Es lohnt sich, die Sachen leicht zu nehmen – ohne sie sich zu einfach zu machen
- christophmatthes86
- 8. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Dez. 2025
Es gibt Sätze, die so unscheinbar daherkommen, dass man sie fast in einer Sprachnachricht überhört. Und dann bleibt man plötzlich hängen, weil man spürt: Da steckt mehr drin, als man auf den ersten Blick sieht.
Dieser Satz gehört dazu:
„Es lohnt sich, die Sachen leicht zu nehmen, ohne sie sich zu einfach zu machen.“
Vielleicht ist das sogar einer der Sätze, den wir heutzutage am dringendsten brauchen.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles gleichzeitig schwer und erstaunlich leicht geworden ist. Schwer, weil Krisen, Konflikte und Katastrophen uns täglich aus dem Bildschirm entgegenrauschen. Leicht, weil ein Wisch übers Smartphone genügt, um die Welt kurz auszublenden. Wir verwechseln immer häufiger das Leichtnehmen mit Wegdrücken, das Aushalten mit Abschalten, und die Würde einer Herausforderung mit der Frage, ob sie sich gut in unseren Kalender integrieren lässt.
Und vielleicht genau deshalb wächst in uns diese paradoxe Sehnsucht nach Balance: Wie gelingt ein Leben, das uns nicht erdrückt, aber auch nicht betäubt?
Interessanterweise kennen alle drei großen monotheistischen Traditionen die Kunst, Dinge leicht zu nehmen, ohne ihnen ihre Tiefe zu rauben.
In der Tora (Ex 16, 4–5; 16–20) finden wir die Erzählung von der Wüste: ein Volk zwischen Murren und Vertrauen. Der tägliche Auftrag war nicht, die Wüste zu lieben, sondern sie zu tragen – und sich dabei nicht von ihr erdrücken zu lassen. Das Manna war nie ein Geschenk der Bequemlichkeit, sondern der Entlastung: genug für heute, nicht zu viel für morgen. Leicht – aber nicht einfach.
Im Neuen Testament (Mt 11, 28–30) heißt es: „Meine Last ist leicht.“ Ein Satz, der gerne romantisiert wird, obwohl er eine Zumutung enthält: Leicht wird sie nur dann, wenn du sie gemeinsam trägst. Wenn du Loslassen lernst, aber nicht Fliehen. Wenn du Verantwortung übernimmst, ohne dich zu überfordern. Leicht – aber nicht einfach.
Und im Koran (Sure 2:185 und ergänzend Sure 94:5–6) steht: „Gott will für euch Erleichterung und nicht Erschwernis.“ Eine Einladung, sich nicht im Dickicht der eigenen Strenge zu verlieren. Gleichzeitig folgt daraus kein Freifahrtschein für Halbherzigkeit. Denn dieselbe Schrift fordert Wachheit, Maß, Beharrlichkeit. Erleichterung – aber nicht Simplifizierung.
Drei Quellen. Ein Gedanke.
Wir stehen in einem Zeitgeist, der zwei Extreme anbietet:
Entweder
wir tragen die Welt wie ein dauerndes Gewicht – voller Überforderung, Schuld und Meinungsschlachten.
Oder
wir lassen alles an uns abprallen – als wären wir Zuschauer eines Filmes, der mit uns nichts zu tun hat.
Beides trennt uns voneinander. Beides macht uns hart – oder hohl.
Vielleicht braucht unsere Generation etwas anderes: die Rückkehr zu einem heilsamen Mittelweg. Nicht als lauwarmes Kompromissmodell, sondern als Haltung der Mündigen.
Leicht nehmen bedeutet: Die Schwere nicht größer machen, als sie ist.
Nicht zu einfach machen bedeutet: Die Bedeutung nicht kleiner machen, als sie ist.
Zwischen diesen beiden Polen entsteht jene Form von Gelassenheit, die weder Zynismus noch Naivität kennt. Eine Haltung, in der wir Verantwortung tragen – und trotzdem atmen.
Eine Einladung zur Reife
Vielleicht ist Leichtigkeit heute ein Akt des Widerstands.
Gegen das permanente Drama.
Gegen die Erzählung, dass nur derjenige zählt, der am lautesten leidet oder am meisten arbeitet.
Gegen die Idee, dass Sinn und Schwere untrennbar sind.
Leicht nehmen heißt: Dem Leben nicht mehr Bedeutung geben, als es von sich aus schon hat.
Nicht einfach machen heißt: Sich selbst nicht aus der Verantwortung stehlen.
Alle drei Traditionen – Tora, Evangelien, Koran – beschreiben diese Haltung als eine Form von innerer Freiheit. Der Mut, das Wesentliche zu tun, ohne das Unwesentliche zu dramatisieren. Die Kunst, das Schwere nicht zu fürchten und das Leichte nicht zu verachten.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem unser Zeitgeist wieder anfangen könnte zu heilen.
Denn wer lernt, die Dinge leicht zu nehmen, ohne sie sich zu einfach zu machen,
der nimmt vor allem sich selbst ernst – ohne sich zu überhöhen.
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