sondern treffen. Blicke, die mehr sagen als sie sollten. Und irgendwo dazwischen entsteht dieser saubere Gedanke: Steig einfach höher. Mach es wie ein Adler. Entzieh dich. Reagier nicht. Steh' drüber.
Das funktioniert erstaunlich gut. Für eine Weile fühlt sich das sogar nach Souveränität an. Nach Kontrolle. Nach einem stillen Sieg.
Bis man merkt, dass man dabei nicht nur Abstand gewinnt, sondern auch etwas vermeidet.
Denn die unbequeme Wahrheit ist nicht, dass da draußen Krähen sind. Die unbequeme Wahrheit ist, dass man selbst manchmal eine ist. Dass man kommentiert, einordnet, bewertet. Dass man sich an Dingen festbeißt, die einen eigentlich nichts angehen, nur um nicht bei sich selbst zu landen. Und dass man genauso gut der Adler sein kann, der höher steigt – nicht, weil er über allem steht, sondern weil er nicht hinschauen will.
Und während man noch damit beschäftigt ist, herauszufinden, wer man eigentlich ist, passiert längst etwas anderes: Man fliegt.
Das ist der Teil, der schwer zu greifen ist. Nicht, weil er kompliziert wäre, sondern weil er zu nah liegt. Weil er nicht spektakulär ist. Weil niemand klatscht. Weil er sich nicht anfühlt wie „jetzt habe ich es geschafft“, sondern eher wie „war das schon alles?“
Und genau da beginnt dieses leise Verschieben. Man sucht weiter. Nach mehr, nach besser, nach dem nächsten Punkt, an dem es sich eindeutiger anfühlt. Während man Dinge tut, die – wenn man ehrlich wäre – längst reichen würden.
Vielleicht ist das der eigentliche Bruch: Dass wir nicht daran scheitern, keine Flügel zu haben, sondern daran, dass wir sie nicht sehen. Dass wir uns verhalten, als müssten wir erst noch lernen zu fliegen, während wir längst in der Luft sind. Dass wir Zweifel für Realität halten und Wirkung für Zufall.
Und irgendwann kippt etwas. Nicht laut. Eher wie ein kurzer Moment, in dem man sich selbst nicht mehr ganz ausweichen kann. In dem man merkt, dass dieses ständige Wechselspiel – mal Krähe, mal Adler, mal irgendetwas dazwischen – kein Fehler ist, sondern ein Muster. Und dass man es nicht loswird, indem man sich für eine Seite entscheidet. Vielleicht geht es gar nicht darum, das zu klären.
Vielleicht geht es nur darum, sich irgendwann nicht mehr dümmer zu stellen, als man ist. Nicht mehr so zu tun, als wüsste man nicht längst, was man kann. Nicht mehr darauf zu warten, dass es sich groß anfühlt, bevor man es ernst nimmt. Nicht mehr jede Bewegung als Suche zu tarnen, nur weil man sich im Finden nicht dauerhaft einrichten will.
Ein Schmetterling braucht keinen Beweis, dass er fliegen kann. Er tut es einfach, ohne sich dabei zuzusehen.
Und wir verbringen ein erstaunlich großes Stück unseres Lebens damit, in der Luft zu bleiben – und uns gleichzeitig einzureden, wir wären noch am Boden.
Wir sind nicht auf der Suche.
Wir sind nur nicht bereit, das Gefundene gelten zu lassen.
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