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Ein Duett, das keiner (mehr) hört

  • christophmatthes86
  • 20. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Vielleicht ist Entzweiung nicht das Ende einer Liebe.

Vielleicht ist sie ihr Fieber.

Ein Zeichen dafür, dass etwas fehlt, obwohl noch alles da ist.


Man lebt nebeneinander.

Man kennt die Abläufe.

Man weiß, wann der andere müde ist, wann Termine drücken, wann der Alltag wieder einmal alles auffrisst.

Und trotzdem bleibt dieser leise Gedanke:

Warum scheint für andere mehr Zeit zu sein als für mich?


Zeit hat man nicht, heißt es.

Zeit nimmt man sich.

Oder eben nicht.


Man nimmt sie sich für Gespräche, die leicht fallen.

Für Menschen, bei denen man aufmerksam ist, geduldig, zugewandt.

Man formuliert warm, hört genau zu, denkt nach.

Und zu Hause reicht ein „später“, ein „gleich“, ein „jetzt nicht“.


Vielleicht ist das der Moment, in dem Nähe kippt.

Nicht, weil man sich nicht mehr liebt.

Sondern weil Liebe plötzlich nicht mehr priorisiert wird.


Wann passiert das?

Wann wird Vertrautheit so sicher, dass sie keine Pflege mehr braucht?

Wann wird Gewissheit zur Bequemlichkeit?

Und wann merkt man, dass man nicht mehr um Aufmerksamkeit bittet, sondern um Erinnerung?


Es gibt diesen Satz, der manchmal halb scherzhaft fällt:

Ich habe das Gefühl, ich spiele nur noch die zweite Geige.

Und dann kommt er, der gut gemeinte, aber falsche Trost:

Sei froh, dass du überhaupt im Orchester spielst.


Aber das ist keine Antwort.

Denn Liebe ist kein Orchester, in dem man froh sein muss, dabei zu sein.

Liebe ist ein Duett.

Und wer ständig nur begleitet, hört irgendwann auf, mitzuschwingen.


Das Schwerste ist dabei nicht der Streit.

Nicht die Worte, die man sich an den Kopf wirft.

Das Schwerste ist die Lieblosigkeit der Kleinigkeiten.

Die Dinge, die man nicht mehr tut.

Nicht mehr fragt.

Nicht mehr sagt.

Nicht mehr sieht.


Lieblosigkeit ist selten laut.

Sie ist leise.

Sie tarnt sich als Müdigkeit, als Alltag, als Verantwortung.

Und irgendwann steht man da und merkt:

Ich bin noch da – aber ich komme nicht mehr vor.


Vielleicht tut es deshalb so weh, weil man nicht verlassen wurde.

Sondern übersehen.

Weil man nicht gegangen ist, sondern geblieben – und dabei ein Stück Würde verloren hat.


Und doch:

Zwischen all dem liegt noch etwas.

Ein Restlicht.

Eine Ahnung davon, dass Liebe mehr ist als diese Phase.

Dass Nähe wieder wachsen kann, wenn man sich traut, ehrlich hinzusehen.

Nicht anklagend.

Nicht belehrend.

Sondern wahrhaftig.


Vielleicht beginnt Heilung nicht mit großen Gesprächen.

Sondern mit einem kleinen Satz.

Mit einem bewussten Innehalten.

Mit der Entscheidung, Wärme wieder nach Hause zu holen.


In manchen alten Texten heißt es sinngemäß:

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

Vielleicht lohnt es sich, diese Frage neu zu stellen.

Nicht als Vorwurf.

Sondern als Einladung.


Und vielleicht gehört auch Selbstliebe dazu.

Sich selbst ernst zu nehmen.

Nicht um Aufmerksamkeit zu kämpfen.

Aber auch nicht zu verschwinden.

Zu vertrauen, dass man mehr ist als die zweite Geige.

Und dass Liebe – echte Liebe – irgendwann wieder zuhört.


Manchmal wird es besser.

Nicht sofort.

Nicht magisch.

Aber leise.

So, wie es kaputtgegangen ist.

 
 
 

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